Virtuelle Buchpfade

David Harnasch

In der wunderbaren Welt des "Web 2.0" findet sich für jedes Hobby eine eigene virtuelle Gemeinschaft. Ein Freund, der um meine exzessiven Lesegewohnheiten weiß, schickte mir einen Link zu http://www.buchpfade.de



Sechzehn Studenten, Mitarbeiter und Alumnis der Technischen Universität München und der Ludwig-Maximilians-Universität München bastelten die Leseratten-Community buchpfade in nur fünf Tagen.


In den FAQ erklären sie den Namen: „Jeder, der Bücher liest, hat unserer Meinung nach seinen eigenen Buchpfad. Bücher, die man gelesen hat und die man lesen wird, Bücher die man mag und nicht mag. Jeder Freund hat einen Buchpfad. Entlang der Buchpfade trifft man sich – und das vor allem wollen wir ermöglichen. Begegnungen von Freunden auf ihren Buchpfaden.“

Wie bei Amazon.de können die Mitglieder Buchkritiken verfassen, Bücher bewerten und sich anhand dieser Bewertungen Empfehlungen geben lassen. Web-2.0-typisch steht aber der Austausch mit anderen Mitgliedern im Vordergrund. Das könnte funktionieren: Literaturjunkies definieren sich wesentlich über ihre Bücher. Wenn zwei Vielleser ähnliche Bücher mögen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie einander sympathisch sind. Natürlich bestehen Möglichkeiten, Bücher mit Tags zu versehen und sich in einem Profil selbst darzustellen.



Regalhaltung ist bekanntlich Bücherquälerei, daher werden alle, die Bücher nach dem Lesen verleihen oder verschenken, das virtuelle Buchregal mögen. In der Rubrik „Buchleben“ kann man seinen Literaturkonsum chronologisch sortiert archivieren. Wie bei allen Web 2.0-Projekten gilt auch für buchpfade.de, dass der Nutzen mit der Menge der Beteiligten steigt. Momentan sind noch unter tausend Leser registriert, aber Mitarbeiter Bernhard Kirchmair meint: „Die Benutzerzahlen entwickeln sich unglaublich gut. Wir sind gerade mal drei Wochen online, alles basiert rein auf Mund-zu-Mund Propaganda. Führende Foren und Blogs sind schnell auf die neue Plattform aufmerksam geworden und wir verzeichnen dementsprechend rasch ansteigende Mitgliederzahlen.“

In der Selbstdarstellung wird buchpfade.de als „unternehmerisches Experiment“ bezeichnet, aber auf der Seite ist keine Werbung zu sehen. Die Links zu amazon sind provisionsfrei und den Verkauf der Nutzerdaten verbietet sich der Betreiber selbst. Kirchmair: „Wir sind gerade am Evaluieren von Geschäftsmodellen. Eine Option ist sicherlich das Amazon-Partnerprogramm. Bis eine Entscheidung gefällt ist, agieren wir als non-profit.“

In meinem virtuellen Bücherregal stehen bisher 128 Bücher, viele davon habe ich im echten Leben schon lang weiterverschenkt. Schön, dass man online ein wenig schummeln kann. Obwohl ich massenhaft von seinem Schund gelesen habe, werde ich virtuell niemals den Besitz auch nur eines Werks von Ken Follett gestehen!