Verborgene Theken (71): Herdermer Bürgerstüble

David Weigend

Da, wo die Getränke noch gepflegt sind, die Stammgäste Chicago-Willi und Achteleschorsch heißen und der schaukelnde Plastik-Bajazzo zu den stilvolleren Elementen der Deko gehört, da schlägt Herderns hölzernes Kneipenherz: Willkommen im Bürgerstüble!



Publikum

Das Herdermer Bürgerstüble ist eine Institution unter den Senioren des Viertels. „Hier kommen anständige Leut hin, anders als in den Stühlingerkneipen“, sagt ein Stammgast. Sein Sitznachbar meint: „Hier in Herdern gibt’s sonst nix Gscheits. Und der Pilspreis ist unschlagbar.“

Schon seit 14 Jahren ist das Eckhaus Schlüsselstraße / Hauptsraße bewirtschaftet. Früher hieß die Pinte noch Holzwurm. Mancher Schüler von den nicht weit entfernten Lernanstalten (Weiherhofschule, Droste-Hülshoff-Gymnasium und Friedrichgymnasium) denkt mit wonnevollem Seufzen an manch leckeres Freistundenweizen „bei Volker“ zurück.



Ambiente

Das Bürgerstüble besticht durch seine unprätentiöse Einrichtung, Urigkeit wird groß geschrieben. Das Wort „Lounge“ mag hier keiner buchstabieren, dafür die Regeln der Würfelspiele Chicago und 42/18. Das Herdermer Herz ist, wie man sehen kann, aus Holz und man sitzt so eng beieinander, dass man sich nicht anbrüllen muss. „Michael, machsch mir noch ne Schorle“, ist hier ein oft gehörter Satz. Die Wände zieren alte Bierreklamen, eine Deko, wie man sie auch im „Alten Stadttor“ in Kenzingen zu schätzen weiß.



Über der Theke hängen eine Reihe von Masken, Insignien lokaler Narrenzünfte. Daheim sind hier natürlich die Herdermer Lalli, die das Lokal alljährlich am Fasnetssunndig in eine rot-schwarze Hölle verwandeln. Einen kulturellen Gegenpol bilden Stiche mit historischen Stadtansichten (Kaufhaus, Münsterplatz).

Am Spielautomaten Croco kann man sein Glück versuchen. Und, ja: es darf geraucht werden, ein Umstand, der von 99 Prozent der Kundschaft voll ausgenutzt wird. Etwa 25 Personen finden unter der Minilaterne Platz, zumeist Männer.



Kaffeepreis

Die Tasse Kaffee kostet 1,50 Euro. Ein Glas Fürstenbergpils vom Fass kostet 1,70 € (0,3l) / 2,50 € (0,5l). Beliebt ist auch die Weinschorle: Weiß 1,70 €, rot 1,90 €. „Wir führen Weine aus Bötzingen, Laufen und Britzingen. Affentaler haben wir auch im Angebot“, sagt Michael, der seit zwei Jahren zusammen mit Pächterin Petra Männer den Laden schmeißt. Verreißerle, zum Beispiel Blutwurzelschnaps, gibt’s für 1,50 €.



Auf der Speisekarte

...stehen Gerichte, die man sich zur Not auch selber zubereiten könnte, aber vielleicht ist man ja nach zweistündigem Aufenthalt im Bürgerstüble nicht mehr in der Lage dazu. Als da wären: Wurstsalat (4,70 €), Wienerle (3,20 €), Frikadelle (2 €) und Münsterkäs (3,50 €).

Manchmal gibt’s auch Gulasch- oder Kartoffelsuppe für 2,70 €. Und es soll Gäste geben, die hier zehn Landjäger am Stück vertilgen. Man wird auf jeden Fall satt und Gastronomien der gehobenen Kategorie gibt’s im Dunstkreis des Glasbachs ja genug.



Das Besondere

Im Bürgerstüble ist keiner einsam. „Die Kneipe ist unser Wohnzimmer“, sagen die Gäste. Morgens um 11 Uhr schaut man auf nen Kaffee rein, „ab der halber Fünfe uff e Bierle.“ Den Umgangston prägt das Schelmisch-Abgehangene der alemannischen Rentnerriege: „Hier, mein Kolleg wohnt in der Anstalt in der Hermann-Herder-Straße. Unterm Jackett trägt er Streifen, bis um Zehne hat er Freigang.“

Da kommt man schnell ins Gespräch. Stammgäste mit klangvollen Namen wie „Achteleschorsch“, „Chicago-Willi“ und „Würfelgott“ geben sich die Klinke in die Hand und werden in der Regel vom gesamten Lokal herzlich begrüßt.



Jeden Abend wird ein wenig gezockt um ein paar Schorle. Und wenn Fußball kommt, stellt Michael den Fernseher an. Es gibt auch ein Kässle, in das die Stammkundschaft jede Woche einen einstelligen Betrag einzahlt. Hin und wieder wird das Kässle aufgemacht, den Erlös spenden die Herdermer an die Kinderkrebsstation der Uniklinik.



Im Clinch liegen Michael und Petra nur mit dem „blöden Nachbarn“. Der sorge dafür, dass man nicht draußen im Garten bestuhlen dürfte. „Der will einen Nichtrauchertisch im Freien. So eine Forderung gibt’s wohl in ganz Deutschland nicht noch mal“, vermutet Michael.

Wegbeschreibung

Mit dem Fahrrad: Vom Bertoldsbrunnen aus nordwärts, am Siegesdenkmal vorbei, in die Habsburgerstraße; stets geradeaus und dann die achte Straße rechts einbiegen, es ist die Hauptstraße. Die Hauptstraße hochfahren. An der Kreuzung zur Schlüsselstraße wird linker Hand das Bürgerstüble sichtbar. Fahrtzeit: etwa 10 Minuten.

Mit dem Bus: Ab Siegesdenkmal mit Linie 27 Richtung Richard-Strauss-Straße bis „Herdern Kiche“ fahren, dann zu Fuß in die Hauptstraße einbiegen und die letzten Meter laufen.



Adresse

Herdermer Bürgerstüble
Hauptstr. 19a
79104 Freiburg
Telefon 0761 / 50 34 621

Öffnungszeiten

Täglich 11 Uhr bis 22 Uhr
Montag Ruhetag