24. Prozesstag

Verteidigung plädiert gegen Sicherungsverwahrung für Hussein K.

Carolin Buchheim

Hussein K. stand beim Angriff auf Maria L. unter dem Einfluss von Cannabis und Alkohol – so argumentierte sein Verteidiger gegen die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Sein Plädoyer musste kurzzeitig unterbrochen werden, weil ein Pressevertreter mit einer Kamera gefilmt hatte.

Die Verhandlung ist für heute beendet. Das Urteil wird am Donnerstag, 22. März 2018 um 9.30 verkündet.

Fortsetzung des Plädoyers von Hussein K. Verteidiger Glathe

12.11 Uhr: Der Prozess wird fortgesetzt, nachdem Hussein K. in den Gerichtssaal zurück gebracht wurde. "Das Verhalten des Pressevertreters war wohl durch Unwissenheit begründet", sagt die Vorsitzende Richterin.

"Bei der Gesamtwürdigung komme ich zum Ergebnis, dass keine besondere Schwere der Schuld vorliegt." Verteidiger Sebastian Glathe
Verteidiger Glathe setzt seinen Schlussvortrag fort, spricht weiter über die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Staatsanwalt Berger habe etwa vorgebracht, K. habe die Tat auf Korfu bagatellisiert. Das sei zulässig, argumentiert Glathe, und zitiert eine Reihe von BGH-Entscheidungen, in denen es darum geht, dass Verteidigungsargumente eines Angeklagten nicht strafschärfend ausgelegt werden dürfen. Auch das nicht Vorliegen von strafmildernden Gründen dürfe nicht strafschärfend wirken. Der Verteidiger fasst zusammen: "Bei der Gesamtwürdigung komme ich zum Ergebnis, dass keine besondere Schwere der Schuld vorliegt", sagt Glathe.

Dann wendet er sich der Anordnung der Sicherungsverwahrung zu. "Dr. Pleines hat sich wesentlich zur Gefährlichkeit des Angeklagten geäußert", sagt Glathe. Der Hang zu Straftaten, so Glathe, müsse von der Gefährlichkeit differenziert betrachtet werden. Nebenklagevertreter Kramer habe gesagt, jetzt sei der richtige Zeitpunkt für eine solche Betrachtung; dem widerspricht Glathe. Richtig sei das jedoch nach der Haft. "Aus Ihrer Sicht, Herr Oberstaatsanwalt, ist auszuschließen, dass positive Wirkungen bei meinem Mandaten erreichbar sind."

Das sei in der wohl bevorstehenden langen Haft für den Angeklagten jedoch nicht einfach auszuschließen; das Einwirken und die Veränderung eines Straftäters sei mithin ein Ziel des Strafvollzugs auch mit der Sozialtherapie. Das gelte auch für lebenslänglich Verurteilte und für Sexualstraftäter. "Dr. Pleines hat meinem Mandanten einen fehlenden emotionalen Resonanzraum bescheinigt, gerade da ist es doch zu hoffen, dass in therapeutischen Maßnahmen an der Empathiefähigkeit gearbeitet werden kann." Glathe führt weiter aus: "Ich sprach eingangs von der Logik der Tat, und wenn die Logik der Tat zum Nachteil von Maria L. ist, dass es um sexuelle Handlungen geht, so sind wir hier in einem Verhalten der pathologischen Devianz."

Auch wenn man sadistische Tendenzen annehme, die man im Tatgeschehen sehen könne, sei das kein Grund, keine Erreichbarkeit des Angeklagten für therapeutische Angebote anzunehmen. Vielmehr hätten Studien gezeigt, dass gerade Patienten mit sadistischen Tendenzen Traumatisierungen in der Kindheit erfahren hätten, panische Angst vor Emotionen hätten, aber für Therapie gut erreichbar seien. Auch die Aussagen von Lehrern und Betreuern hätten gezeigt, dass Hussein K. grundsätzlich lernfähig und -willig gewesen sei.

Glathe beendet sein Plädoyer. "Ich darf zusammenfassend festhalten, dass, wenn Sie der Einlassung des Angeklagten folgen, eine Jugendstrafe in einem hohen Bereich festzustellen wäre. Alternativ eine Freiheitsstrafe, ohne Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und ohne Anordnung der Sicherungsverwahrung."

