Volkers Tagebuch

Rudi Raschke

Vor dem heutigen Auswärtsspiel des SC Freiburg im Playmobilstadion zu Fürth publiziert fudder ein exklusives Dokument der Zeitgeschichte. Unser Autor Rudi Raschke konnte Volker Finke bei einer Flasche Garbsener Gutedel dafür gewinnen, seine Tagebucheinträge vom 27. November 2006 bis zum 17. Februar 2007 zu veröffentlichen. Was im Kopf des geschassten SC-Trainers vorgeht oder vorgehen könnte - Gedanken und Träumereien über Globetrotter-Ecki Krautzun, Fritz Keller als badischer 1848er-Revolutionär und Coulibaly als neuer Spielertrainer. Ein Stück Satire zum Fasnetsmändig.



Montag, 27. November

Gegen Offenbach beim 1:3 ein konzeptionelles Spiel gezeigt. Das Konzept hieß wieder mal: „Gegner kommen lassen, Tore kassieren, nach dem Schlusspfiff in die Kabine“. Nicht schlecht umgesetzt, wenn man bedenkt wie jung diese Mannschaft noch ist. Das wichtigste ist jetzt, dass die Spieler wieder die Köpfe frei kriegen. Vielleicht hilft ihnen ja jemand dabei.

Die örtliche Presse fängt zu nörgeln an, „Offenbarungseid“ schreiben sie über den Kick. Klar, dass jetzt jeder aus der Deckung kommt. Wenn wir drei Punkte holen, schreibt keiner was Negatives.

Donnerstag, 30. November

Nachts wach gelegen und über das Fan-Plakat auf der Gegengerade reflektiert: „Jeder Aufstieg fängt unten an.“ Korrekt! Allerdings: Welcher Bergsteiger klettert erstmal ins Tal, wenn er zum Gipfel will? Und warum sehe ich bei Bremen kein Transparent: „Jeder Abstieg fängt oben an“? Um drei Uhr morgens bei Borne angerufen. Hat nur gegähnt und konnte mir das auch nicht erklären. Alles muss man in diesem Club allein machen.

Dienstag, 12. Dezember

Aus Fehlern lernt man. Die Abwehr fährt deshalb gegen Karlsruhe die gleiche Spieleröffnung wie gegen Offenbach: Ball erst ganz lang über 15 Stationen in der eigenen Hälfte zirkulieren lassen und dann den Gegner mit einem langen Fehlpass vor die Füße überraschen. Hehe, gefällt mir gut! Immerhin hatten wir 63 Prozent Ballbesitz! Klare Feldüberlegenheit! Das Ergebnis ist keine richtige Haue, 0:4, kann passieren. Die Mannschaft muss jetzt nur wieder die Köpfe frei kriegen. Darüber hätten wir intern noch reden können. Unser Vorstands-Vize Fritz Keller musste sich gleich öffentlich drüber aufregen, völlig überflüssig, dass er mit der Presse spricht – wegen eines 0:4. Der Mann hat doch keine Ahnung.



Donnerstag, 14. Dezember

Musste mit Stocker und seinem Hund eine Runde im Dreisamstadion spazieren. Peinlich! Total amateurhaft aussehender Fifi, das Foto schaut voll nach Beziehungskrise aus. Ansonsten gilt, was ich nach dem Burghausen-Spiel schon gesagt habe: Ich werde nie, nie, nie zurücktreten. Und wir haben eben eine sehr junge Mannschaft, die auch gern mal verletzt ist. Was sonst noch los war? Sie wollen meinen Vertrag nicht verlängern. Mach’ ich halt ohne Handschlag-Verlängerung weiter, mir doch egal.

Freitag, 12. Januar

Never change a winning team! Gilt auch fürs Winter-Trainingslager: Portugal, wie immer. Habe leider den individuellen Fehler begangen, dem Klimawandel nicht nachhaltig und konzeptionell zu begegnen: Sonnenmilch vergessen, Mist. Das äußere Gefüge, also meine Haut, zerfällt. Den Groupies von der örtlichen Presse werde ich verraten, wie ich auf den Rückrundenstart brenne, hehe.



