Landgericht Freiburg

Urteil im Fall Maria: 6 Jahre Gefängnis für Bernhard H. – keine Sicherungsverwahrung

Lisa Böttinger, Theresa Steudel & dpa

Der Begleiter von Maria H. aus Freiburg muss für sechs Jahre ins Gefängnis. Das Landgericht Freiburg verurteilt den 58-Jährigen wegen schwerer Entziehung Minderjähriger und sexuellen Missbrauchs in mehr als 100 Fällen.

Im Fall der entführten und jahrelang verschwundenen Maria H. muss der Angeklagte Bernhard H. für sechs Jahre ins Gefängnis. Er wird wegen schwerer Entziehung Minderjähriger und des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern in mehreren Fällen verurteilt. Er muss Maria H.s Mutter Monika H. Schmerzensgeld zahlen und die Kosten ihrer Verfahren sowie seines eigenen tragen.


Der Vorsitzende Richter Arne Wiemann spricht von einem besonderen Fall. "Es geht um eine strafrechtliche Aufarbeitung der Beziehung eines rund 40 Jahre älteren Mannes und eines bei Erstkontakt zwölf Jahre alten Mädchens über den Zeitraum von sechs Jahren." Maria H. und Bernhard H. seien gemeinsam untergetaucht und hätten zusammen im Ausland gelebt. Mit den sexuellen Handlungen sei Maria H. einverstanden gewesen, so das Gericht.

Für den Angeklagten spreche sein Geständnis - wenn auch nicht von Reue getragen - und dass er nicht vorbestraft ist. Die Kammer muss eingestehen, dass es sich zumindest in Teilen um eine geistige Beziehung handelte. Maria H. mache glücklicherweise einen derzeit stabilen Eindruck.

Andererseits habe der "egozentrische Angeklagte" einfach beiseitegeschoben, dass es sich um ein Kind handelte, das Schuldgefühle entwickelte, "obwohl jegliches Verschulden allein beim erwachsenen Angeklagten liegt", so der Richter. Der Angeklagte ging mit ungeschütztem Geschlechtsverkehr zudem das Risiko einer Schwangerschaft von Maria H. ein. Das Gericht weist außerdem auf die psychische Verfassung der Mutter Monika H. hin, die monatelang um ihre Tochter bangen musste. Das Schmerzensgeld, das Bernhard H. ihr zahlen muss, wird in einem späteren Verfahren beziffert.

Voraussetzungen für eine Sicherungsverwahrung sieht die Kammer nicht

Der Angeklagte habe, was sexuelle Handlungen angeht, ein Geständnis abgelegt. Auch Maria H. habe umfassende Aussagen gemacht und geschilderte Sachverhalte bestätigt, nachdem sie den Angeklagten in ihrer ersten polizeilichen Aussage 2018 geschützt hatte. Die Zeugin habe immer wieder deutlichgemacht, dass der Angeklagte nie gegen ihren Willen oder mit Zwang sexuelle Handlungen vollzogen hätte. Das Gericht nehme Bernhard H. aber nicht ab, dass es sich um nur geistige Verbindung gehandelt haben soll.

Dagegen spreche, dass er schon kurz nach dem ersten Kontakt "verbotene Dinge" vorgeschlagen habe. Das Gericht sei überzeugt, dass es ihm von Anfang an darauf angekommen sei, sie von ihrer Mutter zu entfernen. Er habe ein Mutterfeindbild aufgebaut und bei allen familiären Auseinandersetzungen Partei ergriffen. Sobald sie untertauchten, sei Maria jedoch voll von ihm abhängig gewesen. Das von ihr so gesehene gleichberechtigte Verhältnis zwischen den beiden sei umgeschlagen, auch wenn das Gericht davon ausgeht, dass das gemeinsame Untertauchen spontan und von beiden gewollt war. Die Kammer schließt aber aus, dass die familiären Verhältnisse Maria H.s ein Fluchtauslöser waren.

Es gebe zweifelsfrei eine schwere Entziehung Minderjähriger mit der konkreten Gefahr der seelischen Schädigung in der Entwicklung von Maria H., so der Vorsitzende Richter. Dass sie bei einer von ihr gewollten Flucht nur geschützt wurde, glaube das Gericht nicht. Hätte sich der Angeklagte verantwortungsvoll verhalten, hätte er Maria H. nach Hause gebracht. Stattdessen habe er jedoch alles dafür getan, dass es zu einer dauerhaften Trennung kommt. "Denn darauf kam es ihm an", so der Richter. Bernhard H. habe sich ihr so dauerhaft sexuell nähern können. Bis heute zeige er sich nicht reuevoll und beteuert, dass er Maria H. liebe. Laut eines Sachverständigen habe er aber keine pädophile Neigung.