Letztes Wort von Hussein K.

"Möchten Sie den Ausführungen des Verteidigers etwas hinzufügen?", fragt die Vorsitzende Richterin den Angeklagten nach dem Ende des Plädoyers und will wissen, ob die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden soll. "Nein, die Zuschauer können hier bleiben", sagt Hussein K. durch seinen Übersetzer. Im Gerichtssaal ist es nun ganz still. "Sie erhalten jetzt das letzte Wort" sagt Richterin Schenk.
Hussein K. spricht leise, der Übersetzer übersetzt Satz für Satz (Wortlaut):
"Sehr geehrte Damen und Herren. Als erstes möchte ich mich bei der Familie L. entschuldigen. Ich möchte mich beim Anwalt und beim Staatsanwalt, bei den Richtern, Schöffen und allen Anwesenden im Saal entschuldigen. Dann möchte ich noch hinzufügen, dass mir das, was ich getan habe, sehr leid tut. Es ist richtig, dass ein Jahr, anderthalb Jahre vergangen sind, aber ich leide heute noch. Sie leben in Gedanken an Maria. Ich leide darunter. Von meiner Seite aus möchte ich sagen, dass ich es bereue, dass es mir leid tut. Ich möchte dafür in Rechenschaft gezogen werden, die Strafe erhalten, die mir zusteht. Das was ich getan habe, ich sage nicht, dass ich unschuldig bin, aber trotzdem. Mein Herz brennt. Wenn es mir möglich wäre, die Zeit zurückzudrehen, hätte ich es niemals gemacht. Bedauerlicherweise geht es nicht. Ich versuche in der Zukunft, mir ein besseres Leben einzurichten, ohne Drogen und ohne Alkohol. Ihnen möchte ich sagen, dass ich eine Drogentherapie machen möchte, und Sie bitten, dass Sie mir diesen Weg ermöglichen. Weil ich jetzt seit 13, 14 Monaten im Gefängnis bin, habe ich nichts konsumiert, aber in Griechenland war es möglich. Ich möchte ab sofort nicht mehr Drogen konsumieren, weil die Drogen mir mein Leben zerstört haben. Ich sage noch einmal, dass ich bereue, was ich getan habe. Es tut mir leid, dass es passiert ist, aber ich kann die Zeit nicht zurückdrehen. Mehr kann ich nicht sagen."

Plädoyer von Nebenklagevertreter Bernhard Kramer

11.30 Uhr: Es ist der zweite Tag der Schlussvorträge im Mordprozess gegen Hussein K.. Nachdem am Freitag Oberstaatsanwalt Eckart Berger sein Plädoyer gehalten hat, ist nun Nebenklagevertreter Bernhard Kramer an der Reihe.

"Bei allem Gefühl der Trauer und des Verlust, sind sie nicht von Hass oder Rachegelüsten erfüllt." Nebenklagevertreter Bernhard Kramer
"Ich vertrete die Eltern des Tatopfers Maria L.", beginnt Kramer seinen Vortrag. Er erklärt, dass die Eltern des Opfers in Belgien leben und daher nicht an der Hauptverhandlung teilnehmen konnten. "Meine Hauptaufgabe bestand darin, die Eltern zu informieren." Die Eltern von Maria L. seien auch nicht vor Ort gewesen, weil sie es emotional nicht ertragen hätten, in einem Raum mit dem Angeklagten zu sein. "Bei allem Gefühl der Trauer und des Verlust, sind sie nicht von Hass oder Rachegelüsten erfüllt." Ziel der Eltern sei es nicht, eine möglichst hohe Strafe um jeden Preis gegen den Menschen Hussein K. zu erzielen: "Die Nebenkläger wollen wissen, wie es wirklich war." Und den beiden Juristen sei daran gelegen, dass der Rechtsstaat die Straftat angemessen verfolge und zu verhindern, dass eine solche Tat sich wieder ereignete.

