Vollgasfahrt auf der Motorhaube: Jetzt spricht der Abschlepper

Christoph Ries

Michael Gwiasda ist seit 18 Jahren im Autoabschleppdienst tätig. Vorgestern erlebte er die gefährlichsten Minuten seines bisherigen Berufslebens: Ein Autofahrer rastete aus, fuhr Gwiasdas Kollegen über die Füße, nahm den Freiburger Abschleppmitarbeiter auf die Motorhaube und fuhr dreihundert Meter zick-zack. Protokoll eines hollywoodreifen Autostunts durch die Innenstadt.


Herr Gwiasda, wissen Sie eigentlich, dass Sie und Bruce Willis etwas gemeinsam haben?

Ich hab' das heute Nachmittag zum ersten Mal gehört und war total perplex.

Willis hat in einem seiner Filme fast denselben Autostunt gemacht wie Sie: bäuchlings auf der Motorhaube eines fahrenden Wagens.

Ja? Das ist schön.

Wie kam es bei Ihnen dazu?

Mein Kollege und ich waren gerade dabei, in der Freiburger Innenstadt ein Auto abzuschleppen, weil es auf einem Privatparkplatz stand. Dann kam der Besitzer. Er wurde sofort unverschämt, frech und ausfallend. Er sagte, er belehre mich jetzt mal, dass ich das nicht dürfe. Ich antwortete ihm, dass das falsch sei: Er dürfe nicht hier stehen, weil das ein Privatparkplatz sei.

Was passierte dann?

Er stieg in sein Auto und sagte: Ich fahre jetzt weg. Das ging aber nicht, denn sein Auto war schon auf der Hubbrille. Nur die Hinterräder hatten noch Bodenkontakt. Das interessierte den Mann nicht. Er setzte sich in den Wagen, startete den Motor und fuhr rückwärts von der Brille herunter. Dabei ist er meinem Kollegen über die Füße gefahren.

Wie geht es Ihrem Kollegen?

Er (Auf Foto rechts, Anm. d. Red.) hat starke Prellungen an den Füßen. Aber gebrochen ist nichts.



Wie landeten Sie dann auf der Motorhaube?

Der Auslöser war, dass der Mann meinem Kollegen über die Füße fuhr. Außerdem hatte er meinen Schlepper beschädigt. Ich wusste: Der muss da bleiben und dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Ich habe mich in einem halben Meter Abstand vor die Motorhaube gestellt und ihn angeschrien: „Jetzt rufe ich die Polizei und du bleibst hier!“ Da sagt der wieder: 'Das interessiert mich nicht, ich fahre jetzt weg.' Dann hat er Vollgas gegeben. Ich konnte weder rechts noch links ausweichen und lag plötzlich auf der Motorhaube.

Wie haben Sie sich festgehalten?

Mit einer Hand am Scheibenwischerarm und mit der anderen zwischen Windschutzscheibe und Motorhaube.

Wie war die Fahrt?

Er hat richtig Gas gegeben und ist eine Minute lang mit mir zick-zack gefahren. Ich bin auf der Motorhaube umeinander getanzt wie eine Fahne im Wind.

Was ging Ihnen dabei durch den Kopf?

Alles mögliche. Im ersten Moment: Der ist nicht mehr normal. Im zweiten Moment Angst und im dritten Wut.

Hatten Sie Angst um Ihre Gesundheit?

Um mein Leben! Das kann man ruhig so sagen. Wenn ich von der Motorhaube runter gerutscht wäre, hätte er mich überrollt. Er hätte keine Chance gehabt auszuweichen. Ich habe ihm die ganze Zeit in die Augen gesehen. Seine Augen waren voller Wut, meine wahrscheinlich auch. Nach hundert Metern hat er eine Vollbremsung gemacht und rief durchs offene Fenster, ich solle endlich runter. Das wollte ich auch gerne. Aber nach zwei Sekunden hat er wieder Gas gegeben. Dann ist er bis zur Eisenbahnstraße gefahren, wo er wegen des Verkehrs anhalten musste. Ich bin noch zwei, drei Minuten auf der Motorhaube gesessen und wusste gar nicht, was los war.



Und dann?

Er ist freiwillig im Auto sitzen geblieben und hat auf die Polizei gewartet. Natürlich war ich aufgebracht. Ich habe ihn einen Idioten genannt und gesagt, dass ich ihm den Hals umdrehe. Deswegen hat er mich auch angezeigt. Aber die Polizei hat schon Entwarnung gegeben. Der Polizist meinte: "Wenn du mal dreihundert Meter auf einer Motorhaube mitgeschleift wurdest, darfst du auch 'Idiot!' sagen."

Wie haben Ihre Familie und Ihre Kollegen reagiert, als sie davon erfuhren?

Es konnte keiner glauben. Wir haben in den 18 Jahren, in denen ich im Abschleppdienst tätig bin, schon hunderte Falschparker abgeholt. Die Leute sind gereizt, das kann man auch verstehen. Aber so austicken kann eigentlich kein Mensch. Es war ja kein junger Bursche mit 19 oder 20, wo man sagt: "Ach, komm." Es war ein erwachsener Mann, der hatte was im Kopf. Obwohl: die jüngeren Besitzer sind ohnehin zu 70 Prozent die angenehmeren. Die älteren sind oft aggressiver und unverschämter.

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