Neunter Prozesstag

Urteil im Mordprozess Maria L. voraussichtlich erst 2018

Joachim Röderer

Der Prozess gegen Hussein K. im Mordfall Maria L. geht weiter. Am neunten Tag werden Zeugen aus dem Umfeld und ein toxikologischer Sachverständiger befragt. Staatsanwalt und Verteidiger sprechen offensichtliche Fehler in der Betreuung an.

Nachtrag, 12.30 Uhr: Am Ende des neunten Prozesstages rät Oberstaatsanwalt Eckart Berger dem Gericht, "den Prozess zu entschleunigen". Der Grund: Es laufen noch Rechtshilfeersuchen mit Griechenland. So soll der Mordversuch an einer Studentin, für den Hussein K. auf Korfu ins Gefängnis kam, auch in Freiburg eine Rolle spielen. Dazu sollen griechische Ermittler vor dem Landgericht aussagen.


Auch die griechische Gefangenenakte von Hussein K. wurde angefordert. Sie soll übersandt und dann übersetzt werden. Was weitere Zeit kostet. Kurzum: Der Terminplan für den Prozess muss erweitert werden. Damit ist es sehr unwahrscheinlich, dass – wie bislang vorgesehen – am 8. Dezember das Urteil gesprochen wird. Auch Verteidiger Sebastian Glathe will weitere Zeugen laden lassen. Er geht fest davon aus, dass sich der Prozess bis ins Jahr 2018 hinziehen wird.
Für heute ist die Sitzung beendet. Am 7. November geht die Verhandlung weiter mit Sitzungstag zehn.

11.30 Uhr: Als erster Sachverständiger im Prozess sagt Professor Volker Auwärter aus. Er arbeitet in der Rechtsmedizin der Uni Freiburg als forensischer Toxikologe. Er hat Proben mit Kopf- und Beinhaaren des Angeklagten analysiert, die am 3. Dezember genommen worden waren. Dabei wurden Wirkstoffe gefunden, die darauf hinweisen, dass Hussein K. Cannabis "häufig und in größerer Quantität" konsumiert hat. Das entspreche einem täglichen oder nahezu täglichen Konsum, so Auwärter auf Nachfrage des Verteidigers. Tendenziell habe der Konsum in den Monaten vor Entnahme der Probe zugenommen. Die Experten fanden auch Restspuren von Heroin und, in sehr geringer Menge, von Kokain, so Auwärter vor Gericht. Die Kopfhaarprobe lasse Rückschlüsse auf die vorangegangenen vier Monate zu, die Beinhaarprobe auf die sechs vorherigen Monate. Die gefundene Restmenge der Heroin-Wirkstoffe lasse auf einen allenfalls gelegentlichen Konsum schließen.

Was die Wirkstoffe anbelangt, aus denen sich der Alkoholkosum ablesen lässt, gibt es keine eindeutigen Aussagen. Die gemessenen Werte lägen im Bereich eines Normaltrinkers, der Alkohol zwei bis drei Mal pro Woche konsumiert. "Das spricht gegen den exzessiven Konsum harter Alkohika", so Auwärter. Trotzdem könne es gelegentlich zu solch exzessivem Konsum gekommen sein.

Was könnte der Cannabis-Konsum für Auswirkungen gehabt haben, fragt Richterin Kathrin Schenk. Darauf kann der Gutachter keine Antwort geben. Denn die Einschätzung hänge von der Gewöhnung des Konsumenten, der Qualität des Stoffes und der Art des Rauchens und Inhallierens ab. Grammwerte würden wenig aussagen, so der Sachverständige. Und auch eine Rückrechnung sei wenig sinnvoll.

Was bewirkt Mischkonsum von Cannabis und Alkohol, will Verteidiger Glathe wissen. Es gebe "bestimmte Verstärkungsmechanismen", antwortet der Sachverständige. Aber es sei schwer vorhersagbar – manche würden müde, andere aufgekratzt.
Das Gericht macht eine halbstündige Pause. Danach wird der toxikologische Sachverständige gehört.