Kramer erklärt, dass er sich den Forderungen der Staatsanwaltschaft anschließt, aber dennoch Akzente setzen will. Kramer kündigt an, seinen Vortrag nach den seiner Ansicht nach zentralen Fragen des Prozesses zu gliedern. Die erste ist: "Welches Recht ist anzuwenden, Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht?" K. habe über sein Alter systematisch gelogen, der Satz "je näher wir Europa kommen, desto jünger werden wir" zeige Verachtung für die Hilfsbereitschaft deutscher Behörden und Privatpersonen. Die im Verfahren angewandten Altersbestimmungsmethoden würden die Frage des Alters nun final klären: K. sei zum Tatzeitpunkt nach den Berechnungen der Gutachterinnen Wittwer-Backofen und Gampe 23 Jahre alt gewesen. Die Sicherheit der Berechnung von 99 Prozent solle dabei nicht abschrecken, meint Kramer. "Im Ergebnis bin ich der Meinung, dass wir diesem Urteil folgen können", sagt der Anwalt.

"Ganz eindeutig ist das Mordmerkmal zur Befriedigung des Geschlechtstriebs gegeben." Nebenklagevertreter Bernhard Kramer
Nächste Frage ist die Verurteilung wegen Mordes. Diesen Mord, sagt Kramer, habe K. im Prozess gestanden. "Der von dem Angeklagten gestandene Vorgang belegt die Kausalkette", sagt der Nebenklagevertreter. Das Würgen und Drosseln des Opfers könne in der Kausalität des Ertrinkungstods nicht hinweggedacht werden. Der Angeklagte habe zwar möglicherweise darüber geirrt, dass Maria nicht schon durch das Drosseln gestorben sei: "Vorsätzliches Handeln setzt aber keine Kenntnisse aller Details des Kausalverlaufs ein." Dass sie noch nicht tot gewesen sei, sei ein unwesentlicher Kausal-Irrtum. "Fraglich ist, ob bei der Tötung Mordmerkmale verwirklicht waren", setzt Kramer fort. "Ganz eindeutig ist das Mordmerkmal zur Befriedigung des Geschlechtstriebs gegeben", sagt Kramer. Der Verlauf des Tatabends für den Angeklagten habe das gezeigt. "Bereits bei der Attacke auf das Fahrrad hatte der Angeklagte sexuelle Absichten", sagt der Nebenklagevertreter. "Diese Wünsche konnte er nur verwirklichen, wenn er das Opfer zum Schweigen brachte." Das Mordmerkmal sei auch verwirklicht, wenn das Opfer erst getötet würde, bevor die sexuelle Handlung erfolge. Das belege die Rechtsprechung. Auch das Mordmerkmal der Heimtücke sei verwirklicht, denn K. habe bei dem Angriff auf ihr Fahrrad die Wehrlosigkeit von Maria ausgenutzt und sie schon mit Tötungsabsicht angegriffen. Auch das Mordmerkmal der Ermöglichung einer anderen Straftat – hier der Vergewaltigung – sei gegeben: K. habe Maria L. getötet, weil er befürchtet habe, erwischt zu werden, falls sie andauernd schreien würde und wollte die Tat unbedingt durchführen, unbeachtet ob sie noch lebe oder schon tot sei. Der Tatbestand der Vergewaltigung sei objektiv verwirklicht gewesen, denn Maria war zum Zeitpunkt der sexuellen Handlung zwar bewusstlos, aber lebte noch. K. habe diesbezüglich einen bedingten Vorsatz gehabt.

"Die Nebenklage sieht den Tatbestand des Mordes mit Erfüllung der Mordmerkmale der Heimtücke, der sexuellen Befriedigung und der Ermöglichung beziehungsweise Verdeckung einer Straftat", fasst Kramer zusammen.

War Hussein K. schuldunfähig? "Nachdem wir das in jeder Beziehung überzeugende Gutachten von Dr. Pleines gehört haben, kann ich mich kurz fassen", sagt Kramer. Die traumatisierenden Umstände von Hussein K.s Lebens "haben sich im Laufe der Verhandlung als Lügen offenbart", sagt Kramer. "Schon die Angaben des Angeklagten waren widersprüchlich", sagt Kramer. So habe K. etwa gesagt, der in Afghanistan gefallene Vater habe ihn im Iran körperlich gezüchtigt.

