Verwerflich, unzüchtig aber treffsicher

Lorenz Bockisch

Schon gewusst, dass früher nicht alles besser war? Dieser Gemeinplatz gilt auch auf dem Gebiet des Fußballs, besonders wenn man zur Zeit nach China schaut. Die dort stattfindende Weltmeisterschaft der Frauen ist, im Vergleich zu 18 Herrenweltmeisterschaften, erst die fünfte Veranstaltung dieser Art, und das hat sehr partiarcharische Gründe.

In den Gründungstagen dieser Sportart im "Fußballmutterland" Großbritannien des späten 19. Jahrhunderts traten Frauen noch gleichberechtigt gegen den Ball. Sie durften, natürlich ausreichend bekleidet mit Häubchen und züchtigen Röcken über den Knickerbockern, nach den gleichen Regeln spielen wie die Männer.


Ebenso wie der Herrensport verbreitete sich das Fußballspielen der Frauen auf dem europäischen Festland. Während des Ersten Weltkrieges, als der Männerfußball wegen (aus-)fallender Soldaten nicht mehr umfangreich stattfand, erlebte der Frauenfußball in vielen Ländern seine erste Hochzeit. Doch damit war es nach dem Krieg sehr bald vorbei.

In Deutschland wurde das Damenkicken von Anfang an sehr misstrauisch betrachtet, da diese Art der Bewegung so gar nicht anständig, ja eindeutig verwerflich war. Anfang der 20er Jahre wurde deshalb Frauenfußball, was bis dahin eher ein im Kreis stehen und sich den Ball zuschieben war, vom DFB verboten. Und sogar in Großbritannien wurde den Damen damals untersagt, die Stadien der Männer zu nutzen, was einem Verbot gleichkam.

Erst fast 50 Jahre später, zu Beginn der 70er Jahre, wurde es Frauen wieder offiziell und unter dem Schirm des Deutschen Fußball Bundes erlaubt, gegen den Ball zu treten. Anfangs war selbiger aber noch leichter, um die zarte Weiblichkeit zu schonen. Und Sepp Herbergers wichtigste Weisheit galt anfangs auch nicht: Zwar war der Ball rund, das Spiel dauerte aber nur 70, später nur 80 Minuten.

Heute ist nicht nur der DFB sehr froh über die doch nicht so schwachen Damen. Wohl eher muss man(n) einsehen, dass eine deutsche Fußballnationalmannschaft noch nie so gute Chancen hatte, gegen Brasilien in einem WM-Finale zu gewinnen wie die Mädels nächsten Sonntag in Shanghai.