Vier Freiburger auf der Wiesn

Hannah Allgaier

Drei badische Buam und ein Freiburger Madl haben am Samstag ihre erste Mass getrunken, im Augustinerzelt, beim Oktoberfest in München. Hier kommt ihr Wiesn-Protokoll: Von Alkoholleichen, italienischen Bekanntschaften und Partykrachern. Oans, zwoa,...



Die Mitfahrer

Ralf: (der Beifahrer auf dem Foto unten), 21, Zivi, war noch nie auf dem Oktoberfest

Sebi: (rechts auf dem Foto), 20, studiert Medien- und Informationswesen in Offenburg, war schon öfters in München, aber noch nie auf dem Oktoberfest

Agazi: (mit rotem Pulli), 21, studiert Mikrosystemtechnik in Freiburg, war noch nie in München und noch nie auf dem Oktoberfest

Hannah: (die Fahrerin auf dem Foto unten), 21, studiert Deutsch und Geschichte in Freiburg, war schon oft in München, aber noch nie auf der Wiesn

Die Erwartungen

Wir erwarten ein unvergessliches Wochenende. Ich habe mir extra ein Dirndl gekauft. Die Jungs konnte ich vom Lederhosenkauf leider nicht überzeugen. Unsere größte Sorge besteht darin, dass wir in kein Zelt mehr kommen. Weil wir den Wiesnbesuch für einen Feiertag (Tag der deutschen Einheit) geplant haben, ahnen wir, wie voll es wird.



Wiesnprotkoll: 2./3. Oktober

Freitagabend, wir erreichen München nach fünfstündiger Fahrt. Julia und Andi, mit denen wir Abitur gemacht haben, wohnen inzwischen in München und gewähren uns Quartier. Super Freunde!

03.10.2009, 6.45 Uhr Der Wecker klingelt. 45 Minuten bleiben uns, um uns wiesnmäßig herzurichten. Gastgeber Andi trägt Lederhosen, Wollsocken und Wiesnhut. Die Freiburger Jungs ziehen sich wenigstens karierte Hemden an.

7.30 Uhr Wir hetzen zur U-Bahn, die uns zur Theresienwiese bringt. Gar nicht so leicht, in Acht-Zentimeter-Absätzen zur Bahn zu rennen.

8 Uhr Ein großes Banner hängt über dem Eingang zum Oktoberfest: Willkommen! Schon jetzt ist es voll unter der Bavaria. An den Zelten stehen die ersten Lederhosen- und Dirndlträger.



8.15 Uhr Warten vorm Augustinerzelt. Manche kaufen sich Brezen und Weißwürste. Noch ist es ziemlich kühl und die Damen frieren in ihren Dirndl, denn Strumpfhosen sind hier fehl am Platz. Wichtig auch die Schleifenregel: Frauen, die ihre Schürzenschleife rechts tragen, sind vergeben, links bedeutet solo; eine mittige Schleife heißt: für alles zu haben. So wissen die Männer theoretisch, wen sie ansprechen dürfen und wen nicht.

8.30 Uhr Obwohl die Zelte erst gegen 9 Uhr öffnen sollen, darf man heute schon früher hinein. Langsam bewegt sich die Schlage vorwärts. Nervös versuchen wir zu erkennen, ob noch Bänke frei sind. Wir hören die verschiedensten Sprachen. Schnell kommen wir mit Rico und Paolo aus Spanien ins Gespräch. Sie sind mit einem Billigflieger nach München gekommen, um hier ein Wochenende lang zu feiern. Andi sagt, dass Münchner eigentlich selten aufs Oktoberfest gehen, weil es zu bloßen Touristenattraktion verkommen sei.



8.45 Uhr Endlich am Zelteingang. Wegen Terrorwarnungen sind die Sicherheitsvorkehrungen hoch. Unsere Taschen werden durchsucht, auch im Zelt werden wir später immer wieder Polizisten mit Spürhunden sehen.

9 Uhr Wir haben Glück und finden einen Tisch in der Zeltmitte. Nur ein paar Meter entfernt spielt die Band. Allerdings erst ab 12 Uhr. Noch ist die Stimmung sehr ruhig. Die Bedienung kommt und wir bestellen die erste Maß unseres Lebens. Morgens um Neun.