"Nach Auffassung der Nebenklage sind mindestens drei Mordmerkmale verwirklicht." Nebenklagevertreter Bernhard Kramer

"Der Angeklagte ist daher des Mordes und der sexuellen Nötigung und der Vergewaltigung mit Todesfolge schuldig", sagt der Anwalt. Das Gesetz sehe dafür lebenslange Freiheitsstrafe vor. "Er war zur Tatzeit kein Heranwachsender mehr", sagt Kramer. Dann wendet er sich der besonderen Schwere der Schuld zu. "Nach Auffassung der Nebenklage sind mindestens drei Mordmerkmale verwirklicht", sagt Kramer. "Der Angeklagte lauerte dem Opfer auf. Im Schutze der Dunkelheit wartete er ab, um das Opfer zu attackieren." Das Vorgehen ähnelte in seiner Unvermittelbarkeit der Tat in Griechenland. Die Tötungshandlung sei besonders herzlos gewesen, sein gesamtes Vorgehen während der Tat und das Nachtatverhalten habe auffällige Gefühlskälte gezeigt. "Das spricht alles dafür, dass der Angeklagte sich durch die Tat und die Haft in Griechenland nicht hat beeinflussen lassen", sagt der Nebenklagevertreter. Opfer beider Taten – zierliche Studentinnen, alleine unterwegs – und Tatzeiten ähnelten sich. Man könne davon ausgehen, dass K. drehbuchartig vorgegangen sei. Daher sei die besondere Schwere der Schuld festzustellen.

"Manipulativ wie er ist, wird er sich vor einer weiteren Begutachtung besser informiert haben." Bernhard Kramer

Soll Sicherungsverwahrung angeordnet werden? Sicherungsverwahrung sei für einen jungen Menschen wie den Angeklagten tragisch. Doch jetzt gehe es um den Schutz der Allgemeinheit. Kramer spricht über das Leid von Maria L.s Familie und Freunde: "Für sie ist das Wichtigste, dass eine nochmalige Wiederholung dieses Leids durch den Angeklagten verhindert wird." Kramer verweist immer wieder auf das Gutachten des forensischen Psychiaters Pleines: K. Habe weder die Regeln seines Herkunfts- noch seines Lebensraums anerkannt. Der beste Moment, um K.s Psyche zu bewerten, sei jetzt: "Manipulativ wie er ist, wird er sich vor einer weiteren Begutachtung besser informiert haben."

Berger fasst zusammen: "Die Nebenkläger beantragen, den Angeklagten wegen Mordes in Tateinheit mit sexueller Nötigung und Vergewaltigung mit Todesfolge zu verurteilen. Die besondere Schwere der Schuld ist festzustellen. Neben der Strafe ist die Sicherungsverwahrung anzuordnen."

Plädoyer von Verteidiger Sebastian Glathe

"Warum sind wir hier?", beginnt Hussein K.s Verteidiger Sebastian Glathe seinen Schlussvortrag. "Wir sind hier, um zu verstehen, was wir nach 23 Tagen Verhandlung für wahr halten." Jede Tat habe eine innere Logik. Er fährt fort: "Wir Juristen müssen verstehen, um subsumieren zu können." Für die Öffentlichkeit und juristische Laien sei die Logik nicht zu erkennen, sei jeder Mordprozess eine Projektionsfläche. "Wir fühlen, was wir denken", sagt Glathe. Es sei essentiell, die eigenen Projektionen zu erkennen, sonst könne ein Angeklagter nicht angemessen beurteilt werden.

"Die Tat [hat] keinerlei politische Dimension." Verteidiger Sebastian Glathe
Glathe spricht das mediale Echo auf den Prozess an, verweist auf Berichterstattung in nationalen und internationalen Medien, das zeitliche Zusammenfallen mit dem Mord an Carolin G. in Endingen. "Selbst die Kanzlerin äußerte sich dazu." Gleichwohl, so Glathe, "hat die Tat keinerlei politische Dimension". Jedoch habe es im Vorfeld des Prozesses Versäumnisse und Mängel gegeben. Informationen über den Angeklagten seien nicht weitergeleitet worden, etwa seine Fingerabdrücke und der Haftbefehl in Griechenland. "Das ist eine tragische Verkettung von Umständen, die für diese Tat jedoch nicht kausal war", sagt Glathe.

