Vom Ende des Hipsters

Manuel Lorenz

Die Ära des Hipster ist vorbei - das jedenfalls behauptet fudder-Redakteur Manuel Lorenz. Anhand dreier Thesen zeigt er auf, dass das Ende jener polarisierenden Figur längst besiegelt zu sein scheint. Ein Essay.



Lange Zeit sah es ganz so aus, als würden die Schulterblätter und Kastanienalleen, auf denen der Hipster sein Vintage-Rennrad spazieren führt, ewig weitergehen und niemals enden - frei nach der Grimm'schen Schlussformulierung: Und wenn er nicht gestorben ist, dann krault er sich noch heute seinen Vollbart und leert artig seine Club-Mate-Flasche. Aber das Jahr 2014 sieht nicht gut aus für jene fabelhafte Figur der Gegenwart; schwere Wolken ziehen auf und verdunkeln das neonfarbene Subkulturmärchen.


"Lieber Gott, lass 2014 das Jahr sein, in dem das Wort 'Hipster' für immer verschwindet", titelte im Januar das Vice-Magazin. Und wenn jemand über die Weihe verfügt, ein solches Stoßgebet gen Himmel zu senden, dann die Vice - das Hipster-Magazin schlechthin. In den Kommentaren spöttelte es natürlich, dass das Longboard kracht: "Fangt mit der Wurzel allen Übels an und schließt Vice Germany", "Ein Hipster-Magazin ohne Hipster? Wie soll das funktionieren?", "Sagt DAS Hipster-Magazin", "Selbstmordfantasien?". Das Vice-Magazin führte sich auf wie Saturn, es schickte sich an, seine Kinder zu fressen.

Nun wurde das Ende des Hipsters schon mindestens so oft vorausgesagt wie das Ende des Hiphops oder das Ende der Welt (was für manche dasselbe zu sein scheint). 2009 widmete die New Yorker Kulturzeitschrift n+1 - von bösen Zungen als intellektuelles Hipster-Magazin diffamiert - dem Hipster eine Tagung, dessen Vorträge, Podiumsdiskussionen und Medienberichte sie 2010 im Sammelband "What Was the Hipster?" veröffentlichte. Auf seinen Inhalt einzugehen, ist hier weder möglich noch notwendig - es reicht ein zweiter Blick auf seinen Titel. In diesem geht es weniger darum, tatsächlich eine Frage aufzuwerfen, als - man beachte das Präteritum des Zeitworts ("was") - den Hipster zu einer Gestalt der Vergangenheit zu erklären.

Die 2011 in der Edition Suhrkamp erschienene deutsche Übersetzung und Aktualisierung des Bandes verzichtete zwar auf eine solch polemische Aussage und verwandte den schlichten, paradigmatischen Titel "Hipster"; zwei Jahre später, im März 2013, behauptete aber die Süddeutsche Zeitung, "Der Hipster ist tot ..." und bezeichnete ihn als "gescheiterte[n] Missionar".

Dass sie damit in zweierlei Hinsicht falsch lag, der Hipster damals nämlich noch quicklebendig war und sich also noch inmitten seiner Mission befand, beweisen zahlreiche zeitgleich erschienenen Hasstiraden (und zwei BuzzFeed-Bilderstrecken Mitte des Jahres). Die Frankfurter Allgemeine Zeitung forderte genervt dazu auf, "Schluss mit dem Hipsterspuk" zu machen, die Tageszeitung machte den "Sündenbock Hipster" aus, das Satiremagazin Titanic ließ ihn überfallen und entstellen, die Website LookAtThisFuckinHipster.com sammelte Fotos von Hipstern und machte sich über sie lustig und Julian Heuns schrieb mit "Strawberry Fields Berlin" den ersten Hipster-Hass-Roman.

Als Reaktion auf all das verfasste ich ein Lob des Hipstertums, in der ich erklärte, "Warum wir dem Hipster dankbar sein sollten". Kurz: Weil er Subkulturen wieder auffrischt, weil er uns lehrt, das Alte zu schätzen, und weil er hässliche Dinge wieder schön macht.

Der Hipster ist im Mainstream angekommen

Das zu Anfang zitierte Stoßgebet des Vice-Magazins macht einen guten, geradezu philosophischen Punkt: "Wenn jeder ein Hipster ist, dann ist niemand ein Hipster." Als Hipster bezeichnet würden nämlich mittlerweile ...

