Vom Bedürfnis, gegruschelt zu werden

Nadja Röll

Alle sind drin, im StudiVZ, der mit angeblich mehr als einer Millionen Mitgliedern größten deutsche Online-Community für Studenten. Alle sind drin. Nur fudder-Autorin Nadja nicht. Bis jetzt. Eine Glosse übers Gruscheln, Freunde, den süßen Typen im Seminar und die ersten Wochen bei StudiVZ.



Alle meine Freunde waren da und ich wurde nicht einmal eingeladen. Vor lauter Mitleid erlaubte mit meine sozial etablierte Mitbewohnerin den Eintritt über ihren Account: Mit Schrecken musste ich erfahren, was für scheinheilige Nettigkeiten mein Schwarm mit allerlei Mädels austauschte und mit wem meine ehemals beste Freundin jetzt zusammen auf Toilette ging. - Ich war raus. Ich wollte auch rein. Und als ich es dann endlich auch drin war, folgte der nächste Schock: „Du hast keine Freunde.“ Wer lässt sich so etwas schon gerne sagen, geschweige denn von einem gefühllosen Monitor vor Augen führen?




Das musste ich schleunigst ändern und so verbrachte ich die kompletten Weihnachtsferien damit, Freunde einzuladen und zu bestätigen. „Du auch hier? Wie krass!“. „Huhu, wie geht’s?“ „Wen man hier so alles findet, unglaublich!“ Nachdem ich alle gesucht und gefunden hatte und meine Freunde und ich die gegenseitige Anwesenheit für krass befunden haben, konnte ich mich einigermaßen beruhigt zu meiner Familie neben den Weihnachtsbaum setzen. Fünfzig Freunde, in ganz Deutschland verteilt, das sollte fürs erste reichen.

Und dann? Dann kam der Gruppenzwang. Die Gruppe „Ich glühe härter vor, als du Party machst“ schien mir ein Muss zu sein, 39 773 Mitglieder. Mit mir. Es war ein verdammt gutes Gefühl, in einer Gruppe zu zählen.



In die Party-Community war ich nun eingebunden, die erhofften Anmachen blieben allerdings aus. Sollte ich mich doch etwas leicht bekleideter vor meinem „Photo Booth“ räkeln, lasziver und den Mund nach französischer Art gespitzt, als wollte ich sagen: „Gruschelt mich, „Stalker“!“ ?

Vielleicht würde mich die „Stalker-Gruppe“ eines Tages sogar zur „Miss-StudiVZ“ küren? Dann würde mich womöglich das Gruppenmitglied, und der gleichzeitige Mitbegründer von StudiVZ, Ehssan Dariani persönlich „gruscheln“. Dariani, zu dem ich über eine Freundin einer Freundin in Kontakt stehe.  „Jeder kennt die ganze Welt über maximal sechs Ecken“, so Dariani. So viele sind es bei mir nicht einmal. Ich bin dem 'Gruschel-Erfinder' und 'Völkischem-Beobachter' viel näher, als ich es jemals zu hoffen gewagt hätte. Und jetzt, nachdem er seine Nazi-Symbole gelöscht hatte und stattdessen der Gruppe 'No racism' beigetreten ist, kann ich auch bedenkenlos mächtig stolz darauf sein. Wir machen uns beide gerne Freunde, Dariani und ich.



Und wir machen es uns einfach: Niemals hätte ich den süßen Typen im Seminar angesprochen. Ich hätte nicht gewusst, worüber ich mit ihm reden sollte. Über das StudiVZ freundete ich mich erstmal mit seinem dicken Kumpel an. Dann setzte ich mich im Seminar in die Reihe vor den Auserwählten selbst, in sein Lieblingsbuch vertieft.

Er, der auf Rothaarige steht, wird hingegen nichts über meine kürzlich vorgenommene Henna-Kur erfahren. Ich bin doch nicht so blöd, dass ich darüber auf meiner Seite Auskunft geben würde.

(Jetzt bleibt mir nur noch zu hoffen, dass mich niemand mit einer Zeugenaussage beim Studentenrat meldet. Pornographische Inhalte habe ich zwar letztendlich doch nicht veröffentlicht, das oberste Wahrheitsgebot aber missachtet.)

Wie dem auch sei: Ich werde ihn so bald wie möglich zu seinem Lieblingsessen einladen, seine Lieblingslieder auflegen und glaubt mir: Wir werden uns bis zum Morgengrauen gruscheln. Wir werden beide an die wahre Liebe glauben. Und an echte Freunde. Ich bin drin. Du auch?