Worum gehe es nun in diesem Prozess? "Es geht um die optimale Realisierung des materiellen geltenden Rechts in Bezug auf den Angeklagten", sagt Glathe. "Und auch in Bezug auf die Nebenklage." Eine Studie hätte etwa gezeigt, dass es den meisten Angehörigen von Mordopfern nicht um eine möglichst harte Strafe, sondern um ein tieferes Verstehen der Tat ging. Den Eltern Marias spricht Glathe "fern aller Statistik höchsten Respekt für diese Haltung", aus.

"Er übernimmt von Beginn der Beweisaufnahme an Verantwortung für das angeklagte Verhalten." Sebastian Glathe über seinen Mandanten Hussein K.
Er wolle nun jedoch keinesfalls die wissenschaftlichen Beweise, Altersgutachten und Handyauswertung angreifen, das sei wenig zielführend. Glathe spricht Oberstaatsanwalt Berger an: "Sie haben meinem Mandanten gesagt: "Finden Sie zur Wahrheit zurück." Um welche Wahrheit gehe es dabei? "Um eine subjektive Wahrheit", sagt Glathe. K. sei, naturgemäß näher am tatsächlichen Tatgeschehen gewesen, als jeder andere. Dessen subjektive Wahrheit, die er in seiner Einlassung formuliert habe, kollidiere durchaus mit der forensischen Wahrheit des Prozesses, aber das Aufarbeiten dieser Kollision sei eine Aufgabe, die K. wohl in den kommenden Jahren zu bewältigen habe.

Glathe äußert sich verwundert über die Bewertung des Angeklagten durch die Anklage. K. habe als ein bis zum Prozessauftakt schweigender Angeklagter, "eine gigantische Projektionsfläche geboten hat, weil er schwieg", sagt Glathe. "Er hat hier ein Geständnis abgelegt." Dieses Geständnis habe K. mit eigenen Worten formuliert und vorgetragen und habe versucht, die Frage zu beantworten. "Er übernimmt von Beginn der Beweisaufnahme an Verantwortung für das angeklagte Verhalten."

"Wir werden uns auch der Frage stellen müssen, wie alt ein Mann wirkt, der von großer, kräftiger Statur ist." Verteidiger Sebastian Glathe
Wie sei der Angeklagte zu bewerten? Wenn man davon ausgehe, dass er zwischen 1995 und 2005 in Afghanistan geboren sei, hätte er seine Kindheit in kriegsähnlichen Verhältnissen verbracht. Ginge man davon aus, dass er im Iran groß geworden sei, so habe er dort die systematische Diskriminierung von afghanischen Flüchtlingen erlebt. "Wir können sicher festhalten, dass in beiden Varianten traumatische Erfahrungen zu erwarten seien."

Welche Erkenntnisse gibt es zum Alter des Angeklagten? K.s eigene Angaben seien wohl stets taktisch gewesen. In seinem Kulturraum würden junge Männer sich zudem oft älter machen. Glathe spricht die verschiedenen Aussagen von Zeugen an, verweist auf Lehrer und Betreuer, die das angegebene Alter für plausibel halten. "Wir werden uns auch der Frage stellen müssen, wie alt ein Mann wirkt, der von großer, kräftiger Statur ist", sagt Glathe. Auch bei einer Berechnung mit einer Sicherheit von 99,9 Prozent sei man von einer Fehleinschätzung nicht befreit. "In Anbetracht aller dieser Annahmen können wir nicht mit der erforderlichen Sicherheit feststellen, dass er älter als 21 ist."

"Es bestehen Zweifel an einer unbeeinträchtigten Steuerungsfähigkeit des Angeklagten, Zweifel an einer geplanten Tat und Zweifel, dass K. erkennen konnte, das Maria L. noch lebte." Verteidiger Sebastian Glathe

Dann wendet der Verteidiger sich der Tat auf Korfu zu. Bei diesem habe es sich primär um einen Handtaschenraub gehandelt; Glathe liest direkt aus der Aussage des Opfers Spiridoula C. im griechischen Prozess vor. "Wir werden uns mit der Frage auseinandersetzen müssen, warum sie diese Tat in Kenntnis der hiesigen Tat neu bewertete." Bei K.s Festnahme und Verurteilung in Griechenland habe es auch prozessuale Probleme gegeben: so habe etwa ein befreundeter Geflüchteter übersetzt.

