Vier Freiburgerinnen setzen sich für den Austausch zwischen geflüchteten Menschen und Schülern ein

Marissa Müller

Mit ihrem Projekt bringen sie an Schulen Geflüchtete und Schüler zusammen: "Zeugen der Flucht" soll den Austausch anregen und Vorurteile abbauen. Im Interview sprechen die Macherinnen darüber, was ihnen dabei wichtig ist.

Lisa Ertle, Hanna Rau, Samantha Duroska und Melanie Sandhaas haben das Projekt "Zeugen der Flucht" ins Leben gerufen. Dabei erzählen geflüchtete Menschen ihre Geschichte in Schulen. Die Flüchtlinge und die Schüler haben dann die Möglichkeit miteinander zu sprechen und sich auszutauschen. fudder hat mit zwei der Macherinnen gesprochen.


Melanie und Hanna, sind die Schüler bei eurem Projekt eher zurückhaltend, wenn sie mit den Geflüchteten sprechen?

Melanie: Nein, eigentlich nicht. Die Geflüchteten schaffen es manchmal gar nicht in Ruhe ihre Geschichte zu erzählen. Die Schüler fragen oft schon währenddessen nach und dann findet da gleich der Austausch statt. Das ist nicht so, dass die Flüchtlinge erzählen und dann Schweigen herrscht.

Hanna: Das sind auch Jungs, die immer gut das Eis brechen können und erst mal Witze machen. Wenn sie anfangen zu erzählen, entsteht da immer schnell etwas. In manchen Klassen gab es auch Jugendliche, die selber schon Fluchterfahrung hatten. Das war dann nicht so, dass sie erzählen mussten oder sollten aber auf einmal hat man eine solidarische Stimmung gespürt.

Wie genau kann man sich so eine Unterrichtsstunde vorstellen?

Melanie: Also bevor die Geflüchteten in die Klassen kommen, machen wir eingangs immer eine Unterrichtseinheit, in der wir Bilder zeigen und Zahlen und Fakten nennen. Aber im Fokus steht die darauffolgende Stunde, in der meistens zwei Geflüchtete ihre Geschichte erzählen. Wir sitzen dann im Stuhlkreis zusammen und die Geflüchteten und die Schüler können miteinander sprechen. Das Hauptding ist eben der Austausch. Und da kommen dann auch immer viele Fragen. Es war schon oft so, dass wir sagen mussten: "Okay, jetzt ist die Zeit leider zu Ende".

Video: Geflüchtete Menschen erzählen von ihren Erfahrungen bei Zeugen der Flucht



Es gibt viele Möglichkeiten sich für die Flüchtlingshilfe einzusetzen. Wie seid ihr auf die Idee gekommen "Zeugen der Flucht" zu gründen?

Hanna: Ausschlaggebend waren die Vorfälle in Clausnitz und Bautzen in Sachsen Anfang 2016, wo ankommende Flüchtlinge beschimpft und angeschrien wurden. Dann haben wir uns gedacht, wenn Leute völlig Fremde so beschimpfen, dann haben sie die Zusammenhänge und die Gesamtsituation nicht verstanden. Und uns kam die Idee, dass man zur Aufklärung doch so etwas wie Zeitzeugen der Fluchtbewegung ins Leben rufen könnte. Angelehnt ist das Ganze an die Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs, die in Schulklassen vom Holocaust berichten.

Und was genau wollt ihr damit erreichen?

Melanie: Also erst mal wollen wir eine persönliche Begegnung mit geflüchteten Menschen ermöglichen, so dass dann ein Austausch stattfinden kann. Uns ist wichtig, dass der "Flüchtling" nicht nur ein mediales Wort bleibt. Den Leuten soll klar werden, dass ein Mensch dahinter steckt.

Hanna: Wir wollen auch, dass die Bilder aus dem Fernsehen oder aus Zeitungen ergänzt werden. Sehr präsent waren ja Bilder von Menschenmengen, die Zäune einrennen und Grenzen überlaufen und es ist immer von einer "Flut" gesprochen worden. Die Medien haben Bilder geschaffen, die übermächtig sind. Die Tatsache, dass dahinter Menschen und ihre Lebensgeschichten stecken, ist unter den Tisch gefallen.

Gerade für Kinder und Jugendliche ist es dann manchmal schwierig, das Ganze einzuordnen. Unser Ziel ist es, da persönliche Begegnungen zu ermöglichen, damit die Kinder und Jugendlichen selber Bilder schaffen und neue Denkansätze entwickeln können.

