Vier Jahre nach dem Abi: Realitätscheck

Gina Kutkat

Tausende von Schulabgängern sind jährlich nach zwölf, dreizehn und manchmal auch vierzehn Jahren Schule plötzlich auf sich allein gestellt. Auch 65 Abiturienten des Goethe-Gymnasiums in Freiburg – darunter fudder-Autorin Gina Kutkat – standen im Jahr 2005 vor wichtigen Entscheidungen. Was ist aus den Plänen von damals geworden? Gina fragte bei ihren ehemaligen Schulkameraden nach.



Vor ziemlich genau vier Jahren war das Ende der Schulzeit in Sicht, man freute sich auf all das, was die Zukunft bereit hielt: Reisen, Zivildienst, jobben,  Studium, von zu Hause ausziehen und die Welt unsicher machen. Die euphorischen Pläne äußerte man in der Abizeitung.


So hatte zum Beispiel Holger (Bild links) schon genaue Vorstellungen von seiner Zukunft: „Haus in den USA mit Frau (gutaussehend), Sohn (Footballer), Tochter (Cheerleader) und Hund (normal). Außerdem drei Autos (teuer).“ Max wollte Weltfußballer werden und Anne schrieb: „Wenn ich groß bin will ich auch mal Spießer werden“. Im Gegensatz dazu hatten Gideons Pläne schon Hand und Fuß: „Zivildienst, Germanistik und Geschichte studieren, nach New York City und South Africa reisen, Anna heiraten, klug und erfolgreich sein.“

Viele der Abiturienten von damals stecken noch mitten im Studium, einige sind bald fertig, manche haben schon eine Berufsausbildung abgeschlossen und stehen im Berufsleben. So wie Gernot (Bild unten). Er arbeitet als stellvertretender Filialleiter eines Supermarktes in Freiburg und ist damit rundum zufrieden. „Mein Gehalt ist besser als das von nahezu jedem aus meinem Freundeskreis.“ Gernot zählte in der Schule nicht gerade zu den Einser-Kandidaten, wegen seiner wallenden Mähne nannte man ihn nur „Le Frisur“.


Auch aufgrund seines Berufswunsches wurde er oft belächelt, seine Mitschüler sahen in ihm eher den Frontsänger einer Heavy-Metal-Band oder einen Bordellbesitzer. Gernot wollte jedoch eine Ausbildung bei einer Supermarktkette absolvieren und sah darin seine berufliche Erfüllung. Seine Ziele für die nächsten vier Jahre haben ebenfalls bodenständigen Charakter: „die Assistentenpraxisphase beenden, den Handelsfachwirt erfolgreich abschließen, die Marktmanagerausbildung angehen und erfolgreich bestehen, eventuell einen eigenen Markt erhalten und führen.“

Gernot ist mit seiner Situation sicherlich eine Ausnahme. Viele seiner ehemaligen Mitschüler haben noch keine konkreten Vorstellungen von ihrer Zukunft. Fast so, wie damals beim Abitur, aber das Gefühl, die Welt stünde einem offen, ist verschwunden. Gideon (Bild unten rechts), dem aufgrund seiner Liaison mit Mitschülerin Anna eine Zukunft als Ehemann, Chef von Anna oder Annas Mann vorausgesagt wurde, hat „so gut wie alle in der Abizeitschrift genannten Pläne erfolgreich verwirklichen können.“

Er studiert Neueste Geschichte und Neuere deutsche Literatur an der Uni Freiburg, liebäugelt mit dem Masterfach Neuere Literatur, Kultur und Medien und geht bald für ein Semester nach Genf, wo ein Jobangebot als Tutor des Literaturprofessors Maximilian Bergengrün auf ihn wartet. Und was ist mit der geplanten Heirat? „Der Plan, Anna zu heiraten, ist zwar noch nicht ausgeführt, soll jedoch nicht mehr lange auf sich warten“. Das einstige Traumpaar der Stufe wohnt inzwischen zusammen und Gideon „genießt die Freuden des Zusammenlebens mit der Partnerin.“

Große Neuigkeiten gibt es auch von Anna Cuk (Bild unten), die den wohl größten Schritt von allen gegangen ist: „Ich habe meine große Liebe im August 2006 geheiratet, heiße jetzt Anna Kovacevic und bin nach Wien gezogen.“ Dort studiert das immer "top gestylte, liebe Mädel" (O-Ton Abizeitung) von früher Übersetzen und Dolmetschen mit der Sprachkombination Deutsch, Bosnisch, Kroatisch, Serbisch und Englisch und arbeitet nebenbei beim Kundenservice.


Auch Holger, der in Aachen Medizin im 6. Semester studiert, ist seit 3 ½ Jahren glücklich vergeben. Den nicht ganz ernst gemeinten Plan, in die USA auszuwandern, hat er erst einmal verworfen. „ Es ist ein schwerer Schritt, aus Deutschland wegzuziehen. Da spielen viele Faktoren eine Rolle, die man nicht so einfach planen kann. Heiraten und Kinder kriegen hat noch Zeit, für einen Hund ist mein Wohnheimszimmer zu klein.“

Benny gibt an, seine Pläne geschäftlich zu 100 Prozent erreicht zu haben. Vor vier Jahren suchte er einen Ausbildungsplatz zum Bankkaufmann Fachbereich Finanzassistent, das hat auch geklappt. Er ist inzwischen Kundenberater Senior in einer Bank in Freiburg. Im BWL-Abendstudium sichert er sich die Weiterbildung in der Branche. Zusammen mit seiner Freundin wohnt er in einer großen Wohnung im Haus seiner Eltern, in vier Jahren sind die beiden 10 Jahre zusammen, „man kann sich ja vorstellen, was dann ansteht."

Ganz schön gesettled, die jungen Leute von heute. Vier Jahre nach dem Abitur können Holger, Gideon, Gernot, Anna und Benny von sich behaupten, ihre damaligen Ziele erreicht zu haben. Manchmal war es ein gerader, manchmal auch ein holpriger Weg. Angekommen sind sie alle. Aber nur vorübergehend: Es geht immer irgendwie weiter auf der großen Straße des Lebens. Natürlich sind diese fünf Ehemaligen nur zufällig gewählte Vertreter des Abitur Jahrgangs 2005 des Goethe Gymnasiums in Freiburg. Es gibt andere Geschichten, Werdegänge oder Schicksale, andere Wege, die zum Ziel führen.

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