US-Deserteur: Von einem, der sich weigerte, jedem Befehl Folge zu leisten

Philip Hehn

André Shepherd, 31, ist ein amerikanischer Soldat, der desertiert ist. 2008 hat er in Deutschland Asyl beantragt, momentan wohnt er in einem Asylantenheim in Baden. Im großen fudder-Interview spricht er darüber, warum er im Irak kein Teil mehr sein wollte vom "War on Terror" und mit welchen Problemen er heute zu kämpfen hat. Lang, aber lesenswert.



Zur Person

André Shepherd, 31, ist ausgebildeter Mechaniker für Apache-Kampfhubschrauber. In den Jahren 2004/05 wurde er im Irak eingesetzt. 2007 desertiert er. 2008 beantragte er in Deutschland Asyl. Das Verfahren ist derzeit anhängig, Ende des Jahres soll voraussichtlich darüber entschieden werden. Shepherd wohnt in einem Asylantenheim im Badischen.



Herr Shepherd, Sie waren 26, als Sie Anfang 2004 in die Armee eingetreten sind. Wie kam das?

Aus wirtschaftlichen Gründen. Ich war in drei Jahren zweimal obdachlos gewesen und hatte genug davon. Ich war auf der Suche nach einer Möglichkeit, mein Leben neu anzufangen, einen anständigen Job zu bekommen und mein eigenes Haus kaufen zu können.

Würden Sie sagen, dass es ein letzter Ausweg für Sie war?

Zwischen meinem ersten Kontakt mit der Rekrutierungsstelle und meinem Eintritt in die Armee vergingen sechs Monate, weil ich in dieser Zeit versuchte, aus eigener Kraft mein Leben in die richtige Richtung zu lenken. Ich wusste ja, dass das Militär sehr rigide ist, und da ich ein freiheitsliebender Mensch bin, würde es ein radikaler Wechsel für mich sein. Ich wollte diesen Schritt nicht gehen, wenn es nicht absolut nötig ist.



Wie viele Leute treten aus solchen Gründen ins Militär ein?

Über 50 Prozent der Rekruten sind meiner Meinung nach derzeit Arme oder Minderheiten, also Schwarze, Indigene oder Latinos. Ich habe auch gelesen, dass versucht wird, Leute aus Afrika mit einem Sondervisum anzulocken. Ich sehe die amerikanische Armee als eine Art Söldnerarmee für Arme, für Leute, die in die Armee eintreten, weil sie müssen, und nicht, weil sie wollen.

Und wie haben Sie damals den Irakkrieg gesehen? Ihnen war bewusst, dass Sie im Irak eingesetzt werden würden, richtig?

Ja, das wusste ich. Aber in den amerikanischen Medien wurde damals die Situation so dargestellt, dass der Krieg gerechtfertigt sei und dass der Irak eine Bedrohung für die USA darstelle. Die Medien waren daran beteiligt, die amerikanische Bevölkerung zu belügen, wie wir heute wissen. Wenn wir damals gewusst hätten, dass der Krieg von Bush aus irgendwelchen persönlichen Gründen angefangen worden war, wären ich, und ich bin mir sicher, viele tausend andere, nicht in die Armee eingetreten.



Würden Sie sagen, dass Sie durch diese Erfahrung mit den amerikanischen Politikern und Medien desillusioniert sind?

Ja. Die Politiker tragen natürlich die Hauptverantwortung, aber die Medien haben ihnen sehr geholfen. Die Rekrutierungsstelle sagte, dass wir den Terrorismus bekämpfen, aber sie haben nicht gesagt, dass wir Zivilisten töten und ganze Städte zerstören. Die Amerikaner hatten das Bild, dass ihr Militär so etwas seit der Erfahrung in Vietnam nicht mehr tun würde. So hatten wir uns den „American Way“ nicht vorgestellt.

Wie hat Sie die Erfahrung in der Armee verändert?

Auf verschiedenen Ebenen. Ich denke jetzt wesentlich mehr über Politik nach. Ich bin misstrauischer geworden, weniger bereit, Aussagen einfach zu akzeptieren. Damals war ich naiv. Heute überprüfe ich Nachrichten gerne zweimal, um sicherzugehen, dass die Informationen zutreffen. Auch bei Verträgen bin ich jetzt vorsichtiger. In Amerika gibt es die Vorstellung: wenn man bei der Armee unterschreibt, hat man sich unterzuordnen und seine Befehle zu befolgen. Heute denke ich, dass ich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in die Armee eingetreten bin und der Vertrag damit nichtig ist. Ich bin nicht bereit, mein Leben oder das eines Irakers oder Afghanen für einen Haufen Lügen zu gefährden.



