Visual Statements: Ein Freiburger entwirft Bildchen, die auf Facebook von Tausenden geliket werden

Nadine Zeller

Ein Sonnenaufgang am Meer, darüber steht, hübsch typographiert, "It’s a good day to have a good day". Auf Facebook wurde diese Bild tausendfach geliket – gemacht hat es der Freiburger Benedikt Böckenförde. Der Verdient mit den Sinnsprüchen jetzt sogar Geld. Die Geschichte des Start-ups "Visual Statements":



Die analoge Welt trifft auf die digitale: Die Firma Visual Statements mit einer Beliebtheit auf Facebook, die nur knapp unter der des SC Freiburgs liegt,  residiert direkt über einem Antiquariat. Benedikt Böckenförde, Jeans, olivfarbenes T-Shirt und Turnschuhe, empfängt den Besucher im Flur. Nach einer kurzen Führung durch den gelb gestrichenen Altbau, in dem rund zehn junge und attraktive Frauen für ihn konzentriert an Computern arbeiten,  bittet er in sein Büro.


Aphorismen für die Generation Facebook

Es ist das frühere Therapiezimmer seines Vaters, einem Psychologen. Zwei Stühle stehen am Fenster, die  Sitzung kann beginnen. Der 34-Jährige lehnt sich in seinem Bürostuhl nach hinten. Neben zwei Flachbildschirmen auf seinem Schreibtisch steht ein Bild: ein Einhorn. Darunter der Schriftzug. „Always try to be yourself, unless you can be a unicorn. Then always be a unicorn.“

Das Einhorn-Motiv ist eine der am häufigsten gelikten und geteilten Bildbotschaften, die  Visual Statements entworfen hat. Böckenförde, so der Gründungsmythos,  saß oft abends vor seinem Rechner und surfte. Dabei  stieß er  auf inspirierende Sprüche, die er über Monate sammelte. „Viele in meinem Freundeskreis haben sich darüber lustig gemacht,  aber ich hatte Spaß.“  

Hübsches Foto + Sinnspruch + Typographie = Visual Statement

Es ist die Kombination aus originellen Aussagen und stimmungsvollen Fotos, die die Bildbotschaften  des Start-up-Unternehmens so beliebt machen. Mehr als 365.000 Facebook-Nutzer liken die Seite und verbreiten die bunten Sinnspruch-Bildchen.  Anfangs waren die Bildbotschaften nur auf der Visual-Statements-Facebook-Seite zu sehen. Dann schrieben die Nutzer: „Könnt ihr nicht mal T-Shirts drucken, das wäre so cool.“ Jetzt gibt es T-Shirts, Tassen, Poster und Handy-Hüllen, eine Firma aus Chemnitz kümmert sich um die Logistik. 15000 T-Shirts kann Böckenförde nicht mal kurz in Freiburg klarmachen. Immer schön outsourcen und sich auf das besinnen, worin man gut ist. „Bei mir sind das die Ideen. Die sind mir nie ausgegangen“, sagt er.

Vor allem Frauen fühlten sich von Visual Statements angesprochen. Drei von vier Nutzern sind weiblich; sie kaufen sich  Oberteile  mit dem Aufdruck „TinderÜberraschung“. Böckenförde trifft den Ton seiner Nutzerinnen. 



2011 startete Böckenförde die Facebook-Seite „Du weißt du bist Freiburger wenn ...“. Die Nutzer können den Satz vervollständigen und schreiben, was für sie typisch am  Leben in Freiburg ist. Innerhalb kurzer Zeit hatte die Seite 8000 Fans. „Ich habe die Seite hochmoderiert“, sagt er. Als er die Reichweite hatte,  begann er zu verstehen, dass man mit Aufmerksamkeit auch Geld machen konnte.

