Vice: Porträt eines Magazins zwischen Krawall und Reportage

Hannah Lühmann

Oralsex-Anleitungen, Drogentipps und Gonzo-Reportage aus den Krisengebieten der Welt zeichnet Vice aus. Zahlenmäßig ist das Underground-Magazin mittlerweile im Mainstream angekommen und wurde Mitte September mit dem Lead-Award als beste Zeitschrift ausgezeichnet. Porträt eines Magazins zwischen Krawall und Investigativ-Journalismus:



Es liest sich wie das tausendfach erzählte Märchen vom Aufstieg des Underdogs in die himmlische Sphäre des Massenerfolgs: 1994 gründeten drei arbeitslose Freunde aus Montreal ein von der kanadischen Regierung subventioniertes kostenloses Magazin – ein sogenanntes Fanzine. Fanzine bedeutet, dass Fans für Fans schreiben. Bei Vice, wie das Magazin seit 1996 heißt, ging es um Fetische und Drogen, um Sex, Musik und Gesellschaftskritik.


Fast 20 Jahre später hat Vice nichts von seiner ursprünglichen Rotzigkeit eingebüßt. Aber es ist unglaublich erfolgreich geworden. Bei den Lead-Awards wurde Vice in Hamburg zum „Magazin des Jahres“ gewählt. Der renommierte Preis wird seit Jahren vergeben, die Konkurrenz ist namhaft: SZ-Magazin, 11 Freunde und Monopol gehörten dazu. Daneben fuhr Vice zwei weitere Gold-Preise für den Beitrag des Jahres in der Kategorie Zeitschriften sowie für die beste Mood- und Modefotografie des Jahres ein.

Das Magazin gibt es online und in gedruckter Version. Das Printmagazin liegt der Selbstdarstellung des Unternehmens zufolge kostenlos in den Modeläden, Musikgeschäften oder angesagten Bars von mittlerweile über 30 verschiedenen Ländern aus – in Deutschland seit 2005. Die deutsche Ausgabe wird Herausgeber Benjamin Ruth (Bild unten links) und Chefredakteur Tom Littlewood verantwortet.



Das Imperium, das sich Vice über die Jahre hinweg aufgebaut hat, geht weit über den Bereich von Print- und Onlinemagazin hinaus. Es gibt eine eigene Fernsehproduktionsfirma, deren Sendungen in Deutschland zum Beispiel auf dem Digitalkanal ZDFneo laufen, es gibt den Verlag Vice Books, ein Plattenlabel sowie eine Werbeagentur. Im August hat sich der britische Medienmogul Rupert Murdoch bei Vice eingekauft, ihm gehören jetzt fünf Prozent der Anteile. 70 Millionen Dollar soll er dafür ausgegeben haben.

Ein Magazin, das als szenige Untergrundzeitschrift angefangen hat, ist zahlenmäßig im absoluten Mainstream angekommen – bleibt seinem Ruf als besonders authentisches und extremes Medium aber treu. Da gibt es in überaus lässiger Explizitheit geschriebene Oralsex-Anleitungen für beide Geschlechter, es gibt den „Drogenratgeber für die feine Dame“, und in der jüngsten Ausgabe kann man einen der notorischen Sexberichte des notorischen Kolumnisten Chris Nieretko lesen, in welchem er sich daran erinnert, wie er einst in Amsterdam versuchte, eine Sexarbeiterin zur Masturbation mit Gemüse zu bewegen –  woraufhin „riesige marokkanische Sicherheitsleute“ ihn fast bewusstlos prügelten.

Elf Jahre später will er es noch einmal versuchen. Der Beitrag Nieretkos  ist bezeichnend für den Stil vieler Vice-Artikel: Gerade wenn es – wie so oft –  um Sex oder Fetische geht, dann ist nicht die Information relevant, und oft ist der Inhalt, wie bei der Gemüsegeschichte, noch nicht einmal besonders unterhaltsam oder auch nur lustig.

Es geht vor allem darum, diesen kurzen Moment des Erstaunens zu erzeugen, dessen akustische Entsprechung man sich wohl als ein bekifftes „Hä? Echt krass, Mann!“ vorstellen muss.  Auf Facebook gefallen solche Inhalte aber weit mehr als einer Million Menschen. Die meisten internationalen Lifestyle-Magazine für junge Hipster, die mit dem Ruch von Underground kokettieren, bringen es gerade mal auf etwa 50000 Likes.

Vice ist trotz und vielleicht gerade wegen der Koketterie mit dem Image eines dampfwalzenden Berserker-„New Journalism“ eine intelligente Kramkiste für entlegene Themen und häufig sehr innovativ. Bei Vice gibt es keine Endredaktion, keine wirkliche redaktionelle Richtlinie. Der Tonfall ist subjektiv, gelangweilt oder schockiert –  je nachdem. Klickt man sich durch die nationalen Online-Ausgaben, so gibt es einige Artikel, die anscheinend schlicht in die jeweilige Landessprache übersetzt werden – in der französischen Ausgabe hält sich bei „am meisten gelesen“ etwa hartnäckig ein Selbstversuch im Trinken von Kamelurin, den man auch aus der deutschen Ausgabe kennt. Die Namen der Übersetzer sucht man vergeblich.

Es ist anzunehmen, dass die internationale Vernetzung der Redaktionen und die damit einhergehende Zirkulation von Themen und Artikeln eine wichtige Rolle für die enorme Profitabilität des Medienriesens spielt. Die weltweit mehr als 3000 Journalisten, die für Vice arbeiten, graben immer wieder erstaunliche Geschichten aus. Zum Beispiel Dinge, die man  in der Rubrik „Stuff“ – Kram also, Vermischtes – findet: die Vice-Dokumentation über Lil Bub, eine unglaublich süße, behinderte Katze mit zu vielen Zehen. Einen Text über Pädophile in Marokko. Den Beitrag „Kranker Scheiß aus dem Leben eines Taxifahrers“, in dem ein Taxifahrer aus Toronto erzählt, mit was für Leuten er es so zu tun hat.

Das Vice-Magazin ist trotz aller Seltsamkeiten ein Organ des investigativen Journalismus.Vor zehn Monaten widmete die Redaktion das gesamte Heft dem Land Syrien, auch dafür wurde es mit dem Lead-Award ausgezeichnet. Auf dem Titelbild sah man einen vermummten Rebellen in Jesus-Pose vor einer dunklen Rauchwolke, die augenscheinlich von einer gerade explodierten Bombe herrührt. Das Foto sieht aus, als wäre es für das Cover eines Modemagazins gemacht. In einer späteren Ausgabe ist es Reportern gelungen, sich nach Nordkorea einzuschleusen und dort mit einer Handkamera zu filmen. Aber was machen die Reporter, wenn sie einmal dort sind? Laufen mit demonstrativ gelangweiltem Gestus durch die nahezu menschenleere Landschaft und machen sich über die kommunistische Propaganda lustig.

Das ist das Paradox von Vice: Das Belanglose wird mit derselben Drastik verkündet wie das Verstörende.



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  [Bilder: Vice; Bild 2: Grey Hutton]