Viele Studierende suchen noch eine Bleibe - Notunterkunft offen

Christian Engel

In diesen Tagen beginnen an den Hochschulen wieder die Lehrveranstaltungen. Viele "Erstis" und Uniwechsler kommen nach Freiburg, um zu studieren und brauchen vor allem eines: eine Unterkunft.



Wie eine Wohnungssuche abläuft, was Vermieter sagen und was das Studentenwerk macht, um die Neuen unterzubringen, erfahren Sie hier.

Weit weg von daheim wollte Sophie Pilgrim sein, als sie sich diesen Sommer dafür entschied, in Freiburg zu studieren. In Frankfurt machte die 20-Jährige ihr Abitur, nun fängt sie an der Albert-Ludwigs-Universität mit Chemie an. "Ich wollte etwas Neues kennen lernen", so Pilgrim. "Freunde haben mir gesagt, dass Freiburg eine schöne Studentenstadt sei. Daraufhin habe ich mich beworben." Seitdem sie Anfang August ihre Zusage bekam, ist die Studentin auf Wohnungssuche. Und dabei ist sie nicht die Einzige.


Allein an der Albert-Ludwigs-Universität wird es im neuen Semester mehr als 23.000 Studierende geben. Viele beliebte Studiengänge kann man an Freiburgs Hochschulen belegen: Medizin, Rechtswissenschaften, Informatik, BWL, Musik, Erziehungswissenschaften. Im letzten Jahr stiegen an der Uni knapp 5.500 Erst- und Neuimmatrikulierte ins Studentenleben ein. In diesem Jahr werden es aufgrund des doppelten Abi-Jahrgangs nicht weniger sein, so eine Sprecherin der Uni. Und wohl auch deshalb, weil es insgesamt immer mehr Studenten gibt. In Deutschland liegt die Zahl bereits bei knapp 2,5 Millionen. Der Andrang an den Unis und dementsprechend auf dem Wohnungsmarkt ist groß. Dennoch beschreibt Renate Heyberger, stellvertretende Geschäftsführerin des Studentenwerks, die Lage als relativ entspannt. Sie sagt: "Es gibt im Moment keine richtige Not."

Anna Rinderspacher (Bild unten) aus Meersburg beginnt von Oktober an einen Master in Europäischer Literatur und Kultur. Seit Mitte August bemühte sich die 23-Jährige intensiv um eine Wohnung. Wie fast alle, suchte sie über ein Internetportal. Die Meisten klicken auf wg-gesucht.de Zig Inserate sind dort zu finden. Los geht es ab einer Monatsmiete von 120 Euro, ein Schnäppchen. Andere bieten ihre 22 Quadratmeter etwas teurer, für 450 Euro, an. In den Wohngemeinschaften leben oft zwei Personen, es können sich aber auch 14 oder mehr dieselbe Küche und dieselbe Schüssel teilen. In der Zimmervermittlung des Studentenwerks waren gestern 180 Zimmer im Angebot, zirka die Hälfte davon befindet sich im Umland.



Für etwa 15 Prozent gibt’s einen Platz im Wohnheim

Über 70 Mails habe sie geschrieben, sagt Anna Rinderspacher. "Dazu kommen dann noch ein paar Anrufe und SMS und das dauert und dauert, und am Ende bekommt man tausend Absagen." Knapp 15 Besichtigungstermine hat sie am Ende angeboten bekommen. Zehn davon konnte sie wahrnehmen. Die anderen passten terminlich nicht rein oder kamen ein bisschen zu kurzfristig. "Um 12.30 Uhr schrieb einer, ob ich um 15 Uhr vorbei kommen kann." Vom Bodensee aus fuhr sie mehrmals nach Freiburg. "Drei, vier Wohnungen am Tag anschauen, das ist ziemlich anstrengend", findet Rinderspacher, und die Gespräche und Fragen seien auch fast immer gleich. Wo kommst du her? Was studierst du? Was machst du so, wenn du nicht studierst, also so partymäßig und so? Welche Musik hörst du? "Als ich gefragt wurde, welche drei Bücher ich als Letztes gelesen habe, war das schon eine angenehme Abwechslung", grinst Rinderspacher.

