Valentin virtuell: Romantik in Second Life

Christoph Müller-Stoffels

Gefühle im Computerzeitalter! Das ist kein Widerspruch, sondern Tatsache. Second Life ist voll von lauschigen Plätzen, geschaffen für ein kleines Stelldichein. Wir haben uns ein paar davon angesehen. Fazit: Das Metaversum trieft vor Romantik.



Auf einer Insel bei The Sands treffe ich Sophia. Ihr gehört die Insel, und sie gibt sich alle Mühe, sie nach einem Karibikparadies aussehen zu lassen. Gerade habe ich noch im bereits erwähnten Roman Snow Crash von Neal Stephenson gelesen. Ein Typ lässt sich im dortigen Metaversum massieren. "Von einem Bild kann man sich nicht massieren lassen", denkt sich eine Hauptfigur. "Wozu also der Aufwand?"


Wozu der Aufwand? Diese Frage habe ich mir hier schon des öfteren gestellt. An einem virtuellen Strand spürt man nicht den Sand auf seiner Haut, hat nicht den Geruch des Meeres in der Nase. Mit einem Bild kann man keinen Sex haben. Wozu der Aufwand? Ich frage Sophia, warum sie sich solche Mühe mit ihrer Insel gibt. Die Antwort ist so simpel, dass mir die Luft wegbleibt. "Weil es mein Zuhause ist." Diese Sichtweise ist mir nicht nur neu, ich wäre vorher niemals auf den Gedanken gekommen, dass es diese Sichtweise auch nur im Ansatz geben könnte.

Du musst das hier alles noch weit ernster nehmen, beschwöre ich mich, während ich mich auf die Romantiktour begebe. Secondlife-News.net hat ein paar besonders geeignete Valentinstagsorte vorgestellt, die ich mir ansehen möchte.

Ganz oben auf der Liste steht Aphrodite’s Waterfall (siehe Teaserbild). Hier ist alles auf Valentinstag getrimmt. Überdimensionale Herzen und "I love you"-Bärchen säumen den Weg zu einer heimeligen Grotte, in der eine lauschigen Liege zum schüchternen Stelldichein lädt. Die Selbstbeschreibung des Ortes empfiehlt, den Wasserfall zu erklimmen oder einfach ein romantisches Dinner zu zweit zu veranstalten.

Ehe ich mir zu viele Gedanken ob eines virtuellen Dinners mache, teleportiere ich mich zum nächsten Ort, Melissa’s Rose Garden. Hier kann ich den romantischen Chat eines Avatarpärchens mitverfolgen. Der ist allerdings nur bedingt spannend, denn ER redet darüber, dass er nicht weiß, was er sagen soll, was SIE jeweils sehr knapp bestätigt. Alles wie im richtigen Leben also.

Der Garden of Bliss, der Garten der Glückseligkeit also, verspricht da schon mehr Aufregung, ist er doch "now available for any SL lesbian events". Kurz überlege ich, ob ich eine spontane Geschlechtsumwandlung vornehmen soll, lasse es aber doch. Es wäre auch sinnlos gewesen, denn von Aufregung fehlt jede Spur. Lustwandelnde Lesben suche ich vergebens. Nur im angrenzenden Haus finden sich Bilder von mehr oder weniger bekleideten Frauen. Keine Avatarseele ist in Sicht. Dafür quillt der Garten über von Glühwürmchen und Schmetterlingen, die meiner Grafikkarte zu schaffen machen.

Der letzte Ort auf meiner Liste soll als krönender Abschluss dienen. Schließlich schimpft sich Silver Rose als "possibly the most romantic spot in Second Life". Und tatsächlich treffe ich auf zwei Turteltäubchen, die eifrig die Pixel ineinander schieben. Direkt daneben steht ein Klavier, und so lasse ich es mir nicht nehmen, ihnen ein Ständchen zu bringen. ("Hi, I’m Sam. I play it again!") Auf meinen Hinweis, sie möchten doch bitte den Pianisten bezahlen, gehen sie leider nicht ein. Dabei habe ich mir den Trick letztes Jahr in Indien abgeschaut. Erst eine Arbeit verrichten, um die man nicht gebeten wurde, und dann um eine Vergütung anfragen. Hier klappt es nicht.

Bevor mir die Romantik zu den Ohren hinaus fließt, verlasse ich den von Silber und Rosen geprägten Ort. Da friste ich doch lieber mein SL-Single-Dasein. Ich könnte Sophia besuchen und mir anschauen, ob ihre Insel inzwischen fertig ist. Oder ich könnte mich um meine reale Beziehung kümmern. Schließlich ist heute Valentinstag.