Die Jugendlichen sollen also die derzeitige Lage auch von einer anderen Seite kennenlernen.

Hanna: Genau. Der Idealfall ist letztendlich, wenn die Kinder nach der Unterrichtsstunde auf den Schulhof gehen und sagen: "Boah, das hatten wir grad" und darüber reden. Oder, dass sie ihre Erfahrungen Zuhause beim Abendessen erzählen. Die Begegnung soll nochmal in anderen Zusammenhängen Thema werden. Das ist was wir uns wünschen.

Ihr arbeitet mit vier Erzählern zusammen. Wie ist der Kontakt zu den Geflüchteten entstanden?

Melanie: Wir kennen die Geflüchteten bereits persönlich und sind auch privat mit ihnen befreundet. Kennengelernt haben wir sie durch das Projekt "Start with a friend". Da kann man sich für ein Tandem mit geflüchteten Menschen anmelden. Wir haben Tandems gebildet und darüber dann auch wieder viele andere kennengelernt.

Dann war es kein Problem, sie für euer Projekt zu gewinnen?

Hanna: Nein. Wir haben allerdings darauf geachtet, dass sie psychisch stabil sind, da es schon ziemlich aufwühlend sein kann, vor so einer großen Gruppe zu sprechen und die eigene Geschichte zu erzählen. Aber die Jungs, die mitmachen, haben auch selber ein Interesse daran, dass die Leute hören, was sie zu sagen haben.

Gibt es ein Erlebnis, das euch in Erinnerung geblieben ist?

Melanie: Ein bestimmtes Erlebnis fällt mir jetzt nicht ein. Ich finde es allgemein toll, wie die Geflüchteten und die Schüler miteinander umgehen. Man hat in manchen Klassen hinterher das Gefühl, dass unsere Erzähler zu Mitschülern geworden sind. Das war dann so kumpelhaft und locker danach. Das war schön zu erleben.

Hanna: Manche Lehrer warnen uns auch vorher vor Klassen und sagen: "Ah, die Klasse ist ein bisschen schwierig. Ich hoffe, dass das klappt." Und das klappt immer. Wir haben da noch keine schlechten Erfahrungen gemacht.

Melanie: Kürzlich haben wir ein Image-Video gedreht, in dem die Jungs nach ihren schönsten Momenten in den Klassen gefragt wurden. Da haben sie dann erzählt, dass sie Schokolade geschenkt bekommen haben und dass sie zum Essen eingeladen wurden. Ich finde es einfach toll zu sehen, dass da persönliches Interesse besteht.

Wie geht es mit "Zeugen der Flucht" weiter?

Hanna: Wir würden ganz gerne Zweigstellen in andern Städten gründen. Da sind wir aber gerade noch in der Vorbereitung. Und dann gibt es auch noch die Überlegung einen Verein zu gründen, in Kombination mit diesen Zweigstellen. Aber da sind wir erst in den Anfängen.

Melanie: Wir haben auch mal darüber gesprochen, dass wir es schön fänden, wenn wir die Erzähler ein bisschen finanziell anerkennen könnten aber da gibt es noch keine feste Vorstellung. Eine konkrete Zukunftsidee ist auf jeden Fall eine Webseite neben unserer Facebook-Seite. Da haben wir auch schon jemanden, der sich damit auskennt und uns unterstützen würde.
Das Bildungsprojekt "Zeugen der Flucht" gibt es seit Mai 2016. Dabei erzählen geflüchtete Menschen ihre Geschichte in Freiburger Schulen. Lisa Ertle, Hanna Rau, Samantha Duroska und Melanie Sandhaas aus Freiburg haben das Projekt auf die Beine gestellt und engagieren sich damit ehrenamtlich. Die Unterrichtsstunden mit den Geflüchteten organisieren die vier Freiburgerinnen selbst. Für die Schulen ist das kostenlos. Außer in Grundschulen kann das Projekt an jeder Schulform stattfinden.

Weitere Infos gibt es auf der Facebook-Seite: Zeugen der Flucht. Bei Interesse können sich Schulen bei dieser E-Mail-Adresse melden: zeugen.der.flucht@gmail.com.

Wer steckt hinter dem Projekt?

Die vier Gründerinnen haben in Freiburg studiert oder studieren noch dort. Hanna Rau und Lisa Ertle haben den Bachelor in Erziehung und Bildung. Samantha Duroska hat ihren Bachelor-Abschluss in Psychologie gemacht, Melanie Sandhaas studiert Soziale Arbeit und steht kurz vor ihren Abschlussprüfungen.


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