Als Suchender, aber auch als Vermieter sind solche Castings anstrengend. Innerhalb von sieben Stunden habe sie für ein inseriertes Zimmer 80 Anfragen bekommen, sagt Verena Zielinski, die eine neue Mitbewohnerin sucht. Fünf Leute hat sie am Ende eingeladen, um sie besser kennen zu lernen. "Schon der erste Blick verrät dann meistens, ob die Chemie stimmt", so die 19-Jährige, "und dann habe ich auch gleich zugesagt."

Wenn es mit einer privat gesuchten WG nicht funktioniert, bewerben sich viele Studenten bei Wohnheimen. 3400 Plätze stehen in Freiburg zur Verfügung, drei Wohnheim wurden in diesem Jahr neu gebaut. "Wir wollen mindestens 15 Prozent der Studenten in einem Wohnheim unterbringen können", sagt Renate Heyberger. Dieses Ziel sei erreicht. In Freiburg gibt es 18 Wohnheime, die vom Studentenwerk, den Kirchen und der Arbeiterwohlfahrt geführt werden; weitere werden privat betrieben. Beim Studentenwerk liegen die Warmmieten für Zimmer und Apartments nach eigenen Angaben bei 230 bis 370 Euro; im geplanten privaten Nobelwohnheim an der Ecke Zähringer-/Tullastraße soll ein mittleres Apartment mit 530 Euro Warmmiete zu Buche schlagen.

Bewerbungsschluss für ein Zimmer ist oft schon im Juni, wenn viele Studenten noch gar keine Zusage haben, ob sie überhaupt in Freiburg studieren werden. Doch auch wenn sie sich früh genug bewerben, sind die Plätze meistens schon vergeben. "Ich habe mich Mitte Juni beworben", sagt Ophelie Ambrose, "aber damals war eigentlich schon klar, dass hier nichts mehr frei ist." Die Wohnheime sind nahezu komplett ausgelastet, die Chance, dort noch ein Zimmer zu bekommen, ist minimal. "Wir haben schon vielen einen Platz vermittelt", so Heyberger, "aber natürlich können wir nicht alle unterbringen."

Als Zwischenlösung für all diejenigen, die bisher noch nichts haben, bietet das Studentenwerk eine Notunterkunft in der Studentensiedlung (StuSie) am Seepark an. In einem Aufenthaltsraum wurden Matratzen ausgelegt, auf denen 52 Studierende Platz finden; in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag übernachteten dort 20. Das Matratzenlager ist für diejenigen gedacht, die noch auf der Suche sind und für die Zwischenzeit eine günstige Unterkunft suchen.

Vor allem ausländische Studenten nehmen dieses Angebot an. "Sie kommen oft ziemlich spät nach Deutschland und wissen dann auch nicht direkt, wohin sie sollen", sagt Teodora Bashlekova, die die Notunterkunft mitverwaltet. So geht es José Antonio Cruz. Der Spanier konnte nicht früher anreisen und sucht sich nun mit seinen Kumpels eine Wohnung für vier Personen. "Das wird bestimmt nicht leicht", fürchtet Cruz, "aber hoffentlich ergibt sich bald etwas." Bashlekova kann ihm dafür Hoffnung machen: "Hier in der Notunterkunft haben sich schon oft Leute zusammengetan und gemeinsam eine WG gegründet. Am Ende bleibt dann doch niemand ohne Wohnung."

Matratzenlager

Die Notunterkunft des Studentenwerks ist vom 1. Oktober bis 2. November geöffnet. Sie befindet sich im Haus 10 in der Studentensiedlung am Seepark, Sundgauallee 10–60; zu erreichen mit der 1 Richtung Landwasser, Ausstieg: Am Bischofskreuz. Die Anmeldung erfolgt persönlich im Infoladen des Studentenwerks, Schreiberstraße 12, per E-Mail unter zimmer@swfr.de oder per Anruf unter 0170.4868650.

Die Übernachtung kostet 8 Euro pro Nacht. Bis zu zehn Mal kann dort genächtigt werden. Weitere hilfreiche Infos gibt es auf der Website des Studentenwerks Freiburg.

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[Bild 1: Michael Bamberger; Bild 2: privat]