Verspätete Anpreisung - Kenzari's Middle Kata in der KTS

Carolin Buchheim

Wir bei fudder stehen ja dazu, wenn wir Fehler machen, und wir haben diese Woche einen gemacht: vor lauter Schokohasen-Essen haben wir es über Ostern total verschlafen, das Konzert von Kenzari's Middle Kata in der KTS am vergangenen Dienstag anzupreisen. Und -um wirklich total ehrlich zu sein - eigentlich war uns im voraus auch gar nicht wirklich klar, dass wir das hätten anpreisen müssen. Genau wie die vielen anderen Menschen, die am Dienstag Abend den Weg in die KTS trotzdem gefunden hatten, standen wir mit offenem Mund vor der Bühne, denn Kenzari's Middle Kata waren ganz einfach Kinnlade-runter-fallen-lassend-WOW! Wenn man Kenzari's Middle Kata in eine Schublade packen müsste, dann wäre es wohl die, auf der Post-Punk oder Post-Hardcore draufsteht. Aber Schubladen sind ja blöd, denn in Schubladen ist ja im Allgemeinen so verdammt wenig Spielraum vorhanden. - Und Kenzari's Middle Kata brauchen mit ihrer Musik verdammt viel Platz zum Spielen.In Aschau am Inn scheint es viel Platz zum Spielen zu geben; Kenzari's Middle Kata kommen, wie jede Band, die es mal zu etwas bringen wird, aus der Provinz.Die Inspiration für ihre Musik haben Kenzari's Middle Kata aber ganz sicher nicht aus den Traditionen ihrer oberbayerischen Heimat: in ihren Songs treffen treibendes Punk Zeug auf hysterisch geschriene Hardcore Fetzen, nur damit im nächsten Moment die totale Dekonstruktion des Moments in der Melancholie zelebriert wird, und als wär das, für sich genommen, nicht schon großartig genug, entstehen genau aus dieser Melancholie heraus auch noch wunderschöne, geradezu erschreckend anmutige kleine Melodien.Kurzgesagt: Die Musik dieser Band ist tight, absolut tight. Diese 4 Herren wissen was sie machen und warum, und sie wissen es genau.Hier gibt es kein plattes, halbherzig hingerotztes Hardcore-Chaos mit ein bisschen poserig-übermotiviertem Brüllen drüber; bei Kenzari's Middle Kata ist der musikalische Tumult voller Struktur, unerhört vielschichtig ohne dabei überladen zu sein, voller genau kalkulierter, perfekt beherrschter Wellen und Explosionen. Was als weltabgewandtes Um-sich-Kreisen anfängt wird die große musikalische Geste, die wieder kleiner und selbstbezogener wird, abflaut, sich noch mal wilder als zuvor aufbäumt und am Ende einfach so versiegt.In dem Moment, in dem man meint einen Song durchschaut zu haben, schlägt er eine vollkommen unerwartete Richtung ein, überrollt einen mit einem unglaublichen gitarrengetrieben Schrei-Crescendo oder lockt einen mit einer filigranen kleinen Melodie vom Weg ab. Und nein, das wird nicht langweilig, wirklich nicht, denn glücklicherweise ist diese Art der Song-Dekonstruktion bei Kenzari's Middle Kata nie allein Mittel zum Zweck; die Methode wird nicht vorhersehbar und keine Strategie wird zwei Mal verwand.Ich frage mich, wie viele Wochen diese Männer wohl an den wahnwitzigen Details und Strukturen eines einzigen Songs herumfeilend in ihrem Proberaum sitzen, aber in Oberbayern sind die Winter ja schneereich und lang, da macht drinnen hocken und an Filigranitäten feilen ja sicher Spaß. - Nicht umsonst kommt ja auch feine Holzschnitzkunst aus Oberbayern.Die komplexe Basis von Kenzari's Middle Kata wird von Drummer Josef Weizenbeck mit selten gehörter Genauigkeit geliefert. Exakte Drummer haben oft das leicht ölige Herzblut von Robotern, nicht jedoch dieser: diese Drums sind total tight, absolut auf den Punkt und leidenschaftlich zugleich, man kann Josef Weizenbeck's Hingabe an sein Instrument und dessen Funktion innerhalb dieser Band hören. Helli Killermann's Bass (der Award für den coolsten Bassisten Namen '06 ist schon jetzt ihrer, Herr Killermann!) ist ein essentieller Teil dieser Komplexität, er wummert nicht einfach wahllos irgendwo unten rum, sondern definiert gezielt mit, ohne sich in den Vordergrund zu drängeln.Die Gitarren von Hannes Wastl und Roland Hanisch sind beizeiten fies, beizeiten auf verdammt saugute Art ornamental-hymnisch und dabei immer auf verdammt saugute Art angenehm schmutzig. Der Gesang wird von beiden mal wechselseitig geschrieen, mal unerwartet zart, mal mit obsessiver Dringlichkeit gesungen.Zusammengenommen und live bis zur Erschöpfung dargeboten, während man selbst vor der Bühne in genau der richtigen Stimmung für derlei Musik steht, ist das absolut unglaublich großartig. Kinnlade-runter-fallen-lassend-WOW eben.Wie genau die beiden Freiburger Bands die vor Kenazri's Middle Kata auftraten, Cycle-Slip (Rock/Stadioncore) und Increase (Emo/Hardcore) waren, kann ich genau deswegen unfairerweise auch gar nicht mehr genau sagen. - Kenzari's Middle Kata haben auf meiner emotionalen Festplatte den gesamten Speicherplatz für Krachiges belegt und alles was kurz vorher drauf war komplett und unwiederbringlich überschrieben.

Wer ähnliches erleben will und eben ein Herz und ein Ohr für Sachen aus der Post-Hardcore und Post-Punk Schublade hat, dem empfehle ich fürs erste den Kauf der allerersten, noch druckwerkfrischen Kenzari's Middle Kata CD 'Black Box Consciousness'. Ich war mit 5 anderen Leuten aufs Konzert, und danach haben wir 6 insgesamt 5 Mal die gleiche CD gekauft. 'Buy the music that you love' und so. So gut war das Konzert, Leute, und so gut ist diese CD.Und eins ist klar: Hier bei fudder lernen wir aus unseren Fehlern: Das nächste Konzert von Kenzari's Middle Kata wird hier im voraus angemessen angepriesen werden. Und wie.Die Wennsrockt-Crew war übrigens am Dienstag Abend auch in der KTS, und wenn deren Bericht online ist, dann werden wir den auch angemessen anpreisen.Kenzari's Middle Kate Website & MySpace, jeweils mit diversen mp3 für umsonst. 'Black Box Conscience' kann man bei Millipede Records und diversen Onlinehändlern (u.a. auch Amazon.de) bestellen.