Visavajara feiert Geburtstag: Nadeln, Blut & Extremerfahrungen

Carolin Buchheim

Im Herbst 1998 eröffneten Ralf Fees und Roland Zwicknapp mit Visavajara Freiburgs erstes spezialisiertes Piercing-Studio. "Damals haben uns alle geraten, bloß nicht zu viel Geld und Energie reinzustecken", sagt Ralf. "Piercing sei nur so ein Trend, der bald vorbei sei." Der Trend ging nicht vorbei, und bei Visavajara wird mit und gegen die Moden gepierct, geschnitten, gespalten und gebrandet. Der Geburtstag wird mit drei Body-Modification-Shows in der Wodanhalle gefeiert. Was man dabei zu sehen bekommt und wie er so ist, der Piercer-Alltag in Freiburg, hat sich Caro von Ralf erzählen lassen.



„Piercer sein, das ist für Roland und mich nicht nur Beruf, sondern Berufung“, sagt Ralf Fees, im Hinterzimmer von Visavajara sitzend, dem Piercing-Studio, das er mit Roland Zwicknapp seit nun mehr zehn Jahren in der Rathausgasse betreibt. Einmal durch das Klamottengeschäft Strada durch, die Treppe hoch in die erste Etage, einfach den futuristischen Stahlschildern folgen.



Ralf (Bild unten links) ist groß, schlank und redet viel und schnell im charmanten badischen Singsang. Dass Body Modification, die Lust an der Veränderung des Körpers, für ihn nicht nur irgendein Job ist, das sieht man ihm an.

Ralf hat unter anderem gedehnte Ohrläppchen, eine Reihe Oberflächenpiercings am Hals, Piercings in der Lippe, der Nase, zwei Implantate im Unterarm und unter seinem T-Shirt zeichnen sich Brustwarzenpiercings ab. „Unser Ziel ist es, so lange wir leben so viele Löcher wie möglich in andere Leute zu stechen, Implantate zu setzen, Narben zu schneiden und Sachen zu spalten“, sagt Ralf. Und lacht. So sieht dann wohl jemand aus, der seinen Beruf liebt.

Die Kollaboration Visavajara entstand aus dem Bedürfnis von Ralf und Roland nach Professionalität. „Piercing fand vor zehn Jahren – wie auch heute oft noch – meist in der Ecke eines Tätowierladens statt. So nach dem Motto ‚Wir machen hier auch Piercing’. Roland und ich, wir hatten beide so kleine Klitschen, aber wir wollten eben aus diesen Ecken raus und professionell arbeiten“, sagt Ralf. „Und glücklicherweise haben wir den genau richtigen Moment für Freiburg erkannt.“



Zwischen den Männern, die eigentlich Konkurrenten waren, entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis. Beide erkannten, dass sie die gleichen Vorstellungen von einem idealen Piercing-Studio hatten und wagten sich an den gemeinsamen Laden. Auch die Persönlichkeiten passten.

„So unterschiedlich wir beide als Typen sind, so gut ergänzen wir uns bei der Arbeit“, sagt Ralf. „Und jeder hat so einzelne Schwerpunkte, die er einbringt. Und der andere ist offen genug, das auch anzunehmen.“ Roland, ebenfalls groß, üppig verziert und mit eindrucksvoll gedehnten Ohrringen ausgestattet, wirkt ruhiger als Ralf, ein bisschen zurückhaltender, geht mit Charme und Lächeln sparsamer um aber hat mit den Kundinnen und Kunden im Geschäft den gleichen aufrichtigen Umgang.

Beide stellen, damals wie heute, hohe Ansprüche an sich selbst und ihre Arbeit. „Wir waren damals das einzige Studio in der Region, das im Bezug auf Hygiene auf internationalem Standard gearbeitet hat“, sagt Ralf nicht ohne Stolz. „Und was mir besonders wichtig ist, ist dass wir nicht stehen geblieben sind. Wir entwickeln uns und unsere Fähigkeiten weiter.“

Bei Visavajara gibt es deshalb mehr als in den Piecing-Ecken der Tätowierstudios, nämlich das volle Body-Modification-Programm; mehr als die mittlerweile Mainstream gewordenen Bauchnabel- und Augenbrauenpiercings.

