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Verborgene Theken: Die Rettich-Bar zwischen Freiburger Messe und Güterbahnhof

Andreas Meinzer

Eine Traditionslokalität der Gartenfreunde Freiburg ist die Rettich Bar zwischen Messe und Güterbahnhof. Angelika und Jürgen Kern servieren hier große, fleischlastige Portionen zu kleinen Preisen.

Familie Kern und ihre kleine, feine Küche

Einen "mutigen Neustart" nennen Angelika und Jürgen Kern die Übernahme der Rettich-Bar, einer Traditionslokalität der Gartenfreunde Freiburg Nord, die seit über 70 Jahren existiert. Seit Mai diesen Jahres sind sie die neuen Pächter der in einer Kleingartensiedlung zwischen Messe und Güterbahnhof versteckten Gaststätte.

Die letzten Jahre hatten die beiden der Arbeit wegen unter der Woche getrennt voneinander wohnen müssen und konnten sich oft nur am Wochenende sehen. "Jetzt haben wir wieder etwas, das wir zusammen machen können", hebt Angelika (60) einen wichtigen Grund hervor, warum sie und ihr Mann sich auf die Zeitungsanzeige des Vereins gemeldet hatten als dieser neue Betreiber suchte.

Beide kommen zwar ursprünglich nicht aus dem Gastronomiebereich. Angelika arbeitete unter anderem in der Buchhaltung, Jürgen ist gelernter Kaufmann. Doch die zwei bringen jahrelange Erfahrung im Küchen- und Servicebereich mit. Bei Jürgen sind es stolze 28 Jahre.

Große Portionen, kleine Preise

In der Rettich-Bar verwöhnt das Ehepaar seine Gäste mit Spezialitäten aus der deutschen und speziell badischen Küche, frisch gekocht, in großen Portionen und zu kleinen Preisen. Was Frische und Qualität hier bedeutet, kann man exemplarisch an der Zubereitung des Schnitzels erkennen, wie Jürgen erläutert.

Die Schnitzel werden nicht vorgefertigt, sondern frisch vom Schweinehals geschnitten, geklopft, gewürzt, gemehlt und im frisch aufgeschlagenen Ei gewendet und paniert. Nach jedem Bratvorgang, betont Jürgen, werde die Pfanne gereinigt und neues Fett verwendet. Dass das Schnitzelfleisch nicht von der Oberschale des Schweins, sondern vom Hals kommt und daher durchwachsener und saftiger ist, kommt bei den Gästen sehr gut an.

"'Bleib mir weg mit dem magere', trockene' Zeug'", zitiert der Koch lachend einen Gast. Das Schnitzel mit Pommes und Beilagensalat kostet 8,90, mit Brot lediglich 4,50 Euro. Auch den beliebten Ochsenmaul- und Rindfleischsalatsalat (ab 6,60, 7,60 Euro) wollen die Gäste nur noch nach Jürgens Spezial-Rezepten, wie er berichtet, nachdem er zeitweilig mit einer anderen Rezeptur experimentiert hatte. Die Portionen sind teils so groß, dass sich manche Gäste, die zum wiederholten Male die Rettich-Bar besuchen, vorsorglich eine Frischhaltedose für die Reste mitbringen.

Fleischhaltige Snacks

Neben den großen Gerichten auf der kleinen Karte und den speziellen Tages- und Wochenendangeboten gibt es stets auch Snacks wie Bockwurst mit Brot (3 Euro) oder hausgemachte Frikadellen (3,40 Euro). Für den Nachtisch stehen täglich wechselnd verschiedene selbstgemachte Kuchen bereit (ab 1,50 Euro pro Stück). Die backen Angelika, ihre und Jürgens Tochter – die auch zeitweise im Service mithelfen – sowie Nachbarinnen. Johannesbeer-Baiser, Apfel-Vanillepudding-Kuchen oder eine dreistöckige Käsesahne, um nur einige Beispiele zu nennen. "Wir backen einfach gern", schwärmt Angelika.

