VAG-Fahrgasthelfer: Ein Arbeitsbesuch

Lilli Staiger

Markus Bertschin aus Freiburg ist gelernter Gleisarbeiter und sechs Jahre lang arbeitslos gewesen. Seit November 2008 arbeitet er wieder. Die VAG hat dem Hartz-IV-Empfänger einen Job im Fahrgastservice angeboten, Stundenlohn: 1,50 €. Worin seine Arbeit besteht und welche Sprüche er sich manchmal anhören muss, hat er uns erzählt.



Dienstagvormittag, 10.20 Uhr am Siegesdenkmal. Markus Bertschin in Arbeitsmontur. Er sagt: „Ich bin glücklich über diesen Job. Man fühlt sich wieder zu der Arbeitsgesellschaft zugehörig und hat das Gefühl, etwas für andere zu leisten."


Wegen der Baustelle in der Habsburgerstraße ist gerade viel los am Siegesdenkmal. Auch Bertschins Kollege Albert Schaber (3. Foto, rechts), 49 und aus Gottenheim, ist da. Auch Schaber ist Hartz-IV-Empfänger und macht den Job als Maßnahme der Agentur für Arbeit. „Fährt die Bahn jetzt wieder zurück?“, fragt ein junger Mann. Herr Bertschin weist ihn auf die Buslinie 28 hin, den Schienenersatzverkehr.

An der Bushaltestelle begrüßen die beiden einen weiteren Kollegen und eine Kollegin, die einzige Frau des Fahrgastservice in der Innenstadt. Mehrere aussteigende Fahrgäste sprechen das Servicepersonal an. Hauptsächlich fragen sie, wie sie am besten von A nach B kommen.



Der Fahrgastservice ist eine Arbeitsmaßnahme, den man sich im Jahr 2001 im Saarland ausgedacht hat. In Freiburg gibt es den Fahrgastservice seit 2007, jedoch anfangs nur bei der Südbaden Bus GmbH (SBG) und bei der Breisgau S-Bahn (BSB).

Die VAG setzt den Fahrgastservice hauptsächlich an Haltestellen ein. Die Mitarbeiter sollen den Passagieren beim Einstieg helfen, Auskünfte geben und über aktuelle Baustellen, Linien- und Planänderungen informieren.

„Bei Beginn der Tätigkeit schulen wir die Personen zwei Tage lang“, sagt Norbert Hämmerle, der den Fahrgastservice organisiert. „Außerdem haben wir eine monatliche Feedbackrunde. Da informieren wir die Mitarbeiter über aktuelle Baustellen und sonstige Neuerungen.



Die Fahrgastservice-Mitarbeiter müssen einen Rot-Kreuz-Kurs absolvieren, um in Notfällen Erste Hilfe leisten zu können. Sie arbeiten in Schichten zwischen 7 Uhr und 18 Uhr. Der Stundenlohn im Fahrgastservice beträgt 1,50 Euro.



Ich frage Herrn Bertschin, worin seine Arbeit besteht. „Im Grunde sind wir Mädchen für alles. Fahrgäste, Touristen und Passanten sprechen uns wegen den unterschiedlichsten Dingen an. Unsere Hauptaufgabe ist es, den Ein- und Ausstieg zu regeln und Menschen mit Gehhilfen oder Rollstühlen behilflich zu sein. Die Stoßzeit ist an Werktagen natürlich der Schüler- und Berufsverkehr ab 7 Uhr morgens. Da sind wir vor allem am Hauptbahnhof, wenn die Menschenmassen von den Regionalzügen zu den Straßenbahnen stürmen. Im Sommer sind wir vor allem die Touristenauskunft. Von der Frage, wo sich der Schlossberg oder das Münster befindet bis hin zu ,Wo kann man gut essen?' ist alles dabei.“



Während Herr Schaber einer Frau mit Krücken beim Einsteigen hilft, erleichtern die anderen beiden Fahrgasthelfer einem Rollstuhlfahrer und dessen Begleitperson den Einstieg, indem sie die Auffahrrampe des Busses herausklappen.



Wie reagieren die Menschen auf den Fahrgastservice? „Man erntet nicht nur positive Reaktionen“, sagt Bertschin. „Man darf sich öfter die typischen Hartz-IV-Sprüchle anhören. ‚Ihr könnt doch nichts‘ und Ähnliches, das kommt vier bis fünf Mal am Tag vor. Teilweise wird man übel beschimpft. Für manche Fahrgäste sind wir die Blitzableiter. Sie werfen uns an den Kopf, dass man nur blöd rumstehe und nichts tauge. Das kommt vor allem vor, wenn Fahrgäste ihre Bahn verpassen und der Meinung sind, wir seien dafür da, sie aufzuhalten. Andererseits kommen uns vor allem ältere und hilfsbedürftige Leute dankbar entgegen.“

In der Zwischenzeit ist ein weiterer 28er-Bus angekommen. Der Fahrer steigt aus und unterhält sich mit den Service-Arbeitern. „Für uns ist es ein schönes Gefühl, dass die Fahrer uns als vollwertige Kollegen ansehen und respektieren. Wir haben ein gutes Verhältnis zueinander“, sagt Schaber. „Die Fahrer werden durch unsere Arbeit auch entlastet", ergänzt Bertschin.

10.50 Uhr, am Bertoldsbrunnen. Die Kajo füllt sich langsam. Wir stellen uns an die Haltestelle der Linien 2, 3 und 5. Eine Dame im Rollstuhl unterhält sich mit Herrn Schaber. „Teilweise kommen ältere Leute einfach zu uns, um sich zu unterhalten. Diese Frau bleibt manchmal über eine halbe Stunde lang an der Haltestelle und redet mit uns.“



An der Haltestelle spreche ich mit zwei weiteren Fahrgastservice-Arbeitern. Einer von ihnen ist Übersetzer und spricht mehrere Sprachen, der andere spricht fließend Französisch. „Für Touristenauskünfte ist es sehr vorteilhaft, mehrsprachige Personen zu haben“, erläutert Bertschin. Währenddessen nähert sich ein Mann mit bunter Jacke und vollbepacktem Rollator. Die beiden Männer packen mit an.



Als der Mann eingestiegen ist, spricht ein älterer Mann Herrn Bertschin an: „Isch des ä Weldebummler?“ Bertschin antwortet irritiert, aber höflich, dass er den Mann nicht kenne. „Alle Fragen können wir natürlich nicht beantworten, aber wir geben uns Mühe“, entgegnet er mir mit einem Schmunzeln.

   
Zum Schluss frage ich Herrn Bertschin, wie lange er noch im Fahrgastservice tätig sein wird: „Wenn es nach mir ginge, würde ich den Job sehr gerne weiter machen. Ich werde aber ab November mindestens ein halbes Jahr lang aussetzen müssen, das ist vom Arbeitsamt so geregelt. Ich werde mich jetzt wieder bewerben und auf einen neuen Arbeitsplatz hoffen.“