"Viel gut essen" von Sibylle Berg – warum sich dieser Theaterbesuch lohnt

Kathrin Müller-Lancé

Wehe, Du kennst Sibylle Berg nur als "Erzählerin" aus Schulz & Böhmermann! Denn wenn Frau Berg nicht gerade die charmanteste Erzählerin der Fernsehgeschichte gibt, schreibt sie großartige Bücher und Theaterstücke. So eins wird gerade am Theater Freiburg geprobt. Es heißt: "Viel gut essen". Wir haben uns hinter den Kulissen schon mal umgesehen.



Das Bühnenbild hängt von der Decke. Eine halbleere Wohnung mit Küche. Es schaukelt, wackelt, wankt – wie der Protagonist. Sibylle Berg lässt in ihrem Stück einen Mann zu Wort kommen. Mitte 40, IT-Bearbeiter, durchschnittliche Mittelklasse. Bis die Fassade zu bröckeln beginnt. Frau weg, Arbeit auch, Haus bald. Und je weniger ihm bleibt, desto mehr will der Einsame bewahren – vor Feministinnen, Ausländern, Schwulen.


"Einundzwanzig, zweiundzwanzig, wenn man schön langsam zählt, kommt die Welt wieder in einen Stillstand."

Sibylle Berg hat es nicht nötig, Pegidisten ein Mikrofon unter die Nase zu klemmen und sie vorzuführen – sich der eigenen moralischen Überlegenheit stets gewiss. Sibylle Berg hebt weder den Zeigefinger noch die Stimme zur Anklage an. Ihre Stärke ist die Beobachtung. Ihr Blick auf den "besorgten Bürger" ist so scharf, dass er brennt. Und so aktuell, dass er ängstigt. Wie rutscht ein zufriedener Mittelklässler, vom Leben ins Stolpern gebracht, ab zum "Das-wird-man-doch-wohl-noch-sagen-dürfen"-Sager und Proll-Troll?

Das Licht geht aus, Regisseurin Heike-M. Goetze motiviert: "Jetzt noch mal alles Talent zusammenkratzen!"



Auf der Bühne: drei Schauspieler (Marie Bonnet, Jürgen Herold, Hendrik Heutmann). Sie teilen sich die Rolle des Protagonisten. Sibylle Berg hat ihr Stück geschrieben für "einen oder viele". Ein vierter Schauspieler (Martin Weigel) fehlt noch – er spielt gerade Ödipus im Großen Haus. Das Bühnenbild schaukelt. Die Musik geht an. "Wie dreht man das Ding nochmal im Uhrzeigersinn?" Ach so, wir sind ja noch in der Probe.

Und dann kommen sie, die typischen Sibylle-Berg-Sätze.

"Es gab einen, der war anders, also homosexuell, das war der Dieter, er war alt und sonderlich, er wurde von uns allen mit besonderer Höflichkeit behandelt. So wie man auch mit Behinderten umgeht. Wir waren uns alle vertraut. Leute mit einem ähnlichen Bildungshintergrund. Die ich heute nur noch bei ausgesuchter Lektüre finde (...)"

Natürlich passt "Viel gut Essen" bestens als Auftakt zur Themenwoche des Theaters "Schaffen wir das? – Verteidigung der Offenen Gesellschaft". Doch die war noch nicht geplant, als Dramaturgin Julia Reichert und Regisseurin Heike-M. Goetze das Stück aussuchten.

Worum geht es den beiden in ihrer Inszenierung?

"Freiburg ist die Stadt, in der 20.000 Menschen gegen  Pegida demonstriert haben. Sich hier auf eine Bühne zu stellen und zu sagen 'Pegida ist scheiße', das ist zu einfach. Wir wollen mit der Themenwoche weder missionieren noch von oben aufklären. Aber wir wollen Fragen aufwerfen, die Debatte künstlerisch aufgreifen und – trotz allem – Spaß machen. Das Tolle an Sibylle Berg als Autorin ist ja, dass sie eine politische Haltung hat und auch Humor."



Spaß macht diese Probe auf jeden Fall. Die Regisseurin und ihre Schauspieler entwickeln das Stück gemeinsam auf der Bühne. Die Worte werden mit Kopf und Körper untersucht, abgeklopft, nachgefühlt. "Vielleicht nimmst du da noch mal den vaginalen Ton raus" – und tatsächlich, viel besser. So viel Akribie verdient der kluge Text von Sibylle Berg.

"Claudia, ich vergesse ihren Namen manchmal, hat mit der Geburt von Torben – keine Ahnung, wer von uns darauf kam, ihn so zu nennen – aufgehört zu arbeiten. (…) Seither war ich der Alleinverdiener, und – . Dass Menschen von einem abhängen, ist sehr sinnstiftend. Es macht einen stärker, als man vielleicht ist."

Mit Geschichten von Sibylle Berg ist es ein bisschen wie mit Schnaps: Sie sind klar und stark, sie brennen und tun weh, sie wärmen und trösten, machen Spaß – und süchtig. Wie schön, dass diese Droge mit "Viel gut Essen" nun in Freiburg angekommen ist. Wir trinken jetzt schon mal einen: Auf die Premiere am 29. Januar.

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  [Fotos: Theater Freiburg / M. Korbel]