Bei Visavajra bekommt man auch ausgefallene Intim- oder Oberflächenpiercings, Micro Dermals (Hautanker), die den begehrten „Ein-Stich-Look“ ermöglichen, Spaltungen und Brandings. Andere Studios schicken ihre Kunden zu Ralf und Roland, wenn die Kundenwünsche Kenntnisse und Fähigkeiten der eigenen Piercer überschreiten. „Erst letzte Woche hat ein Studio aus Stuttgart eine Kundin zu uns geschickt, die einen weiblichen Prince Albert (Anmerkung von fudder: ein Intimpiercing, bei dem die Harnröhre von der Vagina her durchstochen wird) haben wollte. Das ist schon sehr selten, das habe selbst ich erst zum zweiten Mal gemacht“, sagt Ralf.

Wie viele Bauchnäbel er in zehn Jahren Selbständigkeit gestochen hat, das hat Ralf nicht gezählt. „Aber Bauchnäbel, Augenbrauen und Nasen sind nun mal Klassiker, die werden nicht aussterben.“ Neue Trends kommen dazu, zur Zeit sind gespaltene Zungen in („Davon haben wir in diesem Jahr mehr gemacht als ich jetzt zählen könnte.“), Lippenbändchenpiercings und die Ohrlocherweiterung.

"Das ist ganz sicher einer der deutlichsten Trends der letzten Jahre", sagt Ralf. „Gerade in Freiburg ist das Verhältnis Einwohner zu gedehnte Ohren sicher überproportional. Vor sieben, acht Jahren waren das noch größtenteils junge Männer, jetzt sieht man auch 18-, 20-jährige Mädchen damit, die ihre Ohren schön auf 8 oder 10mm hochdehnen. Das hat eine richtige Eigendynamik angenommen. Ich denke, dass wir da nicht ganz unschuldig dran sind.“

Auf die Trends der nächsten zehn Jahre ist Ralf gespannt. „Vorhersagen was kommt, kann man fast gar nicht, dazu verändert sich zu viel und zu schnell. Ich hätte zum Beispiel nie absehen können, dass die Transdermals so groß werden würden, das hängt einfach mit der Entwicklung der Technik zusammen.“ Ein Lieblingspiercing hat Ralf nicht. „Jedes Mal, wenn ich an einen Kunden oder eine Kundin herantrete, bin ich ganz in dem Moment, egal ob es ein Bauchnabel oder etwas Komplizierteres ist.“

Und die Kunden sind unterschiedlich, ein Querschnitt durch die Gesellschaft. „Natürlich kommen überdurchschnittlich viele hübsche Mädchen Mitte zwanzig her, um sich verschönern zu lassen, aber zu uns kommen eben auch die 14-Jährigen mit ihren Müttern, um sich ein Nasenpiercing machen zu lassen, weil sie gehört haben, dass wir ordentlich arbeiten. Und es gibt auch den Sparkassenangestellten, der herkommt, um sich im Intimbereich piercen zu lassen.“

Dank der Informationsquelle Internet kommen immer jüngere Kunden mit immer spezielleren Wünschen, gerade auch Im Bereich der Intimpiercings. „Vor zehn, zwölf Jahren waren das eher Männer und Frauen mittleren Alters, Typ Swinger, die sich dort mit Metall behängen wollten. Jetzt kommen 20-Jährige, die ihre Wünsche und Vorstellungen genau benennen können.“



Warum die Kunden kommen um sich stechen, spalten, branden zu lassen? Ralf kann es nicht verallgemeinern. „Das sind so viele Gründe, wie es Kunden gibt.  Für manche geht es um den dekorativen Aspekt, andere wollen prägende Erlebnisse an ihrem Körper festhalten, andere suchen die körperliche Grenzerfahrung."

