Verrückt nach Jesus

Meike Riebau

Sie nennen sich "Jesus Freaks – Durchgeknallt für Jesus": Eine christliche Erweckungsbewegung mit konservativen Werten, die hauptsächlich Jugendliche anspricht, sagt Wikipedia. Eine Alternative zu den eingefahrenen Wegen der Amtskirchen, sagen die Mitglieder. Meike war bei der Freiburger Gemeinde und hat sich einen Gottesdienst angeschaut.

Gottesdienst im Jugendzentrum

Aaron Büsing ist 22, Student der Pädagogischen Hochschule im 4. Semester, er macht gerne Musik und hat Spaß daran, wegzugehen. So weit, so unauffällig. Doch in einem unterscheidet sich der Student von seinen Kommilitonen an der PH: Er gehört zu den Jesus Freaks, einer christlichen Erweckungsbewegung. Jeden Sonntag pilgert der 22-Jährige zu dem kleinen Lädchen an der Leo-Wohleb-Straße um am Gottesdienst teilzunehmen.



Mit einer herkömmlichen Kirche haben die Räumlichkeiten direkt neben dem Erotikzentrum kaum etwas gemein, das kleine Ladenlokal erinnert schon eher an eine Jugendzentrum: Durchgesessene Sofas, eine kleine Bar, Kekse und Thermoskannen mit Kaffee stehen im ersten Raum herum; die Wände sind bemalt mit Gedichten und einzelnen Wörtern wie "Ehre".



Im eigentlichen Gottesdienstraum befinden sich ein Schlagzeug, Keyboard und Verstärker nebst zwei aufeinandergestapelten Rothaus-Bierkisten. Gebetsbänke sucht man vergeblich, auch hier befinden Sofas und Sessel. „Schließlich”, erklärt Angela Nobiling, 29, „wollen wir es während des Gottesdienstes gemütlich haben, wir machen auch mal eine Pause, damit es nicht zu anstrengend wird”.



Punker und Popsongs

Anderssein, offener als die Amtskirchen, das wollen die Jesus Freaks. „Zu uns darf auch der Punker mit Irokesenschnitt kommen, hier darf geraucht und getrunken werden, und man darf Popsongs im Gottesdienst bringen”, so Angela Nobiling.

"Die Jesus Freaks sind weitgehend eine Jugendbewegung", so Joachim Valentin, Theologe der Freiburger Uni. "Dementsprechend gibt es hier Heavy Metal-Kirchenlieder, Music-Festivals und eine Bibel im Jugendslang, die Volx-Bibel." Er lobt einerseits die "große Offenheit und Flexibilität" im Umgang mit Jugendlichen.

"Die Volx-Bibel, die zum Teil von Jugendlichen mitgeschrieben wurde, ist als Einstieg wirklich zu Empfehlen", so der Theologe. Er selbst habe sie seinen Kindern geschenkt. "Natürlich findet da eine Verflachung der Inhalte statt", sagt er, "weshalb wohl jeder Exeget die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde angesichts des Werks".

Aber es bleibe zu würdigen, dass die Volx-Bibel eine Sprache spreche, die verstanden würde, und nicht so betulich daherkomme wie das kirchliche Jugend-Werk. Auf der anderen Seite stünden diese lockeren äußeren Formen in einem Gegensatz zu den Moralvorstellungen vieler Mitglieder, so der Theologe. "Gerade was sexuelle Moralvorstellungen betrifft denken viele Mitglieder häufig ziemlich konservativ".



In der Leo-Wohleb-Straße wird der Gottesdienst derweil mit einem kleinen Einstimmungsgebet begonnen. „Gott, wir danken dir, dass du uns heute so gutes Wetter geschickt hast, und wir wünschen uns alle für das neue Jahr Ruhe, für die Examen, die viele von uns jetzt haben“, betet Aaron Büsing laut in dem kleinen Kreis, der sich mit ihm um die beiden Rothausbierkästen versammelt. Die mit einem schwarzen Samttuch bedeckten Kästen dienen anscheinend als eine Mischung aus Altar und Ablage.



Langsam füllt sich der Raum, während die Musiker ihre Instrumente stimmen. Etwa 25 Freaks, wie sie sich selbst gern nennen, sind heute zum Gottesdienst gekommen. Die meisten sind zwischen 20 und 30, die meisten studieren noch und haben Fächer wie Sozialwissenschaften oder Lehramt gewählt.



Der Ruf Gottes

Die ersten Klänge des Invitation-Songs erklingen, und alle beginnen zu singen. Einige erheben sich von ihren Stühlen, wiegen sich selbstvergessen im Takt, schließen die Augen und heben die Handflächen nach oben.



Simpsons-Predigten und Bekehrungsgottesdienste

Gepredigt wird heute von Torsten (Name geändert), der über seine drei Lieblingsbilder spricht. „Wir haben hier schon alles gehabt, sogar über Szenen aus den Simpsons haben wir diskutiert, erzählt Gemeindemiglied Ursula Wiedemann. „Wir wollen, dass hier eine Diskussion zustande kommt, und es nicht so wie in den Amtskirchen ist, dass einer predigt, und der Rest still ist”.



