Porträt

Valentin Egel ist 23 – und als Dirigent erfolgreich

Georg Rudiger

"Es ist die schönste Sache, die es überhaupt gibt", sagt Valentin Egel über das Dirigieren. Seit Oktober ist er Chefdirigent beim KHG-Studenten-Sinfonieorchester. Wir waren auf Probebesuch.

Seitenscheitel, Hornbrille, Hemd mit Pullover – man könnte sich Valentin Egel gut vorstellen, wie er in der Universitätsbibliothek über dem Strafgesetzbuch sitzt und Paragraphen büffelt. Aber der 23-jährige Müllheimer studiert keine Gesetzestexte, sondern Partituren. Wie jeden Montagabend steht er vor seinem Orchester im großen Saal der Katholischen Hochschulgemeinde Freiburg in der Wiehre. Vor ihm sitzen etwa sechzig Studenten. Die Stimmung ist konzentriert, aber nicht angespannt.


Dirigieren braucht Körpereinsatz

Am Vorabend war Egel noch in Berlin und dirigierte dort im Kammermusiksaal der Philharmonie ein Symphoniekonzert mit der Jungen Kammerphilharmonie Berlin und dem Solocellisten der Berliner Philharmoniker. Jetzt führt er das KHG-Orchester durch Carl Nielsens Alladin-Suite. Nach wenigen Minuten ist die Frisur zerzaust und der Pullover ausgezogen. Mit ganzem Körpereinsatz und klaren, feinen Bewegungen schlägt er den Takt, fordert mehr Klang, lächelt vor einem Einsatz der Holzbläser.

"Autorität entsteht durch den Informationsvorsprung, den ich in der Probe haben sollte." Valentin Egel
"Ich muss diese Stelle jetzt leider mit euch machen", sagt Valentin Egel zu den Violinen. Beim ersten Durchspielen der schwierigen Passage sind noch viele falsche Töne dabei. Er wählt ein langsameres Tempo, verbreitet Zuversicht und bleibt geduldig. Am Ende sagt er: "Sehr gut, sehr sehr gut!" Valentin Egel lobt viel in dieser Probe, auch wenn auf dem bevorstehenden Probenwochenende noch viel Arbeit wartet. Dass ihm manches noch nicht gefällt, merkt man eher zwischen den Zeilen.

Die meisten der Amateurmusiker sind ähnlich alt wie er, stehen mitten im Studium oder haben gerade damit angefangen. Ein Problem damit hat er nicht. Aber muss nicht ein Dirigent ein echter Chef sein? "Ich habe auch schon ein Orchester dirigiert, in dem 60-Jährige mitgespielt haben. Autorität entsteht durch den Informationsvorsprung, den ich in der Probe haben sollte. Ich versuche zu motivieren, das Positive in den Blick zu nehmen. Heute kommt man als junger Dirigent nicht mehr weit, wenn man die Leute anbrüllt."

Die verbindliche Art kommt auch im Orchester gut an. Ein Hornist lobt neben seiner exzellenten Schlagtechnik auch die gute Probenatmosphäre und Egels Bescheidenheit. Die Probe beendet der Dirigent auf die Minute pünktlich um 22 Uhr. Danach geht es zum Gespräch einen Stock tiefer in die Bar, wo er zwei Weizenbiere aus dem Kühlschrank holt.

Seit Oktober dirigiert er das KHG-Studenten-Sinfonie-Orchester

Chefdirigent des KHG-Sinfonieorchesters ist Valentin Egel seit Oktober. "Wir sind uns schnell nahegekommen. Spätestens seit dem ersten Probenwochenende habe ich das Gefühl, dass die Leute mich verstehen." Er habe ein gutes Orchester in Freiburg gesucht, wo auch sein Freund lebt. Die anstehenden Konzerte mit der fünften Symphonie von Tschaikowsky und der Nielsen-Suite in Hinterzarten und Freiburg sind sein Debüt. Dirigiererfahrung hat er schon eine Menge. Den ersten Preis der mitteldeutschen Musikhochschulen mit dem MDR-Sinfonierochester, den er im Herbst gewonnen hat, erwähnt er erst auf Nachfrage.

Wie überhaupt der jungenhaft wirkende Schlaks, der an der Musikhochschule Weimar studiert und vom Deutschen Musikrat im Dirigentenforum gefördert wird, seine beachtlichen Erfolge eher kleinredet. Aufgewachsen als Jüngster von sieben Geschwistern – ein weiterer Bruder ist vor seiner Geburt bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen – musste er sich nie bewusst für die Musik entscheiden, weil diese zu Hause in Müllheim eine wichtige Rolle spielte. Der Großvater Theodor Egel, der 1943 den Freiburger Bachchor gründete und viele Jahrzehnte leitete, starb ein Jahr vor seiner Geburt, und ist immer noch sehr präsent in der Familie. Als Valentins Vater, der Violinprofessor Thomas Egel-Goldschmidt, im heimischen Wohnzimmer am Klavier sitzt, fragt ihn der Junge: "Darf ich was lernen?" Der vierjährige Bub lernt Klavier und später noch ein bisschen Violine; bereits als Jugendlicher begleitet er den Vater als Pianist bei Konzerten. Seine älteren Geschwister spielen auch alle ein Instrument, gehen aber musikalisch andere Wege: Hip Hop, Funk und auch Musical. "Als Kind hat mich das nie interessiert. Jetzt lass ich mir schon von meinem Bruder gerne etwas vorspielen."

Mit 14 nimmt ihn sein früherer Geigenlehrer Christoph Wyneken mit zu einer Probe des Landesjugendorchesters – zum Zuhören. Am nächsten Tag steht er selbst vor dem Orchester und darf den letzten Satz von Beethovens 5. Symphonie dirigieren. "Das war unglaublich, aber es hat sehr gut funktioniert. Am Schluss gab es dann schon viel Applaus und mein Lehrer meinte: Du musst Dirigent werden!", erinnert er sich. Und was reizt ihn am Dirigieren? "Es ist die schönste Sache, die es überhaupt gibt. Diese nonverbale Kommunikation, wenn ich im Konzert einzelne Musiker anschaue und sie mich: mit dem Wissen, dass wir das Gleiche wollen! Wenn ich Impulse gebe und welche aus dem Orchester bekomme und dann eines dieser vielen großartigen Werke zum Klingen bringen darf – das ist wirklich wunderbar!" Ziele hat er sich keine gesteckt. Er möchte spannende Projekte machen, viel reisen. Oder mal für eine Woche nach Müllheim zurückkommen und das Leben genießen.
Konzerte

  • Hinterzarten, Kurhaus, 1. Februar 2018, 20 Uhr
  • Freiburg, Audimax der Universität, 2. Februar 2018, 19.30 Uhr