9.32 Uhr Mit zehn Mass in den Händen kommt der Kellner an unseren Tisch. Vorher hat man so ein Bild immer nur im Fernseher gesehen. Wir Freiburger schauen uns freudig an. Jetzt geht’s los. Wir grölen irgendeinen Trinkspruch und schlagen die Masskrüge aneinander. Prost! Bei Ralf und mir haben die Zapfer allerdings mies eingeschenkt. Wir gehen zum Ausschank und lassen nachfüllen. Immerhin kostet eine Mass satte 8,50 Euro plus Trinkgeld. Geben die Gäste eines Tischs kein gutes Trinkgeld, kommt der Kellner selten oder gar nicht mehr vorbei, erzählen uns die Münchner. Also drücken wir brav einen Zehner pro Mass ab.



9.45 Uhr Der erste Biertisch wird in die Höhe gehoben. Ein Mann trinkt eine Mass auf Ex. Man feuert ihn an, es wird laut im Zelt. Weitere Extrinker folgen, auch eine Frau. Nervig: Einige Typen können es nicht lassen, Frauen mit Dirndl den Rock anzuheben, wenn sie zum Feiern auf eine Bank steigen.

10 Uhr Sebi ist wie immer der schnellste Trinker und bestellt seine zweite Mass. „Lasst es langsam angehen, wir haben noch den ganzen Tag vor uns!“, warnen uns die Einheimischen. Die Stimmung steigt. Eingelassen wird keiner mehr, das Zelt ist jetzt schon überfüllt.



10.37 Uhr Von unserem Nachbartisch fällt der erste Junge von der Bank und bleibt regungslos liegen. Sofort eilen Sanitäter und Security zu ihm. Der gesamte Tisch wird aus dem Zelt geschmissen. Auch deshalb haben uns die Münchner also gewarnt.



11 Uhr Von uns hat jetzt jeder den zweiten Masskrug in der Hand. Wir spüren den Alkohol. Die Blase drückt. Überraschend: Trotz der Menschenmassen sind die Toiletten sehr sauber. Zwei Putzfrauen sind ständig am Werk.

12 Uhr Die Band eröffnet mit dem Münchner Marsch das Programm. Die Menge ist begeistert und wippt im Takt. Auch wir Freiburger haken uns unter und schunkeln hin und her.

12.30 Uhr Die Kapelle ist bei den Partykrachern angekommen. Wir reiten mit dem roten Pferd, fliegen wie ein Flieger und kosten von griechischem Wein. Ausgelassen singen wir mit und tanzen auf unseren Bänken.



13 Uhr Italiener aus Verona gesellen sich zu uns. Eine freudige Gelegenheit für unsere Jungs, ihre Italienischkenntnisse auszupacken. Man plant schon einen Besuch in Verona.

14 Uhr Immer mehr Leute müssen das Zelt verlassen, weil sie sich aggressiv verhalten, nicht mehr laufen oder stehen können. Die Sanitäter haben alle Hände voll zu tun.

14.36 Uhr Hunger! Doch das Essen im Zelt ist für uns nicht erschwinglich. Ein halbes Hendl kostet 15 Euro. Wir legen lieber zusammen und kaufen eine Riesenbreze für vier Euro.



15 Uhr Nach sechs Stunden „Oans, zwoa, gsuffa!“ reicht es uns langsam. Wir wollen an die frische Luft und noch ein paar Fahrgeschäfte testen. Draußen scheint die Sonne. Tausende von Menschen ziehen an uns vorbei.

17 Uhr Wir gehen nach Hause, legen uns hin und entspannen uns. Nachdem wir Sebi, den Schnarcher, ruhiggestellt haben, schlafen wir erschöpft ein.

20 Uhr Wieder der Wecker. Sebi stöhnt: „Oh Gott, ich glaube, die vierte Mass war zu viel. Hat jemand Aspirin?“

21 Uhr  Auf zur After-Wiesnparty. Im Max und Moritz, einer Disco in der Münchner Innenstadt, lassen wir den Tag ausklingen. Fazit: Schön war’s! Wir kommen wieder.