Vom Blitz getroffen

Dirk Philippi

In [hübsch leben] erzählt Dirk oftmals Anekdoten aus einem zu oberflächlichen Leben, ohne aber dabei die schönen Momente zu vergessen. Nicht nur einen solchen schönen Moment bescherte ihm und wahrscheinlich auch vielen von Euch fudder-Lesern ein leider mittlerweile Geschichte gewordener Automat.



Obwohl ich nicht im geringsten Anfangsverdacht stehe, ein Spaziergänger zu sein, zieht es mich oft zu Fuß auf die Straße. Wenn ich Asphalt schnuppere, insbesondere jene strapazierte Sorte, die Großstädten eigen ist, jene, bei der sich schon wucherndes Grünzeug durch den porösen Stein-Erdpech-Mix drückt, dann will ich raus – so wie an diesem Freitag, dem Foto-Flirt-Freitag.


Die kleinen Lautsprecher in meinen Ohren schmerzen und ich versuche sie zu richten, doch ständig reiben sie an irgendwelchen Knubbeln und verursachen ein Gefühl, als versuche jemand einen Golfball in meine Hörmuschel zu schieben. Und dennoch genieße ich. Ich drehe die Musik lauter und beginne die Straße unter mir wegzuziehen. Schon in früherer Zeit gab ich meinen Mixtapes Städtenamen, die ich dann hörte, wenn ich durch die Häuserschluchten lief: HAMBURG mit den Sex Pistols, Tocotronic und ein wenig Antifa-Geschrammel, KÖLN mit den Moulinettes, den Chicks on Speed und einer ernsten Electro-Drum’n’Bass-Mixtur, und nun eben BERLIN mit armenischem Metal von System of a Down, weil mir das gerade recht passend erscheint.



Mein Blick schrammt ein Graffito, den von geifernden Menschen belagerten Ausgang einer Berufsschule, einen schlafenden Penner und eine Berliner Praktikantin, die mit Sicherheit hierher kam, um die ach so tolle Kreativität dieser Stadt zu atmen. Ich biege ab in die Prenzlauer Allee, gehe noch einige Schritte und bleibe vor einem hässlichen, dicken Kunststoffvorhang stehen, der über fünf große Metallösen von einer verrosteten Eisenstange getragen wird. Unter der zu kurzen grauen Gewebewand erkennt man ein silber-metallic lackiertes Drehstuhlbein und der Anblick erinnert an irgendetwas zwischen Pornokabine und Beichtstuhl. Letzteres, weil es eigentlich auch zwei hässliche dicke Vorhänge und zwei halb verdeckte Drehstuhlbeine sind, die durch einen Zwischenraum getrennt sind. Doch ein Priester ist nicht in Sicht – eher die Inquisition:  Ich stehe vor einem Schwarz-Weiß-Passfoto-Automaten, einem aussterbenden, wenn nicht gar ausgestorbenen Kulturgut einer anderen Zeit.

Mein Lieblings-Passfoto-Automat stand in Basel, genauer gesagt im 2.OG des Migros in der Clarastraße. Ganze Schülerscharen sind ehemals dorthin gepilgert, um sich für einen Franken alleine, mit Freunden oder den Liebsten in den verschiedensten Posen abzulichten. Ich erinnere mich, dass Susan und Geraldine dort einmal einen ganzen Fotoroman knipsten und auch das Zimmer von Micha hab ich noch vor Augen, das ringsum mit diesen quadratischen Kunstwerken tapeziert war. Und natürlich gab es überall im Freundeskreis dick ausgebeulte Portemonnaies, gefüllt mit Stapeln von Passfotos - teils von Leuten, die man kaum kannte. Die Föteli, wie der Basler sagt, waren regelrechte Trophäen. Heute messen Kids die Zahl ihrer Freunde ja an der Länge des Adressverzeichnisses im Handy, früher zeigte die Dicke des Foto-Stapels, wer am beliebtesten war. Manch einer soll auch schon nach einer exzessiven Partynacht in einer Fotokabine genächtigt haben, aber das ist eine andere Geschichte.