Dann wendet er sich der Tat in Freiburg zu. "Es bestehen Zweifel an einer unbeeinträchtigten Steuerungsfähigkeit des Angeklagten, Zweifel an einer geplanten Tat und Zweifel, dass K. erkennen konnte, dass Maria L. noch lebte", sagt Glathe. Die Staatsanwaltschaft habe etwa die Aussagen von K.s Freunden zu leicht abgetan, obwohl diese durchaus ein stimmiges Bild abgegeben hätten. Ein Fluchtbegleiter, der im Prozess aussagte und K. lange kenne, habe sich etwa von K. aufgrund dessen problematischen Alkohol- und Drogenkonsum abgewendet. Die Aussage dieses Zeugen habe auch Hinweise auf dessen emotionalen Zustand gegeben. Auch gegenüber seinem Zellengenossen, der ebenfalls aus Zeuge aussagte, habe K. seinen Drogen- und Alkoholkonsum in der Tatnacht beschrieben. Ein weiterer Zeuge habe gesagt, K. könne sich auch betrunken gut kontrollieren, so "dass man ihm seinen Konsum nicht direkt anmerke". K. habe in der Tatnacht beim Verlassen des Hauses seiner Pflegeeltern gesagt: "Ich möchte mich heute super berauschen."

Auch das Hussein K. in der Schwulenbar in der Innenstadt gefeiert habe, sei ein Indiz für seine Alkoholisierung - schließlich sei er nicht homosexuell und habe sich etwa laut einer Zeugenaussage selbst abfällig über Homosexuelle geäußert. Ebendort hätten Zeugen ihn als stark alkoholisiert beschrieben, der Wirt auch den Verkauf weiterer Getränke verweigert. Auch dass K. sich in der Bar für wenig Geld habe prostituieren wolle, sei nur unter einer starken Alkoholisierung und dem Einfluss von THC vorstellbar.

"Wenn er, wie der Oberstaatsanwalt sagte, den Beischlaf, wenn er Sex erzwingen wollte, warum hatte er dann keinen?" Verteidiger Sebastian Glathe
Dann wendet sich Glathe der Tat zu. Der durch die Handydaten belegte Aufenthalt an der Dreisam vor dem Angriff auf Maria sei keinesfalls ein Auflauern des Angeklagten gewesen; K.s Aussage, ihm sei übel gewesen und er sei "weggedämmert oder gar eingeschlafen", sei mindestens genauso plausibel. Auch das durchgeführte manuelle Sexualdelikt sei ein Indiz für die Alkoholisierung des Angeklagten. "Wenn er, wie der Oberstaatsanwalt sagte, den Beischlaf, wenn er Sex erzwingen wollte, warum hatte er dann keinen?" fragt Glathe. "Weil er ihn aufgrund einer Dysfunktion nicht durchführen konnte." Das Auftreten ebendieser sei wissenschaftlich schon ab einer Alkoholisierung von 0,4 Promille bekannt. "Wäre er in der Lage gewesen, einen Koitus durchzuführen, so hätte dieser nach dem Würgen stattgefunden", sagt Glathe.

Konnte K. erkennen, dass Maria L. noch lebte? Glathe argumentiert, dass wenn man annimmt, dass es trotz Vollmondnacht und Beleuchtung am Weg so dunkel war, dass K. sich vor dem Opfer verbergen konnte, auch annehmen müsse, dass er nicht habe sehen können, ob sie noch atme. Das Fließgeräusch der Dreisam könne zudem Atemgeräusche übertönt haben. Eine mögliche Verminderung der Steuerungsfähigkeit könne nicht einfach so abgetan werden. Glathe zitiert aus einem Urteil des BGH: "Selbst bei einer hohen Alkoholisierung des Täters sind grobmotorische Tätigkeiten durchführbar", eine Herabsetzung der Steuerungsfähigkeit könne daher auch beim Fehlen von offensichtlichen Ausfallserscheinungen nicht ausgeschlossen werden. Glathe zitiert aus einem anderen Urteil des BGH: "Zielstrebiges und folgerichtiges Verhalten steht der Annahme einer erheblichen Verminderung des Hemmnisvermögens nicht entgegen". Glathe fasst zusammen: "Wir können nicht mit der erforderlichen Sicherheit das Vorliegen der Bedingungen von Paragraf 20 StGB ausschließen."

