Viva con Agua: Der Wassermarsch für sauberes Trinkwasser

Imke Plesch & Anette Bender

In 39 Tagen zu Fuß von Hamburg nach Basel zum EM-Eröffnungsspiel: Läufer der Hamburger Initiative Viva con Agua sammeln unterwegs Spenden für Brunnen in Nicaragua. Die Wasserläufer reißen jeden mit – auch prominente Helfer wie Gentleman, Elton und Afrob, die sie beim Kicken kennen lernten. Imke und Anette sind ein Stück mitgewandert.



Freitagmorgen 10 Uhr im Gewimmel auf dem Freiburger Münsterplatz: es rumpelt! Junge Männer schieben ein unförmiges Holzgefährt übers Kopfsteinpflaster. „Das Tshukudu ist ein kongolesisches Lastenfahrrad“, erklärt Sebastian Bensmann. „Wir haben es von Jörg Pilawa bekommen – es war eines seiner Hochzeitsgeschenke.“



Gut gelaunt postieren sich die Wasserläufer von Viva con Agua für das Etappenfoto um das Fahrrad, das vor dem Münster seltsam deplatziert wirkt. „Mit dem Tshukudu erregen wir auf jeden Fall immer viel Aufmerksamkeit. Außerdem führt es einem die krassen Entwicklungsunterschiede vor Augen, die es zwischen Europa und Afrika gibt“, erzählt Sebastian. Er arbeitet für den gemeinnützigen Verein, der Trinkwasserprojekte in Entwicklungsländern durchführt. Um für ihr aktuelles Projekt – 35 Brunnen für das Milleniumsdorf Auhya Pihni in Nicaragua – Spenden zu sammeln, haben sich die Viva con Agua-Aktivisten etwas ganz Besonderes ausgedacht: In 39 Tagen zu Fuß durch ganz Deutschland.

Fast zwanzig Leute laufen heute mit

Der Tag in Freiburg beginnt gut: Eine italienische Reisegruppe nähert sich dem Tshukudu. Mit Händen und Füßen erklärt St. Pauli-Spieler Benjamin „Benny“ Adrion das Projekt und die Italiener füllen fröhlich die silberne Spendendose. Mit dem Schlachtruf „Wasser – marsch!“ setzt sich der Tross schließlich in Bewegung. Einige sind schon von Anfang an dabei, andere erst seit wenigen Tagen oder sogar nur für die heutige Etappe.



So wie Martin: „Ich hatte auf fudder von der Wassermarsch-Aktion gelesen und dachte mir – da mach ich mit!“ Trotz grauer Wolken sind alle guter Laune und kein Passant kommt an der Gruppe vorbei, ohne mit einem charmanten Lächeln einen Flyer in die Hand gedrückt zu bekommen. „Ich hab mehrere Jahre ein Hip-Hop-Label in Hamburg aufgebaut – da bin ich es gewohnt, den ganzen Tag Flyer zu verteilen und die Leute direkt anzusprechen“, sagt Fabian Friedrich mit einem Grinsen – braungebrannt, wie alle die Läufer, die schon seit Hamburg dabei sind.

Fußball + Musik = sauberes Wasser

Endlich hat die ganze Gruppe den Weg aus der Stadt gefunden; hinter dem Gewerbegebiet geht es in die Weinberge Richtung Müllheim, dem Tagesziel. Malte wirft nonstop seine Jonglierbälle in die Luft, Torsten schiebt das Tshukudu und Benny erzählt von den Anfängen der Initiative.

„2005 gab es ein Trainingslager des FC St. Pauli auf Kuba. Dort sind uns die vielen sozialen Missstände aufgefallen, vor allem im Bereich der Wasserversorgung. Als ich wieder in Deutschland war, hab ich überlegt, wie ich dort helfen könnte – aus dem Bauch raus und mit viel Enthusiasmus.“ Anfang des Jahres war er selbst wieder für acht Wochen in Afrika und hat sich die aktuellen Brunnenprojekte angeschaut.

