Vegane Kochbloggerin Nicole Just: Lieblingsessen? Tempeh und Räuchertofu!

Tatjana Brenner

Von einem Tag auf den anderen hat sich für Nicole Just einiges verändert. Vor vier Jahren ist die Berlinerin über Nacht Veganerin geworden, sie isst also weder Fleisch und Fisch noch Milchprodukte, Eier oder Honig. Der Großvater war Fleischermeister und genauso überrascht wie der Rest der Familie. Auf ihrem Blog vegan-sein.de teilt die 30-Jährige Erfahrungen und Rezepte. Nun hat sie ihr erstes veganes Kochbuch geschrieben: La Veganista.



Nicole, plötzlich warst Du Veganerin. Wie ist das passiert?


Nicole Just:
Ich habe von der Vorgehensweise und Problemen in Schlachthöfen gelesen. Was da passiert, ist wirklich schlimm, und man kann weiterrecherchieren, bis einem schlecht wird.

Wie war die Umstellung?

Im ersten Moment dachte ich, es würde mir schwer fallen. Doch es war einfacher als erwartet.  Als ich am nächsten Tag von der Arbeit nach Hause kam, habe ich alle Küchenschränke ausgeräumt und das verschenkt, was ich nicht mehr essen wollte. Danach habe ich viel gelesen, bin durch Biomärkte spaziert und nach ein bis zwei Wochen wusste ich: Das ist der Lebensstil, den ich weiter verfolgen will.

Welche Veränderungen kamen mit der neuen Ernährung?

Ich habe relativ schnell gemerkt, dass ich viel mehr Energie hatte. Und das ist auch so geblieben. Damals habe ich noch studiert – Germanistik und Erziehungswissenschaft – und Vollzeit gearbeitet. Das schlaucht einen. Doch mit der Umstellung ging es mir viel besser.

In Deinem ersten Blogpost schreibst Du, dass man als Veganer drastisch auf seine Essgewohnheiten reduziert wird. Wie ist es Dir ergangen?

Es war schwierig. Ich war so glücklich, dass ich diesen Weg für mich entdeckt habe. Doch dann gehe ich raus, erzähle den Leuten davon, erhoffe ein „Wow, toll!“, aber renne plötzlich gegen Wände. Ich habe gemerkt, dass Veganismus ein Angstthema ist, jeder macht zu. Von Freunden und Kollegen kam: „Wie? Bist du wahnsinnig geworden?“ Mit solchen Reaktionen habe ich nicht gerechnet. Das war schwer. Aber ich habe für mich den Entschluss gefasst: Ich werde niemandem ungefragt meine Meinung aufdrücken und immer offen bleiben. Ich mache die Menschen übers Essen mit dem Veganismus vertraut. Wenn ich zum Beispiel Kuchen mitbringe und die Leute merken: Der schmeckt ja echt gut.

Wie gehst Du mit negativen Kommentaren um?

Mittlerweile muss ich schmunzeln, wenn ich ein Argument zum zehnten Mal lese. Und das kann man  meist mit drei oder vier Sätzen auseinandernehmen. Aber ich finde es gut, dass die Leute überhaupt kommentieren, auch wenn die Argumente abwegig sind – sie setzen sich immerhin mit dem Thema auseinander. Natürlich sage ich nicht, dass Veganismus die Lösung für alle Probleme auf der Welt ist. Aber einige können gelindert werden. Der Hunger in der dritten Welt zum Beispiel. Um unsere Rinder und Schweine zu füttern, nehmen wir unglaublich viel Land ein, auf dem Getreide für den Verzehr durch Menschen angebaut werden könnte.

Ein häufiges Vorurteil: Veganer haben fürchterliche Mangelerscheinungen. Nimmst Du Nahrungsergänzungsmittel?

Anfangs habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ich habe mir viel angelesen, zum Beispiel auch, dass Vitamin B12 lange im Körper gespeichert wird. Nach zwei Jahren habe ich dann angefangen, B12 zu nehmen, ein- bis zwei Mal wöchentlich.

