Vom Dealer zum Junkie: Ein Abend mit Michael auf dem Stühlinger Kirchplatz

Daniel Laufer

Seit einer Woche gilt der Stühlinger Kirchplatz als No-go-Area. fudder-Autor Daniel Laufer hat sich dennoch hineingewagt und mit dem Ex-Dealer, Ex-Knacki und Jetzt-Junkie Michael über die hiesige Drogenszene geredet - und über ein Leben, das man in Freiburg so nicht erwartet:



„Willst du schöne Pollen?“ Es dauert keine fünf Minuten, dann macht mir der Algerier das Angebot. Ich bedanke mich höflich und lehne ab. Er wirkt professionell, mit seiner schwarzen Jacke und der Glatze fast wie ein Türsteher. „Was brauchst du dann? Gras?“ Auch nicht. Aber ich freue mich trotzdem, dass wir so schnell ins Gespräch kommen. „Bist du oft hier?“ Ende. Er dreht sich wieder weg, zu einem älteren Mann mit Schirmmütze und Knautschgesicht. Wären die beiden nur zum Boule spielen gekommen – mich hätte das nicht überrascht.


Ich dagegen scheine herauszustechen, trotz schwarzem Hoodie, trotz angefressener Lederjacke, trotz verdreckten Sneakers. „Du siehst aus wie ein Zivilbulle“, meint einer der Parkgäste zu mir. „Viel zu sauber für hier!“

Aber wie muss man aussehen, um auf dem Stühlinger Kirchplatz dazuzugehören? In der letzten Zeit hat man viel über die vermeintliche No-go-Area gehört. Von Diebstählen und Raubüberfällen, zumindest teilweise verübt durch Flüchtlinge aus Nordafrika.

Wie die Badische Zeitung berichtet, erzählte beim Runden Tisch Montagabend ein pädagogischer Assistent der benachbarten Hebelschule, dass Dealer sich den Schülern nähern würden. Und der Pfarrer der Herz-Jesu-Kirche berichtete von Drogendeals in der Kirche während der Messe. Außerdem seien Ministranten beim Verlassen der Kirche gefragt worden, ob sie nicht einmal Drogen ausprobieren wollten. Die Reaktion der Stühlinger Bürger: Sie wollen sich den Ort zurückerobern - mit allabendlichen Treffen und Sitzungen auf dem Platz.

Was die Flüchtlinge aus Nordafrika angeht: Vor einer Woche sollen sie auf einmal verschwunden sein.

Hier im Park hat man von ihnen noch nichts mitbekommen. „Die sind immer noch da“, sagt mir der Parkgast von vorher. Aber dass sie so gefährlich sind, kann er nicht bestätigen. „Da wird total übertrieben. Wenn die sich über 50 Meter auf Arabisch unterhalten, klingt das für die Deutschen eben aggressiv.“

"Das krasse Zeug gibt’s im Colombi-Park"

Ich treffe Michael. Er ist als einziger bereit, wirklich mit mir zu sprechen. Vielleicht auch, weil ihn selbst die Polizisten so gut kennen, dass er nicht einmal mehr den Ausweis vorzeigen muss. Zu den Flüchtlingen kann er mir überhaupt nichts erzählen: In den letzten zwei Monaten war er kaum vor der Tür.

Auch Michael trägt einen dunklen Hoodie, ebenfalls Marken-Sneakers, dazu Sporthose und Basecap. Noch ein „Zivilbulle?“ Bestimmt nicht – denn seine magere Gestalt, das bleiche Gesicht und die müden blauen Augen verraten ihn. Zudem hat er kaum noch Zähne im Mund, ein Russe hat sie ihm im Gefängnis ausgeschlagen.

Es ist früher Abend und der Park noch gut gefüllt. Wir setzen uns auf eine Bank neben dem Marienbrunnen. Michael ist 41 Jahre alt und heroinsüchtig. Seit über einem Jahr hat er sich den Stoff nicht mehr gespritzt, erzählt er mir. Er ist jetzt in einem Methadonprogramm. Jeden Morgen geht er zum Arzt und bekommt den künstlichen Heroin-Ersatz verabreicht. „Da trinkst du dann deinen Saft – der schmeckt wie Himbeersirup.“



Danach geht Michael wieder heim – oder auf den Stühlinger Kirchplatz. Eigentlich muss er wegen seiner Therapie clean bleiben. Trotzdem trinkt er sein Bier, raucht manchmal einen Joint, „so wie normale Leute abends eine Flasche Wein trinken“. Gelegentlich wirft er auch Ritalin ein. „Das ist gerade so richtig im Kommen und nicht so leicht nachzuweisen!“. Alles andere ist für ihn mittlerweile tabu – einer der Gründe, warum er seine Zeit gerne hier verbringt, statt woanders.