Teile des Prozesses in Freiburg fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrem Plädoyer sieben Jahre und drei Monate Haft gefordert – sowie die anschließende Sicherheitsverwahrung. Die Verteidigung wollte ihre Strafmaßforderung nicht bekanntgeben.

Rückblick

Ende Februar 2019 hatte die Staatsanwaltschaft Klage im Fall Maria H. eingereicht. Die Tatvorwürfe gegen den zu diesem Zeitpunkt 58-Jährigen: "schwere Entziehung einer Minderjährigen, sexueller Missbrauch von Kindern in drei Fällen, schwerer sexueller Missbrauch von Kindern in 105 Fällen, davon in 98 Fällen in Tateinheit mit sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen".

Am vorletzten Prozesstag, dem 28. Juni 2019, an dem unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Plädoyers gehalten wurden, hatte die Staatsanwaltschaft für Bernhard H. sieben Jahre und drei Monate Gefängnis sowie anschließende Sicherungsverwahrung gefordert.

Zu den Tatvorwürfen wurde Bernhard H. am ersten Prozesstag ohne Publikum und Presse befragt, lediglich die Angaben zu seinem bisherigen Lebenslauf machte er öffentlich. Staatsanwältin Nikola Novak fasste zusammen, wie es zum Kontakt zwischen H. und der Schülerin Maria kam. Ihren Ausführungen zufolge soll Bernhard H. die einzige Bezugsperson von Maria H. gewesen sein. Maria H. selbst sagte am zweiten Prozesstag am Freiburger Landgericht umfassend aus – allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Sie bat sogar ihre eigene Mutter aus dem Saal.

Diese gab an, Maria habe bei ihr in einer "ganz normalen Familie" gelebt. Zwei ältere Halbschwestern Marias zeichneten vor Gericht ein ganz anderes Bild. Warum genau die Freiburger Schülerin Maria H. drei Wochen vor ihrem 13. Geburtstag von zuhause verschwand und was im Detail geschah, bleibt im Detail unklar.

Der Fall Maria H.

1944 Tage – so lange war ihre Tochter verschwunden, schreibt Maria H.s Mutter Monika B. am 31. August 2018 auf ihre Facebook-Seite. An jenem Tag postete sie die rettende Meldung: "Maria ist seit letzter Nacht wieder zuhause."
Rückblick auf eine verzweifelte Suche (2013): Vermisstenfall Maria – wie geht die Mutter mit der Situation um?

Seit dem 4. Mai 2013 galt die damals 13-jährige Freiburgerin Maria H. als vermisst. Der Fall hatte weit über Freiburg und die deutsche Grenze hinaus Wellen geschlagen: Die junge Frau soll sich mit dem damals 53-jährigen Bernhard H. aus Blomberg in Nordrhein-Westfalen abgesetzt haben. Sie und der Mann sollen sich im Internet über Facebook etwa ein Jahr vor Marias Verschwinden kennengelernt haben. Die beiden waren jahrelang untergetaucht, die Umstände waren auch der Polizei nicht klar. Jahrelang suchte sie nach dem vermissten Teenager.

Nachdem Maria H. sich im August 2018 aus Mailand über Facebook bei ihrer Familie meldet, spricht sie wenig später auch über ihre Zeit mit Bernhard H. Im Interview mit dem Sender RTL im November 2018 gibt sie nicht an, ob H. sie missbraucht hat – sagt aber, dass sie sich als Opfer fühle. Kurz vor Prozessbeginn am 8. Mai 2019 wird bekannt, dass gegen Bernhard H. bereits 2012 ermittelt worden war: Er hatte mit der damals elfjährigen Maria H. Kontakt aufgenommen, bei Treffen in Freiburg soll er bereits damals mit der Schülerin intim geworden sein. Seine Ehefrau hatte ihn 2012 beim Chatten mit dem Mädchen erwischt und angezeigt. Im Prozess 2019 sollte auch die Stieftochter des Angeklagten vernommen werden – auch sie soll er möglicherweise missbraucht haben. Sie war als wichtige Zeugin zum Prozess geladen, sollte für ihre Aussage per Video zugeschaltet werden. Zu der Vernehmung kam es nicht: Die Frau war bei zwei Versuchen jeweils wