USC-Basketballer Omar Sanneh droht Abschiebung nach Gambia

Jakob Schönhagen

Sanneh spielt seit September beim USC Freiburg. Sein Vater, ein Oppositionspolitiker, hatte ihn ins Ausland geschickt - er sei in seiner Heimat nicht mehr sicher gewesen. Womöglich muss er trotzdem zurück:



Seit März diesen Jahres ist Omar Sanneh aus Gambia in Deutschland, seit September spielt der Aufbauspieler für den USC Freiburg in der zweiten Regionalliga. Sein Antrag auf politisches Asyl läuft seit mehreren Monaten.


Wie lange er noch hier spielen und wohnen darf, ist unsicher. Drei Wochen mit einem außergewöhnlichen 18-Jährigen zwischen Ungewissheit und Hoffnung, auf der Suche nach Normalität und dem Versuch, im Breisgau Fuß zu fassen.

Omar Sanneh hat einen unvergleichlichen Gang. Mit leicht hängenden Schultern, lässig aufgesetzter Kappe schlurft der 18-jährige Gambier zum Café. Das linke Bein zieht er immer etwas nach. Weil das ein alter Bekannter der Familie namens Laity früher auch tat, bekam er in seiner Heimatstadt Brikama schnell diesen Spitznamen.

Seine Augen strahlen in die Freitagabendsonne und er lächelt, wenn er davon erzählt. Sannehs Mimik kann unheimlich viel ausdrücken: Von betrübt über träumerisch, hoffnungsvoll und schüchtern bis traurig und verlegen reichen die Gesichtsausdrücke des jungen Spielers. Sie ändern sich ähnlich oft, wie der Verlauf seiner Geschichte.

Sanneh, 1,86 Meter groß, kommt aus Gambia. Sein Vater ist dort einer der Köpfe der Oppositionspartei United Democratic Party. Mit einer frei agierenden Opposition, geschweige einer funktionierenden Demokratie, ist es in Gambia allerdings nicht weit her.

In Gambia herrscht ein Diktator

Der Präsident Yahya Jammeh ist in Personalunion noch Verteidigungs- und Petroleumsminister und gilt als einer der umstrittensten Diktatoren Afrikas. Kurz nach seiner dritten Wiederwahl 2011, die die westafrikanische Staatengemeinschaft ECOWAS als unfrei und unfair bezeichnete, verkündete Jammeh, er werde noch eine Milliarde Jahre regieren.

Von den Zuständen in seinem Heimatland redet Sanneh nicht. Wenn doch, dann wird seine Stimme brüchig und sein Englisch stockend. Er ist mittlerweile seit mehr als acht Monaten hier, sein Deutsch reicht für den Alltag, bei schwierigen Passagen wechselt er in die Amtssprache seiner Heimat. Nachdem Sanneh im vergangenen Jahr seinen Highschool-Abschluss in der Tasche hatte, half er seinem Vater bei politischen Kampagnen.

Im März setzte ihn sein Vater in einen Flieger, zuerst nach Senegal. "Es war nicht mehr sicher", sagt Sanneh, der zwei Wochen später nach Frankfurt weiterflog. Von dort ging es in die Erstaufnahmestelle nach Karlsruhe, die ihn nach Mannheim schickte. Zufällig wurde er dort der Gemeinde Kirchzarten zugeteilt.

Sein Glück, denn Sanneh ist basketballverrückt. Sein Vater habe ihm als Kind einen Korb in den Hinterhof gestellt. "Ich habe jede freie Sekunde gespielt", sagt Sanneh, der bei den Highschool-Meisterschaften in Gambia zum wertvollsten Spieler (MVP) gewählt wurde.

Im rudimentären gambischen Basketballverband existiert keine aktive Nationalmannschaft, lediglich 1978 stellte das Land ein Team bei der Afrikameisterschaft. An einer 3-3-Afrikameisterschaft nimmt der Verband aber teil. Sanneh war im Sommer 2014 dabei. Er ist begeistert, wenn er davon erzählt.