Viele Amerikaner sehen das ja sehr anders. Ich habe mir Ihre Videos auf Youtube angesehen, und mir ist aufgefallen, dass die Kommentare teilweise hasserfüllt sind. Lesen Sie diese Kommentare?

Ja. Ich habe den Eindruck, dass die meisten Leute eines von zwei Argumenten verwenden. Erstens das bereits erwähnte, dass ich meinen Vertrag mit der Armee verletzt habe. Zweitens nennen sie mich einen Feigling, was aus mehreren Gründen Unsinn ist. Erstens bin ich freiwillig in den Krieg gezogen und saß ein halbes Jahr auf einer Basis, die von zwanzig Mörsergranaten am Tag getroffen wurde. Zweitens stelle ich mich jetzt offen gegen eine der mächtigsten Regierungen der Welt und sage ihr, dass sie im Unrecht ist, was auch Mut erfordert. Achtzig Prozent der negativen Kommentierer sind nicht bereit, einzugestehen, dass Amerika seine Grenzen überschritten und sich als imperiale Macht gebärdet hat.



Wann haben Sie angefangen, über Desertion nachzudenken?

Die Entscheidung fiel Anfang 2007, als die neuen Einsatzbefehle kamen. Zu diesem Zeitpunkt war ich als Schreibkraft beschäftigt, weil auf der Basis in Deutschland keine Apaches zu warten waren. Mir wurde zunächst gesagt, dass ich als Schreibkraft in Deutschland bleiben könnte, aber dann änderte sich das und ich stand vor der Entscheidung, entweder gezwungen zu werden, in den Irak zu gehen oder die Armee zu verlassen.

Sie geben eine Menge Interviews und beteiligen sich an Veranstaltungen wie der in Freiburg am 14. März. Sind Sie ein Friedensaktivist?

Definitiv, derzeit aber eher in Teilzeit. Ich arbeite mit verschiedenen Organisationen zusammen, um meine Botschaft zu verbreiten, weil mich das Thema Irak sehr negativ betroffen hat. Natürlich nicht so negativ wie einige der Iraker, mit denen ich im Asylantenwohnheim zusammenlebe. Aber Leute wie ich und andere Soldaten, die desertieren oder mit posttraumatischer Belastungsstörung zurückkommen oder Körperteile verlieren, sind definitiv ebenfalls Betroffene. Es ist wichtig, ein realistisches Bild des Krieges zu vermitteln, weil der Krieg so weit weg ist und die Berichterstattung nicht so ausfällt wie in Vietnam, wo ein realistischeres Bild des Krieges vermittelt wurde. Die Medien zeigen meistenteils eine saubere Version des Krieges. Niemand versteht wirklich, wie es ist. Die Leute denken, es sei wie ein Computerspiel.



Haben Sie Kontakt mit Kameraden?

Nicht wirklich. Soweit ich weiß, geht das Militär ziemlich hart gegen Soldaten vor, die mit sogenannten Verrätern in Kontakt stehen. Ich will den Leuten aus meiner Einheit nicht mehr Ärger bereiten, als sie schon haben. Ich weiß nicht, ob sie wegen meiner Desertion Ärger bekommen haben. Ich habe keinerlei Probleme mit den anderen Soldaten oder dem Militär im Allgemeinen. Das Militär kann nur tun, was Washington ihm befiehlt. Wenn Leute den Befehl befolgen, da runter zu gehen, sei es, weil sie ihre Familie ernähren müssen oder weil sie den Leuten da unten helfen möchten, ist das ihre Wahl. Jeder muss seine Entscheidung selbst treffen.



Wie viele Soldaten haben genug vom Krieg? Wie viele Soldaten ziehen in Erwägung, zu desertieren und wie viele hoffen, dass Obama den Krieg schnell beenden wird?