Samstag, 20. Januar

Eins muss ich meinem Club lassen: Die PR-Arbeit ist groß. Als sie mich geschmissen haben, lautete die Schlagzeile: „Präsidium spricht Finke das Vertrauen aus.“ Heute ist der Hauptsponsor abgesprungen. Das heißt dann: „Suzuki ab kommender Saison Premiumpartner.“ Wenn morgen dem Präsi die Frau wegläuft, schreiben Sie sicher: „Achim und Hanne Stocker sind besser befreundet denn je.“

Trotzdem nachts schlecht geträumt. Fritz Keller gesehen, wie er als badischer Revolutionär im 1848-Kostüm rumrennt. Hinter sich eine torkelnde Meute, die aus dem Kaiserstuhl zum Sturm auf meinen Strandkorb ansetzt. Bin aufgewacht, als sie mich unter Gejohle in einem leeren Weinfass den Hirzberg runtergerollt haben. Sofort Borne angerufen. Der hat natürlich wieder nichts geträumt. Wofür hat man Manager?

Montag, 22. Januar

Gestern abend während „Tatort“ eingeschlafen. Als ich aufwache, ledert Uli Hoeness gerade in einer dieser Talkshows los: „Einen Mann mit diesen Verdiensten innerhalb von 14 Tagen abzuschießen – das stinkt zum Himmel.“ Der Uli weiß genau, wo hier im Breisgau der Kickschuh drückt, hehe. Dann sehe ich allerdings diesen Schwabinger Regisseur, den Dietl, den CSU-Bornemann Söder und diese Christiane Sabinsen, die einen Trachtenjanker trägt. Sie meinen Stoiber! Nicht mich! Stoiber, einen Mann, der sich nur noch mit Jasagern umgibt und gegen Kritik immun ist. Der gesagt hat, er würde nie zurücktreten. So etwas kann mir nicht passieren.

Montag, 12. Februar

Musste schon wieder in diesem komischen Kreis rumtanzen, fünfter Sieg in Folge. Die Mannschaft ruft endlich ihr Potenzial ab und hat den Kopf wieder frei. Nur paar ewige Nörgler finden den sechsten Platz für einen Aufstiegsaspiranten zu schwach. Dass wir 11 Plätze gut gemacht haben, sehen nur die Fachleute. Wie das alles mit meinem Weggang zusammenhängt, mag mir trotzdem keiner erklären.



Mittwoch, 14. Februar

Die Trainerfindung läuft auf Hochtouren. Topgerücht ist so ein Seeberger aus Schaffhausen, dann kommen die Jungs vom ewigen Trainer-Karussell wie der Zettel-Ewald. Überlege ernsthaft, ob ich dem Präsidium den „back to the roots“-Vorschlag unterbreite: Unser Ottmar Hitzfeld heißt Eckart Krautzun! Mein Vorgänger! Der Globetrotter-Ecki, der mit seinen Telefonrechnungen schon damals dem Stocker den Schweiß auf die Stirn getrieben hat. Die Jungs im Ältestenrat können sich noch gut daran erinnern.

Samstag, 17. Februar

Festhalten, der heißeste Kandidat bin ich selbst. Wenn wir noch den vierten Platz schaffen, dann machen sich hier alle ins Höschen, dann bin ich unkündbar. Nachts wach gelegen und im Kerzenlicht einen perfiden Plan ausgeheckt. Erstmal Fürth schlagen am Montag und dann wird hier mal die Situation ganz korrekt aufgelöst, aber hallo: Mit mir als Präsident und sportlichem Direktor wird das Vereinsgefüge wieder stabil.

Dann holen wir noch diese zwei viel versprechenden A-Jugendlichen aus dem Tschad und Coulibaly wird Spielertrainer. Stocker darf als Ehren-Zeugwart einmal die Woche die dreckigen Trikots nach Hause mitnehmen. Keller, Henri Breit und dieser dritte Vorstand, der Dingsbums, dürfen sich bis auf drei Kilometer nicht mehr dem Stadion nähern. Da stimmen die Laufwege wieder!

Borne hatte um Rückruf gebeten, falls mir was Gutes einfällt. Er kann sein Glück gar nicht fassen, als ich ihm um fünf Uhr morgens mitteile, was aus ihm wird: Er darf Manager bleiben und künftig bei Heimspielen auf Kalle Neitzels Klapphöckerchen neben meinem Strandkorb Platz nehmen. Borne legt grußlos auf, als er die Nachricht vernimmt. War auch viel für ihn – der Junge muss erst den Kopf frei kriegen.

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