Wem da ein Piercing oder eine gespaltene Zunge nicht mehr ausreicht, dem kann Visavajara auch weiterhelfen. „Wir bieten seit ein paar Jahren ein, zwei Mal im Jahr Suspension Camps an“, erzählt Ralf. Suspension, das ist das Anheben des Körpers vom Boden an in die Haut geschobenen Haken, die bei unbedarften Zuschauern Assoziationen mit Fleischerhaken wecken dürften, aber speziell für diese Art des Körperspiels hergestellt werden.

„Suspension ist eine Grenzerfahrung, die sich nicht groß von einem Bungee oder Fallschirmsprung unterscheidet. Die Leute wollen das und genießen das Erlebnis dann sehr“, sagt Ralf. Die Camps finden meist im Sommer statt, die Suspension unter freiem Himmel. „Die Structure an der man dann hängt, wird normalerweise an einem Baum festgemacht, und so unter freiem Himmel ist das etwas sehr Besonderes.“

Aber jetzt wird erstmal das Jubiläum gefeiert, und zwar im großen Stil. An drei Samstagen, dem 13. September, 11.Oktober und dem 25. Oktober, wird es in der Wodanhalle insgesamt sechs unterschiedliche Body-Modification-Shows mit dem Motto "Free mind, free body" geben; einen Querschnitt durch die verschiedenen Szenen innerhalb der vielfältigen Körperkunst und Performance-Szene.

„Unsere drei Events kann man sich wie ein Musikfestival vorstellen. Von HipHop über Elektronischen Sound bis hin zu Grunge und klassischer Gitarre ist alles dabei“, sagt Ralf. „Ich glaube, dass wir für Freiburg mit dem, was wir da anbieten werden, schon eine Spur krass sind. Wir bieten die Shows in dieser Geballtheit aber auch an und holen sie nach Freiburg, um Berührungshemmungen abzubauen.“



Den Anfang machen am kommenden Samstag Samppa von Cyborg und Pain Solution, zwei Typen, die nach Ralfs Ansicht „in ihrer Unterschiedlichkeit nicht extremer sei könnten“.

Håvve von Pain Solution (Bild oben), daheim in Oslo Betreiber einer Fakirschule, wird eine unterhaltsame Show rund um das Thema Nadeln und Spieße bieten. Samppa von Cyborg (Bild links), aus Finnland stammend, nimmt das Ganze etwas ernster: er begreift sich tatsächlich als Cyborg.

„Samppa hat biomechanische Tätowierungen, transdermalen Implantate, wo das Gewinde aus der Haut heraussteht, wo man dann Sachen aufschrauben kann. Es geht ihm um die Schnittstelle von Körper und Mechanik. Was er macht, ist schon nicht ganz unhart“, sagt Ralf.

Am 11. Oktober gibt es mit Satomi & Lukas Zpira (Bild unten) und Jon & Bastien den „Franzosen und Japan-Abend“. Der langjährige Visajara-Weggefährte Lukas Zpira, selbstdefinierter "Bodyhactivist", wird mit seiner Ehefrau Satomi, „The Tokyo Love Doll“, eine Piercing-Show mit Bondage-Elementen zelebrieren. „Ich will hier keine schlüpfrigen Erwartungen schüren“, sagt Ralf. „Aber diese Show kann durchaus erotisch aufgeladen sein."



Von den französischen Körperkünstlern Jon & Bastian (Bild unten) kann man eine avantgardistische Body Performance erwarten. „Es ist schwierig, deren Arbeit zu beschreiben, man muss das einfach sehen. Kunst ist ja generell schwierig in Worte zu fassen“, sagt Ralf. „Egal ob es ein Bild ist oder so eine Performance.“ Mit Bondage und Suspension kann gerechnet werden.



Beim Abschlussabend am 25. Oktober ist nicht nur die englische Gruppe Operafication zu Gast – die Herren von Visavajara (Bild unten) sind selbst fällig.

„Bei unseren Shows arbeiten wir zu Dritt“, erklärt Ralf. „Wir bezeichnen das als Ritual Performance, da die Elemente, mit denen wir bei den Shows arbeiten, ganz viele rituelle Fragmente beinhalten, wie das Spiel mit Nadeln oder Brandzeichen oder der Einsatz von Skalpellen, die in bestimmten Stämmen und Völkern Initiationsriten sind.“ Dazu gibt es eine Full Body Suspension. „ Wir zeigen bei unseren Shows was machbar ist, was man an und mit dem Körper machen kann, wie weit man gehen kann."