Genutzt werden auch alle modernen technischen Möglichkeiten, wie etwa Beamer und eine Band.

Ursula ist als Jugendliche zu den Jesus Freaks gekommen. „Meine Eltern hielten das damals für einen Spleen, der bestimmt nach der Pubertät wieder aufhört“. Doch für die heute 25-Jährige steht fest: Es handelte sich nicht um einen Spleen, sondern um einen "Ruf Gottes“. Freunde nahmen die damals 16-Jährige zu den Treffen mit, die aus einem Elternhaus ohne christlichen Hintergrund kommt.

Eine Tages gab es einen Bekehrungsgottesdienst. „Und da hat Gott zu mir gesprochen, und mir gesagt, dass ich aufstehen und mitmachen soll“, beschreibt sie. Seitdem ist sie dabei. Und hat sich von den Jesus-Freaks auch trauen lassen – „auf der Hochburg, mein Mann und ich trugen schwarz – es war wirklich eine ungewöhnliche Hochzeit“, erinnert sie sich. Der direkte Dialog mit Gott ist eines der Kennzeichen der Jesus Freaks.



„Die Jesus Freaks sind zu den charismatischen Bewegungen zu zählen” sagt Joachim Valentin. Diese würden sich dadurch auszeichnen, dass sie an den direkten Dialog mit Gott, an Heimsuchungen des Heiligen Geistes glaubten.

Auch in der frühen Kirchengeschichte habe es noch Fälle von Zungenreden gegeben. Damit sind Fälle von Menschen gemeint, die während des Gottesdienstes eine Art ekstatischen Anfall haben. Der Heilige Geist habe denjenigen heimgesucht, so interpretierte man diese Anfälle. Die Worte, die während eines solchen Anfalls gesprochen wurden, wurden als Nachrichten direkt von Gott gesehen.

Während die katholische und die evangelische Amtskirche solcher Art von Gottesnachrichten heute eher kritisch und skeptisch gegenüberstehen, seien diese hier ein Kennzeichen für einen lebendigen Dialog mit Gott.

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„Das beinhaltet sicher einerseits eine Lebendigkeit im Gebet und im Austausch mit Gott, an der es den großen Kirchen mangelt”, so Valentin. „Das Problem ist allerdings, es gibt keine institutionalisierte Instanz, die solche Erlebnisse auffängt”.

Die Jesus-Freak-Gemeinden haben keine geistlichen Führer, jeder kann predigen, der ein Talent dafür hat, und es gibt keine geistliche Ausbildung. „Dieser sehr demokratische Aufbau führt einerseits zu einer großen Beweglichkeit und Offenheit, andererseits kann es auch zu einem kritiklosen Hinnehmen führen”.

Es gebe hier eben niemanden, wie etwa in den Amtskirchen, der einen Amtsträger entlassen könne, wenn der einen Fehler begangen hätte, kritisiert der Theologe. Um eine Sekte handle es sich deshalb nach Meinung Valentins aber trotzdem nicht.

"Du Sektenmitglied!"

Auch wenn das in der Bevölkerung zum Teil anders wahrgenommen wird. Ein Mitglied der Gemeinde berichtet, dass sie in der Fachhochschule regelrecht gemobbt wurde aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Gemeinde. „Das ging bis zur Sekretärin und Schulleiterin”, berichtet sie.

Ihre Mitschüler hätten sie nach dem blutigen Kreuz befragt, das auf der Website zu sehen sei. „Dabei hängt doch in jeder Kirche ein blutiges Kreuz, wenn man so will”, sagt sie empört.

Allerdings sind solche extremen Reaktionen wohl eher die Ausnahme. Ursula Wiedemann etwa berichtet, dass ihre Freunde und Familie ihre Entscheidung akzepiert hätten, ohne große Kritik.



Dies spiegle nach Meinung von Joachim Valentin auch die generelle Einstellung der Gesellschaft gegenüber Gruppierungen wie den Jesus Freaks wider. "Da herrscht eher eine gelassene Offenheit, die sicherlich auch damit zu tun hat, dass allgemein ein Bedarf an Religion besteht in Zeiten von hoher Arbeitslosigkeit und anderer Existenzängste".

Seiner Enschätzung nach werden die Jesus Freaks auch nicht wieder von der Landkarte verschwinden, sondern sogar noch ein wenig wachsen, „aber auch nicht so stark, denn dafür sind die Probleme, die wir hier haben, nicht groß genug.” Nachwuchs in der Gemeinde gibt es immerhin schon: zwei Kleinkinder, die vielleicht die neue Generation der Jesus Freaks bilden werden.

Zur Person

Joachim Valentin, 42, ist Dozent an der Freiburger Fakultät für Theologie und Leiter des "Haus am Dom", eines katholischen Begegnungs - und Kulturzentrums in Frankfurt am Main.

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