... zum Beispiel diese Deppen, die sich kleiden, als wäre es 1932, Hosenträger tragen und Schnurbartwachs kaufen ... Irgendwelche Spießer, die öffentlich-rechtliches Radio hören und Drehbücher bei Starbucks schreiben ... Ebenso weiße Jugendliche, die Hiphop hören. Bärtige Typen mit Flanellhemden, Mädchen in Einteilern mit Vögeln drauf, Leute, die bei Urban Outfitters einkaufen, Leute mit schwarzen Hornbrillen, Rockabilly-Pärchen, Prius-Fahrer, Fahrradfahrer, Pitchfork-Leser, Leute, die in Secondhandläden kaufen, alles, was mit VICE zu tun hat, Plattensammler, Folkrocker, Kunststudenten, Jugendliche mit Aktienfonds, Veganer, Ex-Punks, jeder, der zwischen 22 und 35 Jahre alt ist und alle 2,6 Millionen Einwohner von Brooklyn. Alle sind anscheinend Hipster.

Anscheinend? Oder tatsächlich?

Wenn man sich in der massenkompatibelsten Innenstadt bei Weekday, Urban Outfitters und American Apparel ein- beziehungsweise verkleiden kann, man selbst im Proto-Primark New Yorker Berliner Street-Style bekommt, wenn jeder zweite Studierende ein MacBook besitzt und Businessmänner ihren Blackberry gegen das neue iPhone eintauschen.

Wenn jedes Wochenende ein neuer Flohmarkt eröffnet, wenn Fixies im Fahrradladen neben Citybikes stehen, wenn selbst der letzte Depp sein Organic Food instagramt, wenn Lehramtsstudentinnen die illegale Open-Air-Party finden, wenn der Langenscheidt-Verlag "Yolo" zum Jugendwort des Jahres 2012 ernennt, wenn der Jutebeutel zum allgemeinen Ersatz für Plastiktüten wird.

Wenn MC Fitti 2013 beim Bundesvision Song Contest den dritten Platz belegt, einen Gastauftritt in der Scripted-Reality-Doku-Soap "Berlin - Tag & Nacht" bekommt und den Elektronik-Fachmarkt Saturn bewirbt, wenn Joko und Klaas auf Pro7 sind, wenn Marco Reus einen Undercut trägt und sich jeder Schmock ein Seemannsmotiv tätowieren lässt, wenn's selbst Neonazis gibt, die sich als Hipster gerieren.

Wenn's um 8,50 Euro ein Hipster-Quartett gibt, wenn Schwarzkopf und Schwarzkopf ein Hiptser-Handbuch veröffentlichen, in dem 45 (!) Hipster-Typen verzeichnet sind - darunter "Der Comicladenbesitzer", "Der Barista" und "Der Drogendealer" - wenn das coole Weblog Gawker.com aus Manhattan proklamiert, Berlin alias Hipsterlandia sei "over". Wenn, wenn, wenn. Dann verschwindet der Unterschied zwischen Sein und Schein.

2013 war Hipster-Schlussverkauf. Oder prosaischer gesagt: Der Hipster ist im Mainstream angekommen.

Die Postmoderne reißt den Hipster mit in den Tod

Jede Epoche hat ihren Hauptdarsteller, und der Hipster ist der Protagonist der Postmoderne. Wofür jendes Zeitalter tatsächlich steht, weiß ja eigentlich keiner so genau. In einer Wortwolke würden aber wohl folgende Begriffe auftauchen: Ironie, Unvernunft, Relativismus, Eklektizismus, Dekonstruktion, Sampling, Fragmentarisierung, Diskontinuität, Mixing, Amoralismus, Toleranz, Affektivität, Collage. Wikipedia:

In der Postmoderne steht nicht die Innovation im Mittelpunkt des (künstlerischen) Interesses, sondern eine Rekombination oder neue Anwendung vorhandener Ideen. Die Welt wird nicht auf ein Fortschrittsziel hin betrachtet, sondern vielmehr als pluralistisch, zufällig, chaotisch und in ihren hinfälligen Momenten angesehen. Ebenso gilt die menschliche Identität als instabil und durch viele, teils disparate, kulturelle Faktoren geprägt. Massenmedien und Technik spielen eine wichtige Rolle als Träger wie Vermittler von Kultur.

Der Absatz liest sich, als stünde er im Lexikon der Hipstertums.

Nun hat der Bonner Philosophieprofesser Markus Gabriel die Postmoderne vor drei Jahren für vorbei erklärt - "bei einem Mitagessen in Neapel", wie er in seinem 2013 erschienenen Spiegel-Bestseller "Warum es die Welt nicht gibt" kolportiert. Gabriel rief ein neues Zeitalter aus: den Neuen Realismus. Die Intellektuellen-Zeitschrift Merkur hat dies Ende vergangenen Jahres thematisiert; die Wochenzeitung Die Zeit hat dem Neuen Realismus eine eigene Serie im Feuilleton gewidmet, in der mittlerweile sechs Beiträge erschienen sind.