„Die Drogenszene ist in Freiburg aufgeteilt. Das krasse Zeug gibt’s im Colombi-Park, der Stühlinger ist dagegen der Park für die weichen Drogen“, meint Michael. Trotzdem ist er sicher: Jeden Tag kommen mindestens zehn Polizisten in Zivil vorbei. Teilweise sind sie gerade mal Mitte 20. „An die Großen drüben kommen die nicht dran, also ficken sie hier die Kleinen!“ Aber auch bei den Kleinen gibt es Revierkämpfe. „Manchmal knallt’s hier übel.“

Auf dem Stühlinger Kirchplatz kennt er jeden und jeder kennt ihn.

Ein Kurde hält auf seinem Fahrrad vor uns an. „Weißt du, wer Gras braucht?“, fragt er Michael. „Nein. Und ich kriege mein Geld erst am Montag.“ Rund 390 Euro bekommt er im Monat – das ist der Hartz-IV-Satz. Außerdem wird seine Miete bezahlt.

Wieder bekommen wir Besuch. Ein Pfandflaschensammler grüßt Michael. Die beiden waren zusammen im Knast und unterhalten sich kurz. Sätze enden mit „das hab’ ich dir mal beim Hofgang erzählt“, Themen sind das Psycho-Medikament Seroquel oder das Pfefferspray, das der Sammler zum Schutz immer dabei hat. Michael hat nur ein kleines Messer in der Tasche – und eigentlich auch nur, „um Dope zu schneiden“.

Neben uns stellt ein Araber mit langen schwarzen Haaren seine Dance Moves zur Schau. Bei jeder seiner ruckartigen Bewegungen drohen ihm die Kopfhörer herunterzufallen. „Wir nennen ihn nur Michael Jackson“, sagt Michael. „Ist aber ein lieber Kerl.“ Anders als der Tänzer wirkt er klar im Kopf, stellt aber fest: „Aus meiner ganzen Laufbahn kenne ich nur einen einzigen, der vom Heroin wirklich losgekommen ist.“

Amphetamine, LSD, Kokain

In den Siebziger- und Achtzigerjahren wächst Michael im Ruhrpott auf. Seine Eltern sind Althippies, sie kiffen und betreiben eine Kneipe.

Aber dann geht der Vater zur Bundeswehr und beginnt zu trinken. Im Suff verprügelt er die Mutter, Michael ist da zwölf. „Ich habe mich zitternd hinter der Couch versteckt, aus Angst, selbst halbtot geschlagen zu werden.“ Seine Mutter flüchtet in die Tablettensucht. Morgens schluckt sie das amphetaminähnliche Captagon, abends das Schlafmittel Rohypnol. Die Familie fällt auseinander. Als sich die Eltern scheiden lassen, bricht Michael mit ihnen. Seine Großmutter sorgt jetzt für ihn.

Mit 13 fängt er an, selbst Cannabis zu rauchen. „Man sagt ja, kiffen macht gleichgültig – vielleicht hab’ ich es deshalb getan.“ Schon mit 14 fährt er nach Holland, kauft dort billiges Gras ein und vertickt es teuer in der Heimat. Bald dealt er mit allem, was der Markt so hergibt, bis hin zu Koks und Heroin. „Ich habe 50 Prozent Gewinn gemacht und 50 Prozent für neues Material ausgegeben“, erzählt Michael.

Pro Woche verdient er 1000 Mark. Er hat viele Freunde und wenn die Gruppe abends weggeht, die Spendierhosen an. Nebenher macht er erst seinen Hauptschulabschluss, dann eine Ausbildung zum Glaser. Daheim hört er Heavy Metal und gründet schließlich seine eigene Band. Mit ihr tourt er an den Wochenenden durch die Jugendhäuser. „Das war eine geile Zeit“, sagt er heute.