Du hast für Dein Kochbuch „La Veganista“ sehr viele Rezepte gesammelt. Wo kommen die alle her?

Ich koche selten nach Rezept und habe immer einen gut gefüllten Kühlschrank. Dann wird geguckt: Was ist da, was kann ich daraus machen? Ich habe auch geschaut, wie Omas Gulasch zubereitet wird, oder ihre Rouladen. Tja und dann habe ich überlegt: Was muss ich tun, damit das Gericht vegan wird und trotzdem so schmeckt? Das probiere ich einfach aus der Situation heraus. Klar geht beim Experimentieren auch mal was schief, es wäre schlimm wenn nicht – Fehler  zu machen ist wichtig.

Kochst Du oft selbst?

Ich versuche, jeden Tag zu kochen. Für mich ist Kochen wie eine Meditation, so wie Yoga für andere. Beim Kochen kann ich entspannen. Und es ist mir wichtig,
zu vermitteln, dass es kein Normalzustand ist, das Essen abends aufzureißen und in die Mikrowelle zu schieben. Viele Kinder bekommen das heute so anerzogen. Es werden sehr viele Fertigprodukte gegessen, obwohl es viele super einfache Rezepte gibt.

Zum Beispiel?

Einfach Kartoffeln in Würfel schneiden, etwas Öl drüber, ein paar Kräuter und ab in den Ofen. Dazu Gemüse. Ich mag Gemüsepfannen, die sind lecker und gehen schnell.

Was ist Dein Lieblingsessen?

Tempeh und Räuchertofu. Ich hätte mir früher nie vorstellen können, dass ich das mal sagen würde. Früher habe ich im Steakhouse das Fleisch ohne Beilage bestellt. Jetzt liebe ich es, einen riesigen Berg mit frischem Gemüse auf dem Teller zu haben. Und Kräuter – ich habe Zitronenthymian entdeckt, der ist ganz toll.

Deine Familie dachte zuerst, das sei nur eine Phase, wie reagiert die Verwandtschaft heute?

Meine Eltern haben das voll und ganz akzeptiert, nachdem die anfängliche Verwirrung weg war. Da fragten sie noch „Und was isst du jetzt? Du fällst uns doch nicht tot um?“ Sie haben dann auch angefangen, im Internet zu recherchieren und zu schauen, was sie kochen können, wenn ich sie besuche – ich muss jetzt nicht nur Beilagen essen. Und dabei haben sie zum Beispiel vegane Aufstriche entdeckt, die ihnen so geschmeckt haben, dass sie sie auch für sich machen. Bei älteren Leuten ist das natürlich schwieriger. Meine Oma würde gern vegan kochen, traut sich aber nicht. Klar, wenn man den Rotkohl 30 Jahre lang mit Schmalz macht, ist es schwierig, das umzudrehen.

Du kochst nicht nur für dich, sondern in deinem Supper Club Mund|Art|Berlin auch für andere. Andere Veganer?

Wir wollten keinen Supper Club für Veganer, sondern für alle Menschen, die sich für gutes Essen interessieren. Im Mittelpunkt steht das tolle Essen, das mit Liebe zubereitet wird, und die Atmosphäre. Die Leute probieren veganes Essen aus, was für uns eine große Chance ist. Wir können zeigen: Hey, man wird satt. Worüber ich mal schmunzelt musste, war ein Gast, der im Voraus zu seinem Nachbarn meinte: „Vielleicht muss ich nachher noch zur Dönerbude.“

Zur Person


Nicole Just ist Wahlberlinerin und Enkelin eines Metzgers. Die 30-Jährige arbeitet im Bereich Web Business Development. Seit 2009 ernährt sie sich vegan, ein Jahr später startete sie ihr Blog vegan-sein.de. Vor einigen Wochen ist bei GU ihr erstes Kochbuch La Veganista erschienen.

La Veganista
192 Seiten
ISBN 9783833833106
GU
16,99 Euro

Mehr dazu:

  [Bilder: GU, René Riis/Gräfe und Unzer]