10.30 Uhr: Unmittelbar vor der Pause gibt auch Verteidiger Sebastian Glathe eine Erklärung zur viel diskutierten Betreuungssituation von Hussein K. ab. "Die Verteidigung sieht weiteren Aufklärungsbedarf", kommentiert Glathe die BZ-Recherchen, wonach die Pflegefamilie S. in Ebnet gar keine behördliche Genehmigung für die Betreuung minderjähriger Flüchtlinge hatte. Dass junge Flüchtlinge bei der Ankunft falsche Angaben machten, sei – wie Aussagen ergeben hätten – eher die Regel. Das ändere nichts an der notwendigen Betreuung und bei der habe es "erhebliche Mängel" gegeben, so der Verteidiger.

10.00 Uhr: Als erster Zeuge sagt ein irakischer Kurde und damit ein weiterer Bekannter des Angeklagten aus. Es geht – wieder einmal – vornehmlich um Fragen zum Konsum von Alkohol und Drogen bei den Treffen, etwa im Colombipark. Man habe sich nicht oft getroffen, so der Zeuge. "Ich wusste nur, dass er Alkohol trinkt und Drogen nimmt." Betrunken habe er ihn nie erlebt. Viel Erinnerung hat der Zeuge an die gemeinsamen Abende nicht mehr: "Ich habe viel Arbeit und viele Probleme, da vergisst man vieles", begründet er seine Gedächtnislücken.

Bei der Polizei hatte der Zeuge ausgesagt, dass er mit Hussein K. auch über dessen Alter gesprochen habe. "Er hat mir gesagt, er ist 17 Jahre alt", so seine Aussage. Daran konnte sich der junge Iraker nun jedoch auf Nachfrage der Richterin nicht mehr erinnern. Auch bei vielen weiteren Nachfragen überwiegen eindeutig die Gedächtnislücken. Die Zeugenaussage ist darum auch vergleichsweise schnell beendet

9.30 Uhr: Der neunte Prozesstag beginnt mit einer Erklärung von Oberstaatsanwalt Eckart Berger. Dabei geht es um offensichtliche Fehler bei den Genehmigungen für die Betreuung des Angeklagten in Jugendhilfeeinrichtungen. Die Verteidigung, so Berger, habe durch die Befragung von Zeugen aus dem Umfeld von Hussein K. den Eindruck erwecken wollen, dass der Angeklagte nicht richtig betreut worden sei.

"Er war nicht unterversorgt." Eckart Berger
Für die Staatsanwaltschaft spielt diese Frage aber im Verfahren und für die Tat selbst keine Rolle: Denn Hussein K. sei über 18 Jahre alt gewesen. "Es geht nur darum, ob er bei der Tat Heranwachsender war", so Berger. Das heißt: Ob er am 16. Oktober vergangenen Jahres 21 Jahre oder älter war. "Er war nicht unterversorgt", erklärt Berger. In die Obhut der Jugendhilfe sei er nur "wegen von Anfang erlogener Angaben gekommen." Hussein K. hatte sich bei der Ankunft in Freiburg als 16-Jähriger ausgegeben. Das hatten ihm die Behörden so auch geglaubt – ohne nähere Nachprüfung.
Hintergrund: Hussein K. hätte überhaupt nicht bei seiner Pflegefamilie wohnen dürfen. Der private Jugendhilfeträger Wiese hat erst nach dessen Festnahme eine Genehmigung für betreutes Jugendwohnen beantragt – nur eines von mehreren Versäumnissen. Mehr dazu hier. (BZ Plus)

Vorschau

Am heutigen Donnerstag geht der Prozess gegen Hussein K. weiter. Aussagen soll zunächst ein weiterer Zeuge aus dessen Umfeld. Die für Mittwoch geladenen Polizeibeamten sollen Mitte November vernommen werden. Wegen der Verzögerungen wird die Kammer um zusätzliche Gerichtstermine nicht herumkommen.

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