Zum Tatbestand des Mordes und dem Erfüllen der Mordmerkmale will Glathe sich nicht weiter äußern.

Stattdessen wendet er sich noch einmal dem Alter des Angeklagten zu, argumentiert für eine Einordnung als Heranwachsender. Er habe Erfahrungen gemacht, die ein Erwachsenwerden verzögert hätten: das Aufwachsen im Iran oder in Afghanistan, die Flucht, Aussagen gegenüber seiner Pflegemutter in Freiburg und die Einnahme des Medikaments Risperdal, dessen Dosis verdoppelt werden müsste. Daher läge eine Reifeverzögerung vor.

"Möglicherweise war die Einlassung meines Mandaten von Selbstmitleid geprägt, das schließt aber nicht das Vorliegen von Reue aus." Sebastian Glathe über das Geständnis von Hussein K.
Dann wendet der Verteidiger sich der Frage der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld zu. Dafür müsse zunächst geklärt sein, ob ausländische Urteile überhaupt zur Bewertung von Strafzumessungsregeln herangezogen werden können. Das Urteil von Korfu biete keine Anhaltspunkte für die Annahme einer sexuellen Motivation des Angeklagten. Dass das Opfer Spiridoula C. das heute anders sehe, sei egal. "Sie bewertet es nur anders", sagt Glathe. "Sie liefert keine neuen Hinweise." Es handele sich lediglich um eine andere Interpretation, nicht um eine andere Straftat.

Den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, der Angeklagte habe keine Reue gezeigt, will Glathe nicht hinnehmen. "Der Angeklagte hat ein umfassendes Geständnis abgelegt", sagt er. "Möglicherweise war die Einlassung meines Mandaten von Selbstmitleid geprägt, das schließt aber nicht das Vorliegen von Reue aus." Die Schilderung sei möglicherweise durch die Erfahrungen in der Haft geprägt, K. erfahre keinerlei Unterstützung, habe keine Kontakte nach Außen.

Dann unterbricht die Vorsitzende Richterin die Verhandlung: Auf der Tribüne wurde mit einer TV-Kamera gefilmt. Die Tribüne wird geräumt.
Vorschau auf den Verhandlungstag

"Finden Sie die Rückkehr zur Wahrheit. Sie haben in drei Tagen bei Ihrem letzten Wort die Möglichkeit dazu." Mit diesen Worten hatte Oberstaatsanwalt Eckart Berger den Angeklagten Hussein K. in seinem Plädoyer am vergangenen Freitag ins Wochenende geschickt. Zuvor hatte er wegen Mordes aus Heimtücke und zur Befriedigung des Geschlechtstriebs in Tateinheit mit schwerer Vergewaltigung lebenslange Haft, die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und Sicherungsverwahrung gefordert.Am heutigen Montag wird nun Nebenklagevertreter Bernhard Kramer seinen Schlussvortrag halten, bevor K.s Verteidiger Sebastian Glathe sein Plädoyer halten wird. Im Anschluss hat K. die Gelegenheit zu einem letzten Wort. Es ist der letzte Prozesstag, bevor die Kammer am Donnerstag in einer Woche, dem 22. März 2018, das Urteil verkünden will.
Hussein K. wird vorgeworfen, im Oktober 2016 die 19-jährige Medizinstudentin Maria L. an der Dreisam angegriffen, sexuell missbraucht und getötet zu haben. K. hatte die Tat zu Beginn der Verhandlung gestanden – allerdings nicht dem Umfang der Anklage entsprechend. Über sein Alter und seine Lebensumstände hatte er gelogen.

Übersicht: Der Prozess gegen Hussein K.


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