Spannend dürfte der Kontrast zwischen der konzentrierten Energie der Visavajara-Show und der spektakulären Performance von Operafication werden: das Duo kombiniert Body Suspension mit Musik und Performance. Operafication-Mitglied Hillary (Bild unten) ist ausgebildete Opernsängerin und bringt ihre gesanglichen Fähigkeiten in die Shows ein.

"Ich habe sie vor vier, fünf Wochen erst gesehen, da hing sie in einer Full Body Suspension an vier Haken und hat eine Arie geschmettert“, erzählt Ralf. „Uns stand die Pisse in den Augen und wir hatten Gänsehaut. Es war schlicht und einfach ergreifend.“



Bei allen drei Veranstaltungen werden die Sushicutters mit Visuals und Live-DJing für die multimediale Verschönerung der Wodanhalle sorgen. Und von den Nadeln und Haken abgesehen, sollte es ein beinahe normales Ausgeh-Erlebnis werden.

„Man kann unsere Veranstaltungen einfach als Konsument erleben, sich an der Theke ein Bier kaufen und die Shows angucken. Man muss mit niemandem reden und mit Nadeln geht auch niemand auf die Zuschauer los“, sagt Ralf schmunzelnd. „Wenn man will, kann man danach natürlich noch bleiben und noch ein zweites Bier trinken und vielleicht doch mit ein paar Leuten reden. Denn normalerweise haben die Leute nach so Shows das Bedürfnis, sich darüber auszutauschen.“ Einen Dress-Code wie bei Fetisch-Veranstaltungen gibt es nicht. „Obwohl wir uns natürlich freuen, wenn Leute sich aufstylen.“

Nur auf eins sollte man sich vorbereiten: Es wird auf jeden Fall Blut fließen. „Aber Angst braucht man deswegen nicht haben", sagt Ralf. „Es gibt immer mal wieder Leute, die es dann ein bisschen mit dem Kreislauf kriegen. Aber das ist kein Problem. Es ist auch ein Sani vor Ort.“

Dann muss Ralf das Gespräch unterbrechen. Eine Kundin ist da, tatsächlich die zuvor beschriebene typische Kundin, irgendwo am oberen Ende von 20, ausgesprochen hübsch.



Sie hat Probleme mit ihrem noch frischen Brustwarzenpiercing. „Es ist einfach rausgegangen", sagt sie. Ralf hört aufmerksam zu, stellt ihr einige Fragen und geht mit ihr in den Piercingraum um es wieder einzusetzen. Fünf Minuten vergehen, dann hört man durch die Tür die Kundin gedämpft aufschreien: „FUCK!“. Ein noch frisches Piercing wieder einsetzen, das tut mehr weh als ein Neues zu stechen. Als sie aus dem Piercingraum kommt, lächelt sie allerdings schon wieder.

Ralf gibt ihr Pflegehinweise und ein Desinfektionsmittel und weist auf das Poster für die bevorstehenden Geburtstags-Events und erzählt von den unterschiedlichen Veranstaltungen. „Das gefällt Dir bestimmt", sagt er. "Und wenn Du am 25. Oktober kommst, dann kannst Du mich zum Ausgleich mal leiden sehen.“

Und dann lachen beide.

Mehr dazu:

Was: Samppa von Cyborg & Pain Solution
Wann: Samstag, 13. September 20078, 20:30 Uhr

Was: Satomi & Lukas Zpira - Jon & Bastien
Wann: Samstag, 11. Oktober 2008, 20:30 Uhr

Was: Operafication & Visavajara
Wann: Samstag, 25. Oktober 2008, 20:30 Uhr

Wo: Wodanhalle
Eintritt: jeweils 18 Euro; davon geht jeweils 1 Euro als Spende an SAGA - Südbadisches Aktionsbündnis gegen Abschiebungen
Vorverkauf: Visavajara, Rathausgasse 42
Wichtig: Eintritt ab 18 Jahren, Fotografieren nicht erlaubt