Vom Leben auf der Wachkoma-Station

Christoph Müller-Stoffels

Schon als wir die Treppen zum zweiten Stock hinaufgehen, schlägt uns dieser unnachahmliche Geruch entgegen, den Krankenhäuser und Pflegeheime gemein haben. Es riecht nach Ausscheidungen, Desinfektionsmittel und einer Note, die mit Krankheit zu tun hat. Mathias Hirth hat hier viereinhalb Monate gejobbt, im St. Carolushaus, auf der Wachkoma-Station. Über seine Erfahrungen hat er uns erzählt.



Als wir auf den Flur der Wachkoma-Station treten, hören wir eine brüchige Stimme rufen: "Mathias!" Erstaunt blicke ich Mathias Hirth an. Von Wachkoma-Patienten habe ich weniger Ansprache erwartet. Hirth lacht. "Das ist Frau Geiger*. Bevor hier eine Wachkoma-Station war, wurde den die Räume auch für das Altenheim genutzt. Sie ist schon 20 Jahre hier. Man wollte sie nicht aus ihrer ertrauten Umgebung herausreißen." Freundlich und mit erhobener Stimme begrüßt er die alte Dame. Sie ist nicht nur schwerhörig, sondern auch vergesslich. Ihre obere Zahnprothese liegt vor ihr auf dem Tisch. "Wollen Sie die Zähne nicht lieber in den Mund nehmen, Frau Geiger?", fragt Hirth die Frau, die ihn überrascht anblickt. "Da haben Sie Recht", entgegnet sie erfreut, "das könnte ich machen."


"Anfangs war es für mich sehr belastend, hier zu arbeiten", erzählt Hirth, als wir weiter gehen. Das ist nachvollziehbar. Der Altersdurchschnitt der Bewohner (man spricht hier nicht von Patienten) liegt nach Hirths Schätzungen bei 35 bis 40 Jahren. Autounfall, Fahrradunfall, Zuckerkrankheit, Junkie. "Mich hat interessiert, warum die Menschen hier sind. Ich habe die Einzelschicksale viel zu nah an mich heran gelassen. Das kann einen schon fertigmachen. Das Team hat mir unheimlich geholfen. Die haben mir gesagt, dass ich mit ihnen über alles reden kann und auch soll." Freundlich begrüßen ihn die alten Kollegen, als er nun wieder da ist.

Aus einem Zimmer hört man Hard Rock, AC/DC. "Es ist wichtig, den Menschen eine vertraute Umgebung zu schaffen. Dieser Bewohner hat gerne Rock oder Metal gehört. Wenn wir das jetzt auflegen, entspannt er sich." Auch Farben sind sehr wichtig. Ein Bewohnerin habe vor ihrem Unfall rot geliebt. "Obwohl sie sonst sehr angespannt ist und schnell erschrickt, wird sie ruhig, wenn sie ein rotes T-Shirt trägt." Hirth erzählt das alles sehr ruhig und gelassen. "Es sind die Gerüche, die einen verfolgen", sagt er, als wir weitergehen. "Es kam vor, dass ich zu Hause war und plötzlich einen dieser Gerüche in der Nase hatte, einfach so im Flur. Oder ich lag im Bett. Wieder hatte ich den Geruch in der Nase." Auch sein Schlaf war nicht mehr so tief.


Mit der Zeit baut man sich einen Selbstschutz auf. "Man stumpft ab, aber auf eine positive Art. Es war nicht so, dass mir die Leute egal waren, ich konnte einfach besser mit ihnen und ihren Schicksalen umgehen." Umgehen ist das Schlüsselwort, denn keine Pflege ist wie die andere, kein Bewohner wie der andere. Immer wenn Hirth es mit einem neuen Bewohner zu tun bekam, war er unsicher. "Du kannst keine Pflege mit der anderen vergleichen, das ist immer individuell. Du musst jeden Bewohner anders anfassen, jeder braucht bestimmt Berührungen, andere mag er nicht. Dann erschrickt er und fängt an zu weinen oder erbricht sich." Besonders bei Menschen mit Tracheal-Kanüle (ein direkter Zugang zur Luftröhre, der durch einen Schnitt am Hals gelegt wird) sieht das unerfreulich aus, weil das sehr dunkel ist. Es kann auch mal sein, dass Blut mitkommt.

