Verbockt

David Weigend

Der SC Freiburg unterliegt dem SC Paderborn mit 0:1. Das Tor fiel in der 93. Minute. Ein Treffer, der die Aufstiegshoffnung der SC-Fans mit dem Beigeschmack des Unwahrscheinlichen versauert. Dabei begann alles so schön im Solarstadion an der Dreisam.



16.45 Uhr, im Winkel zwischen Nord-und Osttribüne. Jemand hatte die altbewährte KISS-CD in die Stadionanlage gesteckt. Paul Stanley sang also "I was made for loving you" und drei Männer klopften auf einem Mini-Podium an ihre Mikrofone, um eine Medienveranstaltung zu eröffnen.


Es waren Martin Braun (Pressesprecher SC),  Dr. Thorsten Radensleben (badenova), Dr. Heinrich Breit (Vorstand SC) und Hans-Georg Ressig (irgendwas Deutsche Bank). Klopf, klopf, klopf, klopf.



Vielleicht hätten die Zuschauer auf der Nordtribüne Herrn Breit mehr Aufmerksamkeit geschenkt, wenn der Steuerberater gesagt hätte: "Also das mit dem Trainer, das haben wir uns nochmal reichlich überlegt." Sicherlich wäre es auch lustiger gewesen, wenn Herr Radensleben geschminkt gewesen wäre wie Paul Stanley.

Aber es war schon ein wenig alltäglicher und lobhudliger, als man in der einschläfernden Sprechtradition unseres Bundespräsidenten das badenova-Stadion wegen seiner solaren Qualitäten als "ausgewählten Ort 2007 im Land der Ideen" emporjazzte.



Immerhin die vielen Miniatur-Fußballstadien, von diversen Regio-Grundschülern vermutlich in TW-Überstunden verbastelt, wussten das Auge des Betrachters zu erfreuen. Die Klasse 3a der Bärenfelsschule in Grenzach-Wyhlen erhielt sogar einen Sonderpreis für ein besonders gelungenes Exemplar aus Holz.

Breit fachte die Euphorie unter den Kindern noch an, indem er als Preis einen Tag in der Fußballschule ankündigte, unter besonderer Erwähnung der "Badenova-Hüpfburg." Aber all dies war nur lustiges Vorgeplänkel eines traurigen Maiabends.



Noch kurz vor Spielbeginn setzte sich Winnie Schäfer ("Das Blonde unter der Sonne") als Moderator von arena-TV eine Denkerbrille im Stil von Max Horkheimer auf und mimte den Strategieexperten. Schlechtes Omen.



Das Spiel selbst bleibt in Erinnerung als ein bemühtes, unglückliches und teils zu zauderndes Anrennen des SC Freiburg. Volker Finke drückte es danach in der Pressekonferenz so aus: "Es ist mir im Vorfeld nicht gelungen, die Köpfe der Spieler so frei zu kriegen, dass sie mit mehr Leichtigkeit ihre Stärken ausspielen."

In der ersten Halbzeit war es vor allem Rodar Antar, der drei Chancen hatte und alle vergab. In der 23. Minute konnte ein Paderborner Spieler Antars Kopfball gerade noch auf der Linie klären.



Jogi Löw, hier links im Bild, konnte in der zweiten Halbzeit beobachten, wie Iashvili in der verflixten 77. Minute den Ball von links an den Pfosten donnerte. Der Bundestrainer wurde Zeuge, wie die Anhänger des SCF ihre Mannschaft nach vorne peitschten.

18 700 Augenpaare verfolgten den zweifellos starken Willen des SC, den Treffer zum Aufstiegsplatz zu erzielen; einen Willen, der sich letztlich in Verkrampfung auflöste.



Unauffällig verließ Löw in der 85. Minute seinen Sitzplatz. So blieb ihm die Schmach aus der Paderquelle erspart.

93. Minute: Ecke Paderborn, bereits diese unglücklich von Walke verursacht; schnelle Ausführung, Antar fing den Ball ab, Walke rutschte bei dessen Rückgabe aus, der Ball kullerte zu Nebojsa Krupnikovic und nach Walkes Rettungsversuch zu Schüßler; Schüßler passte quer, Timo Röttger schoss, Tor.

Trainer und Reserve der Gäste stürmten aufs Spielfeld, jubelnd. Der Rest des Stadions erstarrte in Fassungslosigkeit. All die Hoffnung, dahin.



Nicht einmal dem hungrigsten Journalisten mochte die Bockwurst danach so recht schmecken. Die Stimmung war ganz unten, Volker Finke niedergeschlagen und nervös.

Während sein Kollege Holger Fach irgendwas davon faselte, er sei froh, mit dem eigenen PKW da zu sein und nicht mit dem Mannschaftsbus ("Man muss ja nicht alles sehen, was die Vögel da treiben"), als Fach das also sagte im adretten Sponsorenkragenhemd, da rasselte Finke nur unruhig mit seinem Tütenzucker. Er schien mit den Gedanken wo anders zu sein. Zum Schluß sagte er: "Eine sehr, sehr gute Chance ist heute ganz, ganz klein geworden."