Kunstwerke, das waren diese Bilder jedenfalls allesamt. Nicht nur das außergewöhnlich quadratische Format war toll, nein auch die Tatsache, dass man für einen Münzeinwurf vier verschiedene Bilder knipsen lassen konnte, überzeugte so wie die grandios ästhetische Schwarz-Weiß-Qualität. Eine Glaubensfrage war es zudem, ob man die Vierer-Streifen in horizontaler oder vertikaler Ausrichtung bevorzugte. Dessen ungeachtet jedenfalls, dachte ich, sehen Jungs auf diesen Bildern immer ein wenig wie James Dean oder zumindest Charles Bronson, und Mädchen wie Audrey Hepburn aus.

Und nun stehe ich also wieder vor solch einem Kunstapparat und kann es nicht fassen, dass es solche Maschinen tatsächlich noch gibt. Die linke Kabine ist belegt, was ich an der rot-blauen Strumpfhose erkenne, die sich um das Stuhlbein schlängelt und so setze ziehe ich am rechten Vorhang und trete ein ins Heiligtum. Kurz am Stuhl gedreht, die Frisur im Minispiegel gerichtet, den Zeigefinger auf dem Knopf und die Augen weit aufgerissen geht es los: *blitz*blitz*blitz* – waren es jetzt schon vier? - *blitz* - verdammt das letzte, das muss ja behämmert aussehen! Gespannt wie ein Flitzebogen trete ich ins Freie, um meine Bilder aus dem Lüftungsschacht zu fischen.



Es stinkt nach faulen Eiern und als ich mich gerade wegdrehen will, öffnet sich die linke Kabine und ich frage mich, wie so viel Schönheit in eine winzige Fotozelle passen kann. Die Schönheit ist Anfang zwanzig, hat braun gelockte Haare und trägt einen Jeansmini mit Ringelstrumpfhosen und GOLA-Sneakers. Und sie lächelt! Beide warten wir ungeduldig, während wir beinahe andächtig dem warmen Luftstoß aus dem Schacht lauschen. Jedes Mal, wenn ich verstohlen zu ihr herüber blicke, lächelt sie, und als wir beide gleichzeitig in das Ausgabefach greifen, berühren sich unsere Hände, und auch der herabstürzende Fotostreifen entspannt die aufgeladene Situation nur kurz, denn als der zweite Streifen folgt, ich ihn behutsam an mich nehme und zwischen Daumen und Zeigefinger haltend drehe, sehe ich die Ringelsockensonne vier Mal in meine Augen blicken. Ein Mal küsst sie mich sogar und ich bin verwirrt.

Es dauert einen Augenblick bis ich realisiere, dass, wenn ich ihre Bilder habe, sie schon seit einer Minute meine anschauen muss und ich spüre wie Schweiß den Nacken herunter perlt. „Schön sind sie geworden!“, lächelt die Unbekannte und reicht mir meine Fotos zum Austausch. „Danke, und deine erst!“, entgegne ich und reiche ihr ihre. „Du hast doch nichts dagegen, dass ich eines behalte, oder?“, fragt sie und erst da bemerke ich, dass sie ein Foto von meinem Streifen abgetrennt hat. „Ähm, wieso, äh, ne klar, wenn du magst!“. Ich stammel mir einen Wolf und frage, ob sie Passfotos von fremden Gesichtsverbrechen sammele? Sie lächelt und sagt: „Wenn Du magst, erzähle ich dir das bei einer Berliner Weißen mit Schuss!“



Und ob ich mag! Und so gehen wir Richtung Schönhauser Allee, trinken, zeigen unsere Fotos und schimpfen auf biometrische Plastikbildnisse aus sterilen Videokabinen, feiern die hübsche Geschichte und werden gleich noch einmal zu zweit hinter dem Vorhang verschwinden. *blitz*blitz*blitz*blitz*

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