Entspannte Atmosphäre – entspanntes Publikum

Die Preise sind hier so gestaltet, dass sich auch Studierende und Rentner die Speisen leisten können. Die Gäste aus dem Gartenverein machen lediglich etwa 20 Prozent aus, wie die Kerns schätzen. "Die grillen oft selber oder holen sich bei uns nur Pommes" (2 Euro). Da die Gaststätte keine Laufkundschaft habe, auch von der naheliegenden Messe nicht, setzen Angelika und Jürgen auf Mundpropaganda als beste Werbung.

Mittlerweile kämen auch alte Stammgäste zurück, die das Lokal unter den vorherigen Betreibern aufgrund unregelmäßiger Öffnungszeiten und höherer Preise eingebüßt hatte. Öfters kehren hier auch nach einem langen Arbeitstag oder zwischen zwei Schichten Lokführer und Arbeiter des Güterbahnhofs oder LKW-Fahrer aus diversen Ländern ein. Die Verständigung mit den internationalen Gästen, die kein Deutsch sprechen, erfolgt dann häufig per Übersetzungsapp – oder "mit Händen und Füßen", wie Angelika erläutert. "Manchmal ist es schon schwierig, jemandem, der es nicht weiß, zu erklären, was ein Schnitzel ist. Oder einmal kam ein LKW-Fahrer, der hat sich ein Steak bestellt – und wollte dazu als Beilage den Rindfleischsalat", ergänzt die Wirtin erheitert.

Zeit, Geduld und Verständnis

Bei einem Besuch in der Rettich-Bar müssen die Gäste allerdings einplanen, dass es etwas länger dauern kann und ein wenig Zeit, Geduld und Verständnis mitbringen. Denn der Küchenraum ist sehr klein – und Angelika und Jürgen machen Küche und Service meist komplett zu zweit. Und sie legen sehr viel Wert auf Frische. "Es ist ein Knochenjob – aber einer, der trotzdem Spaß macht", so Angelika, die wegen eines Bandscheibenvorfalls nicht mehr in ihren vorherigen Tätigkeit im Büro arbeiten konnte. Ist einmal weniger Betrieb, nehmen sie und ihr Mann sich gerne Zeit für einen Plausch mit den Gästen: "Man muss einfach fühlen, wenn der Gast reden will".

Live-Musik

Jeden dritten Sonntag im Monat trifft sich in der Rettich-Bar ein Stammtisch von Musikern, die ihre Instrumente mitbringen und von 13 bis 18 Uhr live aufspielen. "Es ist immer eine Überraschung, wie viele kommen. Manchmal sind es zwei bis drei – es waren aber auch schon über 15. Und die haben auch ihre Fans, die sie mitbringen", berichtet das Ehepaar. Das musikalische Spektrum reicht von Rock n' Roll über Country und Volksmusik bis hin zu internationalen, traditionellen Klängen. Am 26. Juli, einem Freitag, spielen ab 21 Uhr zusätzlich "Ringo Fire & The Cash Cows", eine Johnny-Cash-Coverband aus Freiburg – und das, wie immer, bei freiem Eintritt.

Fazit

Leckeres, frisches Essen, wohlwollend portioniert, zu unschlagbar günstigen Preisen; gemütliche Einrichtung und einladender Außenbereich mit Spielplatz und Boule-Bahn, ideal für Familien; schöne Umgebung in lauschiger Kleingartenkolonie – und dazu kompetente und grundsympathische Wirtsleute: Nichts wie hin zur Rettich-Bar!

Adresse

Rettich-Bar
Hermann-Mitsch-Straße 10
79108 Freiburg
0761 / 600 611 46

Anfahrt

Mit der Tram-Linie 4 oder der Breisgau-S-Bahn bis "Technische Fakultät" (Messe), dann etwa zehn Minuten Fußweg entlang der Emmy-Noether-Straße bis zur Gartenkolonie an der Hermann-Mitsch-Straße (bei der LKW-Verladestation). Oder von Brühl-Beurbarung (Haltestelle Rennweg) aus entlang der Kaiserstuhlstraße über die Brücke Richtung Messe.

Öffnungszeiten

Di-Fr 15-23 Uhr
Sa, So und feiertags 11-23 Uhr
Montag Ruhetag

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