„Als der Verein Form annahm, haben wir uns mit der Welthungerhilfe zusammengetan. Als größte Nichtregierungsorganisation in Deutschland sorgt sie für den Bau vor Ort. Im Gegenzug können wir ein ganz anderes Publikum erreichen: Als junge Organisation sind wir vor allem in Schulen mit Workshops aktiv und auf Festivals oder Konzerten, wo Künstler ihre Gage oder die Besucher ihren Becherpfand spenden.“



Auf dem Wassermarsch haben schon Clueso, Wir sind Helden und Fettes Brot für die Aktivisten gespielt. Die Unterstützung für das Projekt kann sich wirklich sehen lassen: Gentleman hat einen Soundtrack für den Marsch geschrieben und Michael Mittermeier empfing die Gruppe bei seiner Freiburger Show am Donnerstag. „In Stuttgart haben wir außerdem ein Benefizspiel gegen eine Mannschaft des VfB gemacht – und unentschieden gespielt!“ erzählt Lars mit strahlenden Augen.

Obwohl es bergauf geht und das Tempo jetzt merklich angezogen hat, ist die Stimmung ansteckend heiter und entspannt. Kaum zu glauben, dass manche Läufer seit 38 Tagen unterwegs sind. „Motivationsprobleme hatten wir eigentlich nie so richtig“, sagt Lars Braitmayer. Es ist der Optimismus und die positive Stimmung, die Viva con Agua zu etwas Besonderem machen. „Uns ist es ganz wichtig, dass wir nicht gegen, sondern für etwas laufen“, erläutert Benny. „Für den Zugang zu sauberem Trinkwasser auf der Welt und für ein stärkeres Wasserbewusstsein in Europa.“

Kilometer 1.000: Euphorie

Erdbeerstände bieten Stärkung am Wegrand und der Marsch durch die Dörfer verschafft einen ungewohnten Blick auf Land und Leute. „Es ist eine echte Erfahrung, ganz Deutschland zu Fuß zu durchqueren“, sagt Fabian Friedrich. „Man nimmt die Distanzen völlig anders war.“

Die Herzlichkeit der Menschen, denen sie begegnet sind, sei umwerfend: „Damit hätte ich wirklich nicht gerechnet. So viele Leute haben Interesse gezeigt und uns geholfen, Brötchen geschenkt oder Schlafplätze besorgt. Ich hatte das Gefühl, die Menschen wollen gerne helfen und sind so froh, wenn sie eine konkrete Gelegenheit dazu bekommen.“ Etwas weiter hinten in der Gruppe haben Toby und Anselm ein Problem. „Wenn Punktegleichstand herrscht – zählt dann der direkte Vergleich oder das Torverhältnis?“. Der Countdown bis zur EM läuft und die Tippabgaben sind in vollem Gange. Die Frage: „Wie weit lasse ich die Schweiz aus Mitleid kommen?“ beschäftigt alle bis auf die beiden Schweizer Läufer, die gequält grinsen.



Kurz vor Bad Krozingen ist ein historischer Moment gekommen: Die 1000 Kilometer sind geknackt! Am Ortseingang gibt es ein Erinnerungsfoto und eine erste Bilanz. „Über unsere Konzertaktionen, T-Shirt- oder Button-Verkauf und die Spenden vor Ort haben wir bis jetzt über 30.000 Euro auf dem Wassermarsch gesammelt. Das sind 20 Brunnen für Nicaragua!“, freut sich Sebastian.

Benny betont, dass die Spenden komplett für den Brunnenbau verwendet würden, ohne Geld für Gehälter abzuzweigen. Zurzeit arbeiten etwa sechs Leute Vollzeit im Viva con Agua-Büro in Hamburg – ohne Bezahlung. „Es sind aber Kooperationen mit Unternehmen in Aussicht, damit wir echte Vollzeit-Arbeitsplätze schaffen können“, hofft Benny.



In Bad Krozingen gibt es für die müden Pilger Nudeln mit Gemüse zum Sonderpreis in einem kleinen Restaurant. Über 15 Kilometer haben sie noch bis Müllheim vor sich. Am nächsten Tag werden sie dann von Lörrach aus mit 100 Schülern auf der Fanmeile in Basel einlaufen. Kurz vor dem Eröffnungsspiel können sie ihr Projekt auf der Bühne des Münsterplatzes präsentieren.

„Das mit den Schülern ist super, weil wir damit unseren Marsch so beenden, wie wir ihn begonnen haben“, strahlt Sebastian. Von Sankt Pauli aus begleiteten 300 Schüler die Gruppe auf den ersten Kilometern. „Als die alle im alten Elbtunnel standen und ohrenbetäubend laut „Viva con Agua!“ gebrüllt haben – das war schon einer der größten Momente auf diesem Weg.“

Mehr dazu:

Web: Viva con Agua

Foto-Galerie: Imke Plesch & Anette Bender

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