Versteigerung der Kunstakademie: Vanitas und In Situ-Werke

Manuel Lorenz

In der Wiehre hat gestern Abend Martin Engler die Werke von Studenten der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste versteigert. Ulrich von Kirchbach sicherte sich Rebell Art für sein Büro und auch sonst kam allerhand Verspultes unter den Hammer. Kunst sucht Sammler: Wir waren dabei.



Rotz, Auswurf und Handabdrücke. Nein, ich bin weder im Kindergarten „Zwergenland“ noch in einer steinzeitlichen Felsenhöhle. Dennoch schaue ich auf Farben und Formen, die mich sowohl in meine eigene Kindheit als auch in diejenige des Menschen selbst zurückversetzen. Grün, Weiß und Schwarz, ohne Titel, Holz, Ölfarbe auf Wand, Maße variabel. Ein Freiburger Würdenträger, der nicht anwesend ist, hat das Werk von Konstantin Friedrich für sich ersteigern lassen und der ganze Saal fragt sich, um wen es sich handelt. Ein Krypto-Punk, das ist klar. Aber wer aus dem Freiburger Rathaus kommt da bitte in Frage?


Heute also mal zur Abwechslung eine Auktion. Kennt man ja, Sotheby’s, Christie’s, zum ersten, zum zweiten, zum dritten – hat man aber noch nie wirklich mitgemacht, und da ist so was Kleines, Feines wie die Freiburger Außenstelle der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe genau das Richtige. Versteigert werden Werke der Studierenden von Professorin Leni Hoffmann; der Erlös soll die Studienreise der Klasse nach Ägypten unterstützen, die im Februar 2011 stattfinden wird.



Studi-Zeugs? Kinderkram? Weit gefehlt. Was hier heute unter den Hammer kommt, hat mit WG-Kunst nichts zu tun. Keine mit Bleistift gearbeiteten Tierportraits früchteteeseliger PH-Studentinnen, kein psychedelischer Selbstfindungstrip unterforderter Physik-Cracks, kein kitschiges, erdfarbenes Ethno-Gedöns weit gereister Lehramtskandidaten. Das weiß auch die Freiburger Kunstwelt, weswegen nicht nur die Kunststudenten samt Anhang anwesend sind, sondern auch stadtbekannte Jäger und Sammler, der Kunstverein (Caroline Käding) und das Museum für Neue Kunst (Jochen Ludwig) sowie die junge Karlsruher Galerie Ferenbalm-Gurbrü Station der Gebrüder Baden. Ansonsten: Mixed Pickles – Alt und Jung, zwei, drei schrille Gestalten, wie im Kunstbetrieb üblich, ein paar interessante Typen und schöne Ladies, wie ebenda ebenfalls üblich, Freiburger Geld und schaulustiges Prekariat.

Der wichtigste Begriff des Abends ist „in situ“. Er fällt so oft wie das Inschallah in der Rush Our von Kairo und ist eine Spezialität von Professorin Leni Hoffmann. Und was zuerst nach lecker Sushi klingt, ist in Wirklichkeit Lateinisch und bedeutet „an Ort und Stelle“. In-situ-Werke entstehen erst im Wohnzimmer des Käufers oder werden erst dort vom Künstler fertig gestellt. Irgendwas zwischen spannend und albern also; immerhin kauft man was Einzigartiges. Aber was, wenn man umzieht? Klingelt der Künstler dann noch einmal?



„Das stört mich überhaupt nicht“, sagt Elisabeth Tomas, die David Sempers „vier Linien_vier Tage“ für 90 Euro ersteigert hat. „Ich freu’ mich einfach nur auf die vier Tage, in denen der Künstler das Werk bei mir zuhause anbringen wird.“ Dass sich die vier Linien (aus Pflanzenabrieb!) schlecht in einen Umzugskarton packen lassen, stört die bekannte Kunstsammlerin nicht. Im Gegenteil: „Gerade diese Einmaligkeit macht für mich den Reiz an der ganzen Sache aus.“ Auch Norbert Hahn, der sich für 110 Euro ein in-situ-Bild von Helena Neubert unter den Nagel gerissen hat, macht sich keinerlei derartige Sorgen. „Ich hab vorerst sowieso keinen Platz, um das Werk ausführen zu lassen“, gesteht der bekennende Kunst-Messie. Schade, schockt das Bild doch ganz gut: eine Art Grabtuch von Turin mit Munch’esker Frauenfigur, das vor Ort vermittels blutroter Lache zu einem Gemetzel à la American Psycho veredelt wird.



Manchmal scheine ich nicht ganz bei Kunstverstand zu sein. Acrylbilder, die als effekthascherisches Stelldichein aus Pop Art und barockem Memento mori daherkommen und plumperweise auch noch „vanitas“ heißen, erzielen Höchstpreise von 400 Euro. Für Clemens Paschs Werke hingegen, bei denen sowohl die Form als auch der Inhalt top-notch ist, werden gerade mal 130 Euro locker gemacht. Pasch hat auf den hässlichsten aller Stoffe, Jute, mit großer Fertigkeit einen aufgefalteten weißen Zettel gemalt, auf dem in kindlicher Schreibschrift steht: „Clemens Pasch hat es am 23. Nov. 2009 gemacht“.

Der feine, geradezu fotorealistisch gearbeitete Zettel steht im krassen Gegensatz zur groben, hässlichen Jute. Der simplizistische Text ironisiert den Usus von Künstlern des Spätmittelalters und der Renaissance, ihr Werk vermittels des Lateinischen „faciebat“ (dt.: „... hat gemacht“) zu unterschreiben. So trat der Künstler erstmals aus der Anonymität heraus und wurde zum Individuum – was bei Pasch zum Inhalt der Kunst selbst wird.



Am Ende des Abends kommen 14.000 Euro zusammen, was die Erwartungen der Kunstklasse übertrifft. Daran ist nicht zuletzt auch Auktionator Martin Engler schuld, der die Preise immer wieder in die Höhe treibt. Heute ist Engler Sammlungsleiter für Kunst nach 1945 im Städel Museum in Frankfurt; einst war er aber in Freiburg unterwegs, so dass er die hiesigen Herrschaften kennt und sie mal im Plauderton, mal mit Nachdruck gut gelaunt zum Kauf animiert. Zum ersten, zum zweiten, zum dritten, und schon – wumm! – schlägt Engler mit dem OBI-Hammer aufs Podium, dass jeder Heimwerker neidisch würde.

Und der anfangs erwähnte Würdenträger? Der kommt zum Schluss dann auch noch vorbei: Ulrich von Kirchbach, der allerdings noch mit seiner Frau absprechen muss, wo die Rebell Art ihren Platz finden wird. „Zur Not kommt’s in mein Büro“, sagt von Kirchbach. Und da er das gleich zweimal sagt, hängt es nun wohl dort.



Wer im Übrigen die Künstler kennenlernen will, wird bestimmt morgen dazu Gelegenheit haben:  

Was: Eröffnungsfest OffenSichtlich 2010 mit Maddis'son Brass Band, Le Grand Uff Zaque, Das Gerät, Konrad Sixties Psych Pop, DJ Teery Lee & Y2K, Dusty White Bird
Wann: Morgen, Freitag, 22. Oktober 2010, 21 Uhr
Wo: Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, Außenstelle Freiburg, Kirchstr. 4, Gertrud-Luckner-Gebäude, Eingang Niederau, 79100 Freiburg
Eintritt: 3 Euro

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