Doch sie geht zu Ende. Amphetamine, LSD, Kokain – bald hat Michael alles selbst ausprobiert. Auch Heroin, trotz anfänglicher Hemmungen. „Ich wusste gleich, dass es mein Ende sein würde“, gibt er zu – doch das hält den Jugendlichen nicht ab. „Die wenigsten fangen bei ‚H’ mit der Nadel an, also haben wir es am Anfang eben von Alufolie gesnifft oder geraucht. Das Dumme ist: Heroin ist ein 24-Stunden-Job. Erst bist du drauf und dann musst du dir gleich wieder Geld für neues besorgen.“

Plötzlich war keiner mehr da

Michael lebt, wie er selbst sagt, nach dem Motto: „Live fast, love hard, die young“. Und es holt ihn ein. Sein bester Freund stirbt an einer Überdosis.

Auch die Deals werden riskanter. Ein Zuhälter bestellt bei dem Jugendlichen 50 Gramm Kokain. Auftreiben kann Michael aber nur 30. „Da ist der völlig ausgetickt. Er wollte unbedingt alles an diesem einen Abend haben, dabei war er schon total zugekokst.“ Der Zuhälter droht ihm, Michael bekommt Angst um sein Leben. Er findet einen Kumpel, der ein „schnelles Auto“ hat, und fährt noch in der Nacht nach Holland. Dort organisiert er den Rest.

Michael findet einen Grenzübergang, an dem kaum kontrolliert wird. Das ist Anfang der Neunzigerjahre. Eines Tages aber hat er dann doch Pech, ausgerechnet, als er mit fünf Kilo Heroin unterwegs ist. Der 19-Jährige gerät in eine Kontrolle. In der Panik schluckt er soviel er kann, bekommt es aber bald mit der Angst zu tun: Was, wenn die Päckchen in seinem Magen aufgehen? Sie tun es nicht. Aber er wird beim Schmuggeln erwischt.

Michael wandert ins Gefängnis, für drei Jahre. „Ich war jung und naiv, hatte jede Menge falsche Freunde – und plötzlich war keiner mehr da. Auf einmal sind mir die Augen aufgegangen. Wenn du mal drei Jahre deiner Freiheit vergeudet hast, denkst du dir: nie wieder!“

Die Anfangszeit in Untersuchungshaft ist hart für ihn. „Es gibt keinen Fernseher, kein Radio – da kannst du die Kacheln an der Wand zählen“. Nach einigen Monaten wird er in die Nähe von Aachen verlegt. Dort geht es ihm besser, nach und nach findet er wieder zu sich.

Ein Sozialarbeiter hört von Michaels Band-Vergangenheit und bietet ihm an, beim Gefängnisradio mitzuarbeiten. Er entdeckt eine neue Leidenschaft.

Michaels Großmutter besucht ihn in dieser Zeit regelmäßig. Manchmal schmuggelt sie ihm sogar Geld ins Gefängnis. Sie ist der Kontakt zur Außenwelt und ihr gilt seine größte Angst: Was, wenn ihr etwas zustößt? Die Befürchtung wird Wirklichkeit. Drei Monate vor Michaels Entlassung stirbt die Großmutter. Er verliert seine einzige Bezugsperson.

Gibt es einen Ausweg?

Wieder in Freiheit, will Michael arbeiten, am liebsten als Glaser. Aber es klappt nicht. „Wenn du mal als Junkie abgestempelt bist und im Knast warst, kommst du nicht mehr in die Gesellschaft rein.“ Es gibt nichts mehr, was ihn hält – Michael stürzt ab und verfällt dem Heroin.

Im Jahr 2000 will er eine Therapie machen. Dafür verlässt er den Pott und geht nach Buggingen. Nach seiner Entlassung landet er in Freiburg, kommt aber auch hier nicht von den Drogen los. Stattdessen hat er Ärger mit der Polizei, weitere Haftstrafen folgen. Drei Jahre lang ist er obdachlos, für eine Weile macht er Ein-Euro-Jobs. Jetzt wohnt er bei der Heilsarmee. Das war’s – das ist seine Perspektive.

Es ist stockdunkel geworden auf dem Stühlinger Kirchplatz, in der Ferne zucken die ersten Blitze. „Normalerweise bin ich so spät nicht mehr draußen“, sagt Michael – nicht aber, weil er Angst hat. „Mir passiert hier nichts.“ Seit 14 Jahren ist er in der Stadt unterwegs. Hier im Park ist er nur einer von vielen, seine Geschichte nichts Besonderes. Die Drogensucht hat er als Krankheit akzeptiert.

Aber gibt es einen Ausweg? Stille. „Ich wünsche mir, endlich ein normales Leben führen zu können, wenn auch mit Methadon“, sagt Michael. Dann setzt der Sturzregen ein. Die Dealer sitzen jetzt unter der Brücke.