Voltaire - ein leiser Traum

Monika Kerscher

Einen nicht unbedingt erwarteten Festivalhöhepunkt gab es am letzten ZMF-Wochenende mit dem Auftritt der deutschen Indiepopband Voltaire. Monika schwärmt: "Es ist schwer, für das Lauscherlebnis im Spiegelzelt die richtigen Worte zu finden. Es war ein Traum..." Auch der Band aus Bonn hat das Konzert Spaß gemacht. In ihrem Band-Weblog war gestern zu lesen: "Die Stimmung im Raum lag dann irgendwo zwischen Märchenzirkus und Puff (...). Auch ansonsten war es ein sehr schöner Abend, wir spielten, von der Traum-artigen Atmosphäre des Zelts inspiriert, eines unserer längsten KonzerteDa standen sie plötzlich, ohne Vor- oder Selbstankündigung. Die Vermutung lag natürlich nahe, dass es sich bei diesen fünf Männern um die bis dato mir unbekannte Band Voltaire aus Bonn handeln muss. Nach nicht einen, sondern drei Eröffnungssongs, die im Wechsel gewaltig und zart und selbstbeherrscht die Instrumente und die Stimme des in der Mitte stehenden Mannes verließen, bestätigte sich meine Vermutung, denn die sich nun outenden Jungs sprachen erstmalig zu den Menschen im Zelt. Oder waren da Menschen außer mir anwesend? Ich weiß es nicht? habe keine mehr wahrgenommen.

Das was sich mir bot, war viel zu schön, um überhaupt in einer Dimension als leiser Traum zu existieren. Klar habe ich mich im Vorfeld mit etwas Lektüre eingedeckt und über die Band recherchiert, habe gelesen, dass der Sänger und Gitarrist Roland Meyer de Voltaire der Band den Namen verleiht, dass der am Klavier/Orgel/Synthesizer sitzende Hedayet Djeddikar eine klassische Ausbildung hat, ebenso der Bassist Rudolf M. Frauenberger. Ich habe erfahren, dass der Gitarrist Marian Menge mit Roland im gleichen Musik-Leistungskurs büffelte. Und dass der Steinmetz und Autodidakt David Schlechtriemen das Schlagzeug bearbeitet. Ich stolperte über Artikel, die die Band in Deutschpop und traditionelle Indie-Szenerie verorten. Nun, erstmal nichts Außergewöhnliches. Aber Voltaire kann man nicht verorten. Mit einer so extrem variationsreichen, starken und verletzlich-zarten Stimme eines Roland Meyer de Voltaire und unterschiedlichsten musikalischen Strömungen, die von Rock bis hin zu Bar-Jazz / Soul und mystischen Klängen gehen, wird eine atmosphärische, hymnische, lyrische Stilrichtung kreiert, die weder in eine Coldplay-, Keane-, Radiohead-, Muse-, Slut-, Selig- noch in eine Blumfeld-Schublade passt.Voltaire ist anders, ist unentschlossen.Ach, zurück zum Traum. Das Beherrschende war diese Stimme und das, was sie von sich gab. Mit gewaltigen und bedeutungsschweren Wörtern wird man erst mit einem Bleigürtel versehen, ehe man von fragilen Wortfetzen wieder aus der Tiefe empor geholt wird. Die Sprechblase ist geplatzt, von einer inneren Reform geweckt. In Flut entwickeln sich Musik und Text kongenial zum Ereignis `Flut´, die von Sichlieben, Verlassen werden ausgehend schließlich in Nichtvergessen können mündet.Eine Tür führt zu einer gescheiterten Liebe, deren Ende sich der Sänger herbeisehnt, damit der Schmerz aufhört weh zu tun. Ein Kleines Mädchen, benutzt und angelogen, verschwindet in der Reue des lyrischen Ichs, tamponiert mit dem Sinngehalt es wird schon weitergehen. Die Stille verwandelt sich in eine Wut voller Worte, voller Leere, voller Widerhall. Die musikalische Heine-Interpretation Teurer Freund markiert den Höhepunkt des Traumgebildes und lässt den Träumenden mit wässernden Augen einfach stehen. Die Hauptakteure des abendlichen Schauspiels bieten eine derart schweißtreibende Leistung, dass sie wie Dummies erschöpft raus aus dem festgefeierten Feierabend abwandern. Alle Kabel sind gekappt, will nichts mehr machen. Nur ein Keyboard, eine Gitarre, eine hauchende Stimme und das Klopfen eines Herzens. Roland Meyer de Voltaire demontiert sich selbst, indem er Hände, Arme, Beine und Kopf ablegt ? er braucht sie nicht mehr. Und dann herrscht Stille. Zurück in der Spiegelzelt-Sphäre bleiben schwebende Worte. An diesem Abend hat sich was verändert, ich weiß nur noch nicht was.Voltaire ihr macht mir Angst.Aber Danke!!!Begonnen hatte der Abend im Spiegelzelt mit der ZMF-Tourband SchulzeMeierLehmann. Dem einen oder anderen sind die drei Herren Schulze-Brüggemann (Gitarre / Gesang), Wittmaier (Schlagzeug) und Lemaitre (Gesang / Bass) sicher schon auf ihren zahlreichen Werbeauftritten für das ZMF begegnet. Am Freitag beschlossen sie ihre ZMF-Tour mit einem sehr guten Gig. Ihr Repertoire erstreckte sich über Nachdenkliches, Trashiges, Rock´n Roll- und Liebesgedankengut. Mit sinnigen und klugen deutschen Texten - kombiniert mit erfrischender, eleganter Musik und klarem Gesang - verstanden es die SchulzeMeierLehmänner den anfänglich zurückhaltenden und steifen Zuhörern doch noch Temperament in Beine und Hüften zu zaubern und sie nach vorne auf den Tanzflur zu holen. Sie benötigten dafür keine halbe Stunde, ihr Schweigen konnte man allerdings nur missverstehen, denn die Jungs hatten viel zu erzählen: von Fehler(n), Daniel, Riese(n), Fallschirm(en) und grausamer Schönheit, wobei sie letzteres in ganzer Reggaemanier als Premiere zum Besten gaben. Die Wahl-Freiburger erwarben kürzlich die Ehre, sich als beste Live-Band Baden-Württembergs präsentieren zu dürfen. Vielleicht können die "arroganten Rockstars" (O-Ton Herr Lemaitre) in naher Zukunft stolz verkünden: Mein Lied läuft bald im Radio.