Während Immanuel Kant behauptete, dass man die Welt, wie sie "an sich" ist, nicht erkennen könne, geht Gabriel davon aus, dass "wir die Welt so erkennen, wie sie an sich ist. Natürlich können wir uns täuschen, dann befinden wir uns unter Umständen in einer Illusion. Aber es stimmt einfach nicht, dass wir uns immer oder auch nur fast immer täuschen".

Inwiefern er recht hat oder nicht, spielt hier keine Rolle. Darüber diskutieren die Profis genug. Es reicht, festzustellen, dass immer mehr namhafte Zeitdiagnostiker die Postmoderne zu Grabe tragen - und mit ihr seine popkulturelle Ausgeburt: den Hipster.

Die Google-Kurve hat den Zenit überschritten

"Die Welt ist eine Google", textete 2003 ein Anonymus genauso kalauerhaft wie zutreffend. Und seit Hipstergedenken treiben sich auf ihr Menschen herum, die nach dem Begriff "Hipster" suchen. Wann, wie oft und wo sie dies seit 2004 getan haben, verzeichnet der Google-Dienst Google Trends und veranschaulicht das Ergebnis anhand eines Graphen.

Der Graph für den Suchbegriff "Hipster" in Deutschland beginnt seine steile Bergfahrt im Januar 2010. Im März 2013 erreicht er seinen Höhepunkt; dann geht's nur noch bergab. Heute befindet er sich unter dem Stand von vor zwei Jahren - da trugen Hipster noch Schnurrbart, fuhren Lonboard und schmückten sich mit Stoffbeuteln, auf denen ironische Sprüche standen.



Mit Google Trends lässt sich voraussagen, wann und wo eine Grippe wie stark auftritt - noch bevor die Krankenkassen es wissen. Was aber lässt sich nun aus der Tatsache schließen, dass immer weniger Menschen den Begriff "Hipster" googeln?

Zumindest, dass immer weniger Menschen wissen wollen, was der Begriff "Hipster" bedeutet - und zwar entweder, weil sie bereits wissen, was er bedeutet, er also in den Mainstream eingegangen ist, oder, weil er an Bedeutung verloren hat, er also einfach nicht mehr interessiert. Die beiden Möglichkeiten schließen sich nicht aus, und meist folgt wohl aus dem einen das andere: Weil der Hipster Allgemeingut geworden ist, ist er nicht mehr interessant.

Mit Blick auf Googles Grippe-Prognose könnte man sagen: Das Hipster-Fieber ist vorbei.

What's next?

Der Hipster ist im Mainstream angekommen, die Postmoderne reißt ihn mit in den Tod, seine Google-Kurve hat den Zenit überschritten: Sein Ende scheint besiegelt.

Und jetzt? What's next? Wer wird des Hipsters legitimer Nachfolger? Das weiß wohl keiner. Sicher ist lediglich folgendes Szenario:

Zuerst wird ein Neologismus entstehen: das noch umständlich klingende "hipsterig". Dann wird sich das Hipstertum ausdifferenzieren und Sub-Subkulturen gebären. Zum Teil passiert das gerade schon: Nipster (Neonazi-Hipster) und Gypster (Gypsy-Hipster) sind bereits in mancher Munde; für die restlichen 23 Buchstaben werden sich auch noch Entsprechungen finden.

Zuletzt wird der Hipster in die Neuauflagen sämtlicher Geschichtsbücher geschrieben werden - als vorerst letztes Ereignis in einer langen Reihe von Geschehenem. Schüler werden Wortfolgen auswendig lernen müssen wie: Mod, Punk, Rock, Wave, Rave, Goth, Hiphop - Hipster. Ihnen wird aufgetragen werden, jene berühmten Heine-Zeilen über den Sell-out von Gegenkulturen zu verinnerlichen: "Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu. Und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei."

Eltern werden ihren Kindern von ihrer Hipster-Jugend erzählen, Kinder werden ihre Eltern unverständig anschauen. Fremdscham wird sie überkommen. Bis irgendwann ein Jugendlicher den Jugendstil seiner Eltern imitiert. Sich einen Vollbart wachsen lässt, das Opa-Getränk Club-Mate trinkt und ein Un-Gefährt namens Rennrad schiebt. Das Hipstertum als Retrobewegung! Die Zukunft des Hipsters ist folglich passé.

Mehr dazu:

[Illustration: Karo Schrey; Bildbearbeitung: Carolin Buchheim]