Vor dem Fernseher in einer Sitzecke auf dem Flur treffen wir Anna* in ihrem Rollstuhl. Sie ist Hirths Liebling und lächelt, als er sie anspricht und am Kopf streichelt. "Das mag sie besonders." Ihre Eltern sind einverstanden, dass wir bei ihr im Zimmer Fotos machen. Es ist kurz vor sechs Uhr und Hirth fragt seine Kollegen, die gerade mit einer anderen Bewohnerin beschäftigt sind, ob er sie auch gleich ins Bett bringen soll. Natürlich soll er. "Man muss die Leute immer fest an der Schulter packen", erklärt er mir, während er Anna die Schuhe auszieht, "musst laut mit ihnen reden und jeden Schritt erklären, den man mit ihnen vor hat." Anna kann inzwischen in einem Rollstuhl sitzen. Sie hat Fortschritte gemacht. Auch eine Tracheal-Kanüle hat sie nicht mehr. Trotzdem sind die Chancen sehr gering, dass jemand, der einmal im Wachkoma lag, wieder vollkommen gesund wird. Physiotherapie, Musiktherapie, Logopädie und Ergotherapie können zu signifikanten Verbesserunge beitragen.

Er hätte auch jeden anderen Job machen können. Aber die typischen Studentenjobs interessierten Mathias, 26 Jahre alt, nicht. "Ich wollte die Erfahrung hier machen. Eigentlich hatte ich mich um einen Job in einem Sterbehospiz beworben. Meine Eltern haben mir davon abgeraten. Inzwischen bin ich mir auch sicher, dass ich es nicht gepackt hätte." Er hält kurz inne. "Ich bin auch froh", gibt er dann ganz offen zu, "das es vorbei ist." Schon jetzt hat sein Studium darunter gelitten. Hirth studiert Geschichte, Politik und Germanistik auf Lehramt. Anfangs war er noch zu den Veranstaltungen gegangen. Aber dann wurde die Belastung zu groß. "Ich hatte die ganze Zeit Frühdienst. Danach noch an die Uni zu gehen, ging für mich nicht." Auch seine Freunde stellte er vor eine Herausforderung, denn plötzlich hatte er einen ganz anderen Rhythmus, musste meist um zwölf Uhr nach Hause, wenn für die anderen die Party erst losging. Nicht alle hatten Verständnis dafür, warum er das gemacht hat. "Denen war einfach nicht klar, warum ich das hier gemacht habe. Andere fanden es toll und haben mich unterstützt."

Man lernt das Leben und seine Details neu schätzen, wenn man hier arbeitet. Plötzlich kann alles ganz anders sein. Das wird einem hier vor Augen geführt. Trotzdem ist nicht alles schrecklich, was man hier zu sehen bekommt. Jedes Zimmer ist hier individuell eingerichtet. Darauf wird im St. Carolushaus großen Wert gelegt. Und die Arbeit? "Man denkt ja immer, der Job würde nur belasten und wäre nur anstrengend. Aber man bekommt so viel von den Bewohnern zurück. Ein Lächeln kann so etwas tolles sein. Es kann einem unheimlich viel geben, mit diesen Menschen umzugehen." Seine Augen leuchten, als er das sagt. "Ich habe hier viel gelernt."

*Namen von der Redaktion geändert.

Mehr dazu:

  • das St. Carolushaus ist in der Habsburgerstraße 124. Virtuell ist es unter st-carolushaus.de zu finden.

  • Wachkoma ist ein Synonym für das neurologische Krankheitsbild des Appalischen Syndroms. Es wird durch schwerste Schädigung des Großhirns hervorgerufen. Der deutsche Psychiater Ernst Kretschmer beschrieb 1940 die Symptome so: "Der Patient liegt wach da mit offenen Augen. Der Blick starrt gerade oder gleitet ohne Fixationspunkt verständnislos hin und her. Auch der Versuch, die Aufmerksamkeit hinzulenken, gelingt nicht oder höchstens spurweise; Ansprechen, Anfassen, Vorhalten von Gegenständen erweckt keinen sinnvollen Widerhall; die reflektorischen Flucht- und Abwehrbewegungen können fehlen ?" Das Zitat entstammt dem Wikipedia-Artikel zum Thema.

  • Die Ärzte-Zeitung berichtet von den Erfolgen der Musiktherapie bei Wachkoma-Patienten: aerztezeitung.de.