Vier Tage vor dem Abi: Gehirn am Grenzwert

Xifan Yang

Die schriftlichen Abiturprüfungen nahen, die Abiturienten werden nervös. Unsere Autorin Xifan gehört auch zu denjenigen, die gerade im Lernstress sind. In ihrem Beitrag schreibt sie davon, was vier Tage vor dem Abitur um sie herum passiert - und stellt sich die Frage: Wann beginnt der ernstere Ernst des Lebens?



Als ich in die Küche gehe und die Schiebetür unter dem Abflussbecken öffne, ist der Eimer, aus dem sonst der Odem widerlichster Bioabfälle mir entgegendampft, bereits leer. “Ich hab den Müll schon runter gebracht, das musst du heute nicht machen. Nach dem Abi dann wieder”, eröffnet mir meine Mutter. Verwundert ziehe ich von dannen.


Etwas später kommt ein Anruf aus China. Meine Großeltern sind dran. Hibbelig fragen sie mich aus, wie es denn jetzt so sei, ob ich auch fleißig in den Büchern studiere, das darf man ja jetzt nicht vermasseln und wenn sie damals die Möglichkeit gehabt hätten, dann usw. Auch die Lehrer in der Schule legen seit Wochen seltsames Verhalten an den Tag. In jeder Unterrichtsstunde bekommt man jetzt tausend Blätter ausgeteilt, versehen mit dem Hinweis, dass man sie ja später als Student dazu benutzen kann, damit seine Bude zu heizen.

Die Frauen und Herren OStR beginnen einen als vollwertige Menschen zu behandeln, sich abseits des Abspulens ihres seit Jahren gleich gebliebenen Routineprogramms besonders besorgt zu bemühen, man wird plötzlich mit Samthandschuhen behandelt und darf jetzt sogar “zu jeder Zeit” zu Hause bei der Mathelehrerin anrufen. Man hat fast den Eindruck, Verwandte, Lehrer und Freunde überbieten sich gegenseitig in Panikmache.

Wieder einmal beginnt jetzt der “Ernst des Lebens”, nach dem bei der Einschulung, beim Eintritt ins Gymnasium und beim ersten Nebenjob das Erscheinen dieses vagen Etwas schon mehrfach prophezeit wurde. Heißt das jetzt, der gegenwärtige Ernst der Lage ist ernster als die Ernste davor? Und: Wann beginnt dann der ernsteste Ernst des Lebens?

Meine beste Freundin sitzt seit Tagen über ihren Geschichtszetteln und erzählt mir was von Bismarck und 1871. Zwar absolvieren wir hier in Baden-Württemberg alle das gleiche Zentralabitur, aber wie so oft kann man es sich doch gleicher machen. Während etwa die Geschichtler und Biologen ganze Bücher auswendig pauken müssen, hat der, der in Kunst Abitur macht (u.a. ich) ein wirklich gnädiges Pensum abzuleisten. Minimaler Aufwand (bisschen Malen und über ein Kunstwerk philosophieren) ergibt maximale Ausbeute (inflationäre Verteilung von 14- und 15-Punkten im Kunstkurs).

Meine Bekannte in NRW erzählen von zweijährigem Dauer-Füße-Hochlegen in der Oberstufe. Für manche sind die letzten Tage vor dem Schriftlichen der finale Countdown, andere empfinden sie nicht mehr und nicht weniger als Teil des täglich schrumpfenden Restübels der noch zu ertragenden Schulzeit bis Ende Juni.

Am Ende bekommen wir alle dasselbe Zertifikat unserer “allgemeinen Hochschulreife” ausgehändigt. Kleine Unterschiede bei der Stelle hinterm Komma können heute schon darüber entscheiden, ob man sich in die Vorlesungen einer Massen-Uni quetschen muss oder dazu auserlesen ist, den “Leuchtturm” der akademischen Elite zu erklimmen. Die Abitursnote als verhängnisvoller Parameter in unserer postindustriellen Wissensgesellschaft und so.

Unter einigen Mitschülern macht sich inzwischen latente bis akute Prüfungsangst breit. Leute, die die Anzahl ihrer Besuche in einem Buchladen an einer Hand abzählen können, geben Unmengen für diese roten Abiturvorbereitungsheftchen aus. Die Nervosität macht sich quasi in den Absatzzahlen bemerkbar und es würde mich nicht überraschen, wenn die Arbeitsplätze in der Abiturvorbereitungshefchenindustrie so sicher sind wie kaum irgendwo anders. Man munkelt, dass die Auflage dieser Bücher mit dem Titel “ABITUR 2006 - Prüfungsaufgaben mit Lösungen” höher ist als manch bedeutende Literatur.

Auch ich habe mich vor einiger Zeit mit ein paar dieser Heftchen eingedeckt. Und wie bei vielen anderen auch wurden sie mit dem Gedanken angeschafft, jetzt sich endlich doch mal vorzubereiten und zwar strukturiert und gezielt, Ärmel hoch und los. Schließlich lagen sie dann doch monatelang auf dem Schreibtisch herum und erinnerten einen mit ihren lästigen knallroten Umschlägen, die Gefahr und Wichtigkeit signalisieren, dann tagtäglich daran, wie gemütlich sich der Schweinehund doch in einem eingerichtet hat. Grunzend rollt er sich einfach wieder zusammen, wenn man ihm in den Hintern zu treten versucht.

Der Bildungsbrei, das Allerlei aus den vom Kultusministerium portionierten DeutschEnglischFranzösischMatheBioChemiePhysikGeschichte-
GemeinschaftskundeErdkundeReligionEthikKunstMusik-Häppchen
, die wir uns in 13 Jahren einverleibt haben, muss jetzt fertig verdaut und nächste Woche in vier Sitzungen von jeweils 240 bis 300 Minuten Dauer wieder adäquat ausgeschieden werden. Was jetzt noch nicht drin ist im abrufbereiten Wissenspool, muss noch reingestopft werden. Eine Formel, ein Kapitel geht noch rein. Die neueste deutsche Rechtschreibung kann ich auch nicht. Genervt lege ich die Zettel und Bücher beiseite, meine Gehirntätigkeit hat den Grenzwert erreicht. Oder, lustiglustig, der Limes der Aufnahmekapazität meines biologischen Speichermediums tendiert nicht gegen unendlich, sondern gegen 0.