Geholfen haben ihm Freunde – darunter auch Ulrich Herrenweger, 26 Jahre alt,  E-Commerce-Spezialist. Er  ist es, der  Böckenfördes Ideen auf  Realitätsmaß runterbricht. Herrenweger trinkt Energydrinks und wirkt trotzdem tiefenentspannt. Er sitzt im Büro nebenan und hat den Web-Auftritt im Blick. Er entwickelt  Geschäftsmodelle und hat die digitale Wertschöpfungskette im Blick. „Uli hält mich für einen kreativen Spinner“, sagt Böckenförde. Herrenweger sagt: „Irgendjemand muss ja arbeiten.“  

Der nächste Coup: Hotels testen, um schöne Bilder auf Facebook zu posten

Auf Fotos in seinem privaten Facebook-Profil sieht man Böckenförde neuerdings aus einem Swimmingpool aussteigen und mit Meeresblick am  Laptop arbeiten. „Hotels in Heaven“ heißt das neue Start-up, auf Facebook „Hotels to stay in before you die“, die Seite hat fast 165.000 Likes. Hier lief es ähnlich wie bei Visual Statements. Zuerst suchte Böckenförde  nach schönen Hotels, dann stellte er sie auf der Facebook-Seite vor und bekam Reaktionen.

Seine Reichweite, das begann er  zu verstehen, war  interessant für Hotelbetreiber in Thailand, Dubai, Mosambik.  Und was machen Menschen, die Hotels empfehlen und potentielle Kunden erreichen? Sie schlafen sich durch Hotels. Böckenförde sieht sich nicht nur geistig an weißen Stränden unter Kokospalmen, auf Facebook ist er das bereits. Er selbst schlägt eines der Fotos zur Bebilderung dieses Artikels vor. Die Neider können ihn mal. Mit  Schuldgefühlen  belastet er sich nicht – kann Vorteile haben, wenn der Vater Psychologe ist.

Stellt sich die Frage: Wie macht er das? Es gibt verschiedene Antworten. Eine davon ist sicher, dass  Böckenförde nicht immer  gedacht, sondern vor allem gemacht hat.  Beispiel: Als Mario Götze bei der  WM in Brasilien Deutschland in den Weltmeisterhimmel schoss, postete eine Bekannte von ihm  „Götzeidank“ auf Twitter. Sofort bastelte Böckenförde ein Visual Statement. Es ging durch die Decke. Reichweite fünf Millionen, laut Facebook-Statistik. Es lief sogar im Fernsehen in der ARD und bei RTL aktuell. War nicht sein Spruch, aber egal.

Ein Shitstorm? Damit kann er leben

Beklagt hat sich niemand. Bei der Bildbotschaft zu Michael Schumacher schon. Das war so: Als Michael Schumacher nach seinem schweren Skiunfall ins Koma fiel, postete Böckenförde eine Bildbotschaft: „Das ist dein größter Kampf. Wir stehen hinter dir. Autor: Ganz Deustschland.“ Dumm nur: Böckenförde hatte den Tippfehler übersehen. Das Statement wurde geteilt, geliket und Böckenförde konnte dessen Verbreitung nicht aufhalten.  Folge: Riesen-Shitstorm. Sogar die Bild-Zeitung wollte zeigen, wie das Social-Web Anteil nimmt, und zeigte Böckenfördes Bildbotschaft.  Er sagt: „Die Ware lautet Aufmerksamkeit und wer die kriegt, kann auch mit Shitstorms leben.“

Er ist frech – und manchmal pisst er Leuten damit auch ans Bein. Einmal rief ein Mann aus einer Hamburger Werbeagentur hocherzürnt an, weil Visual Statements seinen Spruch benutzt hatte. Böckenförde entschuldigte sich. Seitdem arbeitet Visual Statements  mit Autorenangaben und versucht herauszufinden, wer was auf Twitter oder sonstwo gesagt hat. „Wir waren nicht immer so selbstkritisch“, sagt er. Zehn Visuals posten  sie pro Tag, es läuft gut. Rund ein Dutzend Leute arbeiten für ihn, die meisten auf Praktikantenbasis für vierhundert Euro. Der Mindestlohn wird nur dann fällig, wenn das Praktikum länger als drei Monate dauert – also beschäftigt Böckenförde sie für drei Monate.

Böckenförde träumt davon, irgendwann von Buenos Aires aus  arbeiten zu können. Es gibt ein passendes Visual Statement. Darauf steht: „I can, I will. End of Story.“ Es gefällt ihm sehr gut.