Gastfamilie in St. Peter

In diesem Sommer meldete sich Sanneh dann beim USC Freiburg. Coach Oliver Mayer erkannte schnell das Talent von "Laity" und integrierte den flinken Aufbauspieler in sein Team, das derzeit in der zweiten Regionalliga gegen den Abstieg kämpft. "Er hatte anfänglich Probleme mit unserem System, da er in Gambia viel auf Freiplätzen gespielt hat", erläutert Mayer, der aber sehr zufrieden mit der Entwicklung des Spielers ist.

Sanneh hat einen weiteren Grund zu strahlen. Karin Cools, die in Kirchzarten Deutschunterricht für Flüchtlinge gibt und Sanneh viel unterstützte, hat den Kontakt zu einer Familie in St. Peter hergestellt. Dort dürfe er noch am heutigen Freitag vorsprechen, strahlt Sanneh zum Abschied. Sein linkes Bein bewegt sich etwas langsamer, als er in die Breisgauer Abendsonne Richtung Bahnhof schlappt.

Vier Tage später kommt die freudige SMS. Es hat geklappt, Sanneh kann bei der Familie wohnen. "Ich habe ein eigenes Zimmer", freut sich der Aufbauspieler, dessen Team am Wochenende eine klare Niederlage gegen Ulm hinnehmen musste. Er ist froh, das Flüchtlingsheim in Kirchzarten gegen das Haus in St. Peter einzutauschen. Er weiß, dass er jederzeit abgeschoben werden kann, dennoch wagt er zu träumen.

"Nächstes Jahr würde ich gerne noch in Freiburg spielen", sagt Sanneh, der im Jahr darauf auf den Sprung in eine Profiliga hofft. "I want to keep the dream alive", flüstert er. Seinen Traum will er sich erhalten. Ob das möglich ist? Präzedenzfälle gibt es, Sport kann tatsächlich Brücken bauen. Der gambische Flüchtling und Fußballer Ousman Manneh beispielsweise hat bei Werder Bremen Fuß gefasst, spielt derzeit für die zweite Mannschaft in der Dritten Liga und darf in Deutschland bleiben.

Nichts geht leicht im Leben

Zwei Wochen später, Sanneh ist weiter viel beschäftigt. Am Wochenende steht das Abstiegsduell gegen Derendingen an. Ein "must-win-game", wie Sanneh sagt. Drei Tage die Woche trainiert er mit der Mannschaft, in der er viele Freunde gefunden hat.

Zusätzlich besucht er jeden Morgen einen vierstündigen Sprachkurs bei der Caritas in Freiburg. Seit vergangener Woche hat er zudem einen Minijob in einem Restaurant in Kirchzarten. "Ich bin begeistert, dass sich jemand so reinhängt und an sich arbeitet", schwärmt Karin Cools.

Ihre Stimme verdunkelt sich, wenn sie über die Erfolgsaussichten von Sannehs Antrag auf politisches Asyl spricht. Von den 2014 eingereisten Gambiern durften laut des Bundesamts für Migration lediglich zwei Prozent in Deutschland bleiben.

So wird geurteilt, wenn ein Land nicht von Bürgerkriegen erschüttert ist. Omar Sannehs Traum vom Profibasketball in Deutschland kann jeden Tag vorbei sein. Seinen Laity-Laufstil könnten Basketballfans, aber auch die neuen Freunde im Breisgau dann nicht mehr beobachten.

Trotz den düsteren Aussichten macht er weiter, auch nach der 65:71-Niederlage gegen Derendingen. Jede Woche findet er sich besser zurecht. Er pendelt täglich mehrmals zwischen Deutschunterricht in Freiburg, der deutschen Heimat in St. Peter, seinem neuen Job in Kirchzarten und dem Basketballtraining in Freiburg. Für ihn ist das selbstverständlich, er hat ein Credo: "Nothing comes easily, man."

Nichts geht leicht im Leben.

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[Foto: Patrick Seeger]