Pfefferspray-Boom

Viele Freiburgerinnen sind nach den Morden noch immer verunsichert

Jannik Jürgens

Sie gehen nur noch in Gruppen aus, fahren nicht mehr Rad an der Dreisam: Nach den Morden an Maria L. und Carolin G. scheinen viele Frauen in Freiburg das Sicherheitsgefühl verloren zu haben. Der Verkauf von Pfefferspray boomt weiterhin.

Nach den Morden an Maria L. und Carolin G. fühlen sich viele Freiburger Frauen in der Öffentlichkeit nicht mehr sicher. Sie bewaffnen sich mit Pfefferspray und Gaspistolen, gehen nur noch in der Gruppe aus oder benutzen das Auto, um abends zu Freunden zu fahren. Dass die Polizei einen mutmaßlichen Täter gefasst hat, ändert nichts. Denn die Angst, Opfer eines Verbrechens zu werden, ist nicht rational – sie ist einfach da. Und verändert massiv das Verhalten der Freiburgerinnen.


Angst ist nicht rational – und verändert das Verhalten

Es gibt Freiburger Studentinnen, die nicht mit Namen in der Zeitung stehen möchten, weil sie Angst haben, dass sie so Opfer eines Gewalttäters werden könnten. Eine von ihnen, nennen wir sie Julia, war früher kein ängstlicher Mensch. Sie ging alleine im Wald joggen, lief nachts durch Freiburg und dachte nicht daran, dass ihr etwas passieren könnte. Nach den Morden an Maria L. und Carolin G. ist diese Unbekümmertheit verloren gegangen.

Julia malt sich aus, wie die Morde abgelaufen sind. Sie redet mit Freunden, sie mutmaßt und spekuliert. Ihre Angst ist nicht rational – aber sie verändert ihr Verhalten. Abends ist sie nicht mehr zu Fuß unterwegs. Ihre Eltern wollten ihr Geld vorstrecken, damit sie sich ein eigenes Auto kaufen kann. Das wollte sie nicht, jetzt leiht sie sich ein Auto von einem Freund und fährt zu späten Terminen.

Desiree Freistein und Johanna Burg studieren Medizin, beide kannten Maria L. vom Sehen. Sie haben jetzt Respekt, sagen sie. Nachts nicht mehr rausgehen, kommt für sie nicht in Frage. Doch seit dem Mord bewegen sie sich fast immer in der Gruppe. Wer Desiree Freistein fragt, warum sie das immer noch mache, obwohl der mutmaßliche Täter von Maria L. gefasst sei, erhält sofort die Gegenfrage: "Und der Täter von Endingen?"

100 Pfeffersprays am Tag – noch mehr als im November

Wolfgang Dotzauer vom Messerladen Nosch hat nach eigenen Angaben im Dezember täglich etwa 100 Pfeffersprays verkauft, vier bis fünf Mal so viel wie sonst. Die Nachfrage sei im Vergleich zu November erneut gestiegen. Da waren es 30 bis 40 Frauen, die täglich nach Pfefferspray verlangten. "So was habe ich noch nicht erlebt", sagt auch Werner Nosch, 81 Jahre alt und Inhaber des Ladens. Er zuckt mit den Schultern.

Schon kommt die nächste Kundin, eine zierliche Frau, in den Laden. Sie fragt nach Pfefferspray für ihre Mutter und ihre Schwester. "Und dann brauche ich noch etwas für meinen Vater, einen Schlagstock oder ein Messer", sagt sie. Wolfgang Dotzauer winkt ab: "Am besten Sie nehmen auch ein Pfefferspray für Ihren Vater. Das ist die effektivste Waffe." Die Frau willigt ein. Das Waffensortiment ist ihr Weihnachtsgeschenk – mit einem Kinogutschein.

Mittlerweile haben auch Drogerieketten das Verkaufspotenzial von Pfefferspray entdeckt. In einer Freiburger DM-Filiale hängt das Spray neben der Kasse. Bei Nosch sind die blauen und schwarzen Springmesser ausverkauft. Dort ist eine neue Ladung Gaspistolen "30 Walther P 22" gekommen. Die Waffe wiegt ein halbes Kilo, kostet 100 Euro und sieht einer echten Pistole täuschend ähnlich. Dotzauer erzählt, dass einige Kunden seit Wochen auf ihre Waffe warteten.

Früher verkaufte Dotzauer die Pistolen fast nur zu Silvester: Man kann damit Feuerwerksmunition abschießen. Heute wird jeden Tag mindestens eine Pistole verkauft, manchmal sind es drei oder vier. Die Kunden kaufen meist Pfefferpatronen dazu, die Angreifer abwehren sollen.

Fünfmal mehr Anträge für den "kleinen Waffenschein"

Wer jemandem mit der Gaspistole aus nächster Nähe beschießt, kann ihn schwer verletzen. Generell rät Dotzauer seinen Kunden keine Pistole, sondern Pfefferspray zu kaufen. Doch wer eine Pistole möchte, bekommt die auch. Der Erwerb ist für über 18-Jährige frei. Wer die Pistole "führen", also außerhalb des eigenen Hauses herumtragen möchte, benötigt den kleinen Waffenschein.

Die Anzahl der bewilligten Anträge in Freiburg ist in diesem Jahr explodiert. Laut Stadtverwaltung sind allein von Januar bis November 194 kleine Waffenscheine erteilt worden. Das sind mehr als fünf Mal so viele wie 2015 (insgesamt 38) und fast acht Mal so viele wie 2014 (insgesamt 25). Fraglich ist, ob die Entwicklung nur mit den Morden zu tun hat. Um das herauszufinden, müsste man die Zahlen ab Mitte Oktober analysieren. Die Stadt kann keine Auskunft geben. Sie erhebt die Anzahl nicht nach Monaten, sondern pro Jahr. Insgesamt sind 629 Inhaber registriert. Die Gaspistole ist zur Abwehr von Tieren gedacht, kann aber in Notwehr gegen Menschen eingesetzt werden – wenn es verhältnismäßig ist.

Die Polizei Freiburg schlägt demgegenüber Signalgeber vor, die 120 Dezibel laut werden: "Das stört den Täter", erklärt Frank Stratz, bei der Polizei zuständig für Prävention. Messer könnten zum Beispiel gegen einen gerichtet werden. Pfefferspray-Käufern rät er, sich über die Handhabung zu informieren. Und sich bewusst zu sein, dass ein Spray den Angreifer nicht handlungsunfähig mache, sondern dem Opfer Zeit verschaffe, um zu fliehen.
Abwehrspray – Was raten Experten?

Abwehrsprays wie Pfefferspray oder CS-Gas unterliegen aufgrund ihrer starken Wirkung eigentlich dem Waffengesetz. Häufig sind sie aber als Tierabwehrspray deklariert und deshalb frei verkäuflich – zum Beispiel auch im Drogeriehandel.Wie jede Waffe, die man mit sich führt, birgt es die Gefahr, dass es im Angriffsfall gegen einen selbst verwendet wird.

Präventionsfachmann Frank Stratz von der Polizei Freiburg rät, ein Exemplar zum Ausprobieren zu kaufen und sich über die Handhabung zu informieren.
Nach den Vorfällen an Silvester 15/16 warnte auch die Universitätsklinik Freiburg vor Pfefferspray: "Pfeffersprays sollten nur im Notfall – keinesfalls zweckentfremdet und leichtfertig – verwendet werden, denn das Gas kann schwere Schleimhautreizungen auslösen."

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