Veit Cornelis über den SC Freiburg, jetzt gerade, auf Rang 16 der Tabelle

Euch

"Habe mir hier die Mühe gemacht auch mal die Situation aus einer anderen Ecke der Nordtribüne zu schildern", schrieb Veit Cornelis in einer E-Mail an den SC-Rapporter. Und sein E-Mail war so lesenswert, dass wir sie hier ganz veröffentlichen wollen. Die Gedanken eines SC-Fans zum Derby am vergangenen Sonntag und einem Verein auf Rang 16 der Tabelle:



„Es geht darum das Leiden zu ertragen…“ So oder so ähnlich war die Aussage.

Es ist Sonntag. Regen ist kein Ausdruck für das, was da vom Himmel fällt. Es ist kalt und die Nordtribüne ist müde. Beim Umherschweifen meines Blickes erkenne ich gähnende Münder, biertrinkende Männer und Mädchen mit Smartphone-Lächeln, die vermutlich gerade einen hämischen Post ihres bavarischen Freundes auf Facebook geliked haben. Wir stehen da.


Es ist 17:42 Uhr. Soeben hat es uns getroffen, wie die Nachricht der Absage deines Jahresurlaubs. Oder sogar noch schlimmer. Es steht 0:2. Zehn Minuten Spielzeit sind um. Willkommen am Abgrund - steht in den Augen meines Nebenmannes.

Wir sind da, wo wir nicht hinwollten. Wir haben es geahnt, doch die Gewissheit und das Gefühl, wenn man wirklich dort ist... Es ist wie beim letzten Mal und doch es fühlt sich an, als hätten wir es noch nie erlebt. Kein Schmerzgedächtnis. Keine Erinnerung an das letzte Mal. Abstiegskampf, du alte Lady - wo ist der Trost?

Retrospektiv denk ich an manche Tore von Max Kruse - sogar Papis Demba Cisse geistert irgendwie noch in meinen Gedanken herum. Ich sehe ihn mit seinen langen Stelzenbeinen auf das gegnerische Tor hechten. Und dann der Klang von Claus Köhn, wenn er den Namen des Torschützen dreimal aus den Boxen des Stadions wiederholt. Bei jedem Mal lassen die Umarmungen, der Jubel nach und die Stimmen der 20.000 werden lauter. Gänsehaut. Freude-Gänsehaut.

Gänsehaut heute lediglich Körperreaktion wegen 100% Luftfeuchtigkeit und diesen November-4-Grad. Die sind gefühlt kälter als die Januar-4-Grad. Das Gehirn erinnert sich noch zu sehr an die  August-24-Grad. In meine Gedanken hinein vermischen sich einzelne Sprechchöre der Ultras und artverwandter Supporter, die entweder einen Hang zur Selbstgeißelung oder einen perfekten Trip auf LSD erwischt haben. Doch auch diese Ausrufe werden von den Bildern im Kopf nahezu erdrückt. Es wird ruhig. Sehr ruhig.

Benny schreit „Scheiße“. Treffender kann man es nicht formulieren. Unter dem Gewicht dieses Wortes, beschließe ich mich zurückzuziehen in meine Welt, in der ich überlege, woran es liegt, dass wir da sind, wo wir sind. Christian Streich, letztes Jahr Fußballphilosoph, heute wirkt er eher wie ein Berufsanfänger vor einer großen Maschine, die er nur aus der Theorie kennt. Er versucht sein Bestes zu geben, doch spätestens nach Abpfiff muss er sich den Fragen seiner medialen Kontrahenten stellen. Auf die Frage, woran es liegt: Ausverkauf, wir sind klein, Schiedsrichter....Selbstkritik, lass uns mal später'n Bier trinken gehen...wird schon wieder.

Pressekonferenz: 5:32 Minuten. Alles gesagt? In Wirklichkeit: die Gegner besser, präsenter, eingespielter und wissend über die Schwächen des SC.

Heimfahrt auf dem Fahrrad: ich stelle mich ein auf die nächsten Wochen. Es wird noch kälter. Ich hoffe auf mein Schmerzgedächtnis und die Möglichkeit meiner Hirnwindungen sich auf diese Situation einzustellen, ohne Alkoholabhängigkeit, Suizidalität oder gar Fremdaggressivität zu verursachen. Wie bleibt man cool. Hirn, sag es mir. Aufhören? Kein Fußball? Schocktherapie? Die Spiele zweimal ansehen?

Ich bin zuhause. Liege auf dem Sofa - starre an die Decke. Mein Fanschal liegt durchnässt und wie immer mit dem Geruch von Rauch neben mir. Ich kann nicht aufhören daran zu denken, was mit meinem Verein gerade passiert. Wie kann es sein, dass diese Mentalität des „wir-wollen-unbedingt-gewinnen“ einfach weg ist? Offener Brief an das Team? Keine gute Idee.

Unruhe in Freiburg und  prompt holen wir Ewald Lienen aus seinem Postherzinfarktüberwachungsbett und hoffen auf feuerwehrtechnische Meisterleistungen. Nein, Danke!

Blick nach Vorne: es geht gegen Braunschweig und Liberec. Im Pokal kommt Leverkusen. Auf der Bank sitzen Jungs, die bei Abendspielen schnell nach hause müssen aufgrund des Jugendschutzgesetzes. Im Lazarett - gestandene Bundesligaspieler. So bitter es klingt. Jetzt nicht den Kopf in den Sand stecken. Erwartungshaltung, du altes Luder, hau ab. Fußball, du geiler Scheiß, lass uns mal wieder lachen. Und bis dahin: lass uns über Abstiegskampf reden. Wir haben die ganze Nacht...

Der Autor

„When saturday comes…“ mit diesem Gedanken gehe ich seit dem 3. Oktober 1992 regelmäßig ins Stadion an der Schwarzwaldstrasse. Der damalige Heimsieg durch ein Tor von Oliver Freund hat die Liebe zu diesem Verein in die Wege geleitet. Ich hing am Zaun und ich erinnere mich an die Jubeltrauben auf dem Spielfeld und an eine enorme Jubelmaschine hinter mir auf der Gegengeraden des damaligen Dreisamstadions. Da ist es passiert...

Ich war damals sieben Jahre alt und seither haben sich Stadionnamen, Anstoßzeiten, Spielergehälter und der Bierkonsum im Stadion stark verändert. Und dennoch renne ich mit meinen Freunden jeden Samstag in den Norden des Stadions. Wir teilen Freude und Leid - eine Kombination, die wahrscheinlich vielen Nicht-Fans im Bezug auf Fußball ein ewiges Rätsel bleiben wird. Und genau das versuche ich zu beschreiben...

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