Vom Hörsaal an die Tafel: Wie sich das Leben junger Lehrer verändert

Minh Duc Nguyen

Fünf junge Lehrer, die gerade ihre Stelle angetreten haben, erzählen von Sorgen, Herausforderungen und Umstellungen, die ihr Alltag in der Schule mit sich bringt.



Jetzt ist der Augenblick gekommen. Es gibt kein zurück mehr. Andreas Renn* steht an der Tafel sieht mehr als 30 sitzende und zum Teil stehende Schüler. Einige von ihnen unterhalten sich noch, die meisten jedoch schauen erwartungsvoll nach vorn, auf ihn. Renn lässt seinen Blick nochmals über die vielen Köpfe streifen. Von heute an werden das seine Schüler sein. Er muss auf seine Wortwahl achten, denn Kinder bemerken schnell, wenn jemand schwach ist.


„Ich war an meinem ersten Arbeitstag schon aufgeregt“, sagt der 29-Jährige heute. So viele Eindrücke auf einmal, das lasse niemanden kalt. Inzwischen sind zwei Jahre vergangen. Renn unterrichtet Geschichte und Politik von der sechsten bis zur 13. Klasse an einem Freiburger Gymnasium.

Dabei hat seine Karriere ganz anders angefangen. Renn hat die Fächer studiert, die ihm Spaß machten, eben Geschichte und Politik. Erst während des Praxissemesters an einem Gymnasium wurde ihm klar, dass ihm der Lehrerberuf naheliegt.

Sein Arbeitstag beginnt mit dem Blick auf den Vertretungsplan. „Ich muss erst einmal schauen, ob nicht jemand krank ist und ich für ihn einspringen muss“, sagt Renn. Erst, wenn alle organisatorischen Notwendigkeiten erledigt sind, beginnt für ihn der Alltag.

Auf jede Unterrichtsstunde muss sich ein Lehrer vorbereiten. Der Aufwand hängt nicht nur vom Lernstoff ab, sondern auch vom Alter der Schüler. „Bei den Kleinen geht es oft darum, Lärm einzudämmen und Kleinigkeiten zu organisieren“, sagt Grundschullehrerin Patrizia Zulauf. Die Kinder seien ungezwungen und reagierten launisch. Einen geordneten Stundenplan durchzuziehen, sei unmöglich.

Die Lehrer müssten oft spontan und intuitiv handeln. „Anders geht das nicht“, sagt die 29-Jährige, die seit einem Jahr Grundschüler unterrichtet. Das zu tun, war ihr Wunsch. Weil sie, wie sie sagt, den Kindern nicht nur den Lernstoff vermitteln, sondern ihnen auch soziale Grundlagen beibringen wolle.

Junge Pädagogen befinden sich mitten im sogenannten Bildungswandel. Seit der Einführung der G8-Reform im Jahre 2001, die schrittweise das neunjährige Gymnasium auf acht Jahre komprimiert, werden zusätzliche Anforderungen an Lehrer und Schüler gestellt. Über Vor- und Nachteile dieser Reform sind die jungen Pädagogen geteilter Meinung.

Dorothee Ratz etwa findet die Reform gut.

Die 26-Jährige ist Referendarin in einem Gymnasium und freut sich über die zusätzlichen Doppelstunden. „Ich kann in diesen 90 Minuten besser in die Tiefe gehen“, sagt Ratz, die Deutsch unterrichtet. Ihr Lebensgefährte Phillip Ratz hingegen kann sich mit der Reform nicht so recht anfreunden. Als Musiklehrer wünscht er sich Kontinuität. Und die sei seit der Umstellung schwer umzusetzen: „Es ist wie beim Lernen von Fremdsprachen. Es reicht nicht, einmal 90 Minuten zu lernen, dann eine Woche lang wieder nichts“, sagt Ratz.

Christian Heigel ist seit einem Jahr Deutsch- und Englischlehrer. Das Tragen von Verantwortung ist für ihn mehr als nur eine Pflicht, die jeder Arbeitnehmer hat. Denn als Lehrer sei er auch eine Bezugsperson für die Schüler: „Ich bin womöglich ein Teil ihres Lebens wie sie auch Teil meines Lebens sind.“ Junge Lehrer müssten Professionalität entwickeln. „Das fängt schon bei der Erscheinung an. Ich stehe als Lehrer ständig im Fokus und habe auch eine Vorbildfunktion“, sagt Heigel.

Manchmal gehe das Verantwortungsgefühl auch in Angst über. Zum Beispiel, wenn junge Lehrer das erste Mal mit den Schülern einen Ausflug unternehmen. „Wenn bei solchen Ausflügen irgend etwas schiefgeht, bin ich am Ende der Depp“, sagt Renn. Man müsse darauf achten, dass die Verantwortung einen nicht erdrücke. „Es gibt Lehrer, die am Anfang ihrer Kariere damit nicht klarkommen, weil sie diese Bürde mit nach Hause nehmen“, sagt Renn.

Auch die Tatsache, dass sie ihre Lebensgewohnheiten manchmal umstellen müssen, nehmen junge Lehrer in Kauf. Man müsse zum Beispiel darauf achten, dass man nach Feierabend nicht dieselbe Bar besuche wie seine Schüler. Es sei denn, man macht auf "Unser Lehrer Doktor Specht".

Der Weg vom Vorlesungssaal ins Klassezimmer ist für Heigel nur ein Gefühl, keine Umstellung. Schließlich sei die Schule mehr als nur reine Wissensvermittlung. „Ich muss jeden Tag dazu lernen, wie die Kinder auch.“

[ *Name von der Redaktion geändert ]

Mehr dazu:

  • fudder: http://fudder.de titel="">Der rappende Lehrer: Blockparty im Klassenzimmer
  • Badische Zeitung: http://www.badische-zeitung.de titel="">Junge Lehrer sagen reihenweise ab
  • Badische Zeitung: http://www.badische-zeitung.de titel="">Die Lehrer im Land werden immer jünger