Das kann ich nicht sicher sagen. Viele Soldaten haben nach sechs Jahren genug vom Krieg. Sie gehen in den Einsatz, riskieren ihr Leben, lassen ihre Familie zurück, verlieren Jahre ihres Lebens für einen Krieg, den die USA nie hätten anfangen sollen. Über 40.000 Soldaten sind bereits desertiert. Sie verstecken sich in den USA, in Kanada und Deutschland, vielleicht ein paar in Korea. Obama hat bisher nichts getan, als den Krieg in Afghanistan zu eskalieren. Es gibt keine Pläne, alle Kampftruppen aus dem Irak abzuziehen. 50.000 werden bleiben müssen. Und seine Aktionen im Irak werden eine erneute Eskalation zur Folge haben. In den vergangenen zwei Wochen hat es bereits massive Anschläge gegeben.



Was denken Sie über Obamas Reaktion in Bezug auf den amerikanischen Folterskandal?

Ich finde sie widerlich. Es kann hier keine Kompromisse geben. Er weiß, dass nicht nur internationales Recht, sondern auch unsere eigenen Gesetze in Bezug auf Folter bewusst gebrochen wurden. Er hätte nach seinem Amtsantritt sofort die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen lassen müssen. Anstelle dessen sagt er, Amerika müsse nach vorne blicken. Aber wir können nicht nach vorne schauen, solange wir diesen Schandfleck nicht beseitigt haben. Wenn Amerika ernst genommen werden will, muss es zuerst bei sich daheim aufräumen. Und der Internationale Strafgerichtshof kann nichts unternehmen, weil die USA ihm nicht beigetreten sind und sogar den sogenannten Hague Invasion Act verabschiedet haben. Das ist lächerlich. Ich kann keine Regierung unterstützen, die diesen Wahnsinn fortführt.



Sie wurden von einer ganzen Reihe wichtiger deutscher Zeitungen interviewt. Wie erklären Sie sich dieses große Interesse?

Dieser Fall ist sehr wichtig, weil er die deutsch-amerikanischen Beziehungen belasten kann. Deutschland und die USA haben sehr enge Beziehungen und sollte Deutschland mir Recht geben und Asyl gewähren, wäre das eindeutig ein Affront gegen die USA, weil es den gesamten „War on Terror“ in Frage stellt. Die wichtige Frage für die Allgemeinheit ist weniger, warum ich das Militär verlassen habe, sondern eher, ob der „War on Terror“ legal ist. Wenn ein deutsches Gericht entscheidet: „Okay, dieser Typ hat recht“, dann hat Amerika ein Problem.



Wie reagieren Deutsche, mit denen Sie sich unterhalten?

Meine Erfahrung mit den Deutschen war überwältigend positiv. Praktisch jede Person, mit der ich gesprochen habe, unterstützt das, was ich getan habe. Sie verstehen, dass Soldaten keinen Einfluss darauf haben, was die amerikanische Regierung tut, und sie sind froh, zu sehen, dass Soldaten sich gegen ihre Regierung stellen und die Konsequenzen in Kauf nehmen. Wir Deserteure sagen praktisch unserem Heimatland, dass wir ihm nicht länger folgen können und lassen dabei Familie, Freunde und Erinnerungen zurück. Uns wurden in der Schule gewisse Werte beigebracht, und es ist schade, dass wir uns gegen unsere Regierung stellen müssen, um diesen Werten Geltung zu verschaffen.



Wie leben Sie in Deutschland? Wie war es während der Zeit zwischen der Desertion und dem Aslyantrag, wie ist es jetzt und was sind Ihre Zukunftspläne?

Zwischen 2007 und 2008 lebte ich für 19 Monate mit ein paar guten Freunden nahe der österreichischen Grenze. Ich hatte sie kennengelernt, als ich noch in der Armee war, und sie haben mir nach meiner Desertion mit Essen und einer Unterkunft ausgeholfen. Sie haben mir auch geholfen, den Asylantrag auf die Beine zu stellen. Es war eine sehr einsame Zeit, weil ich wegen Homeland Security und dem Patriot Act Angst hatte, Kontakt mit meiner Familie aufzunehmen. Jetzt ist es einfacher. Aber ich habe zu wenig Geld, um mehr als einmal im Monat mit ihnen zu reden. In Zukunft möchte ich an einer deutschen Universität mein Informatikstudium abschließen und mich mit Robotik und künstlicher Intelligenz beschäftigen und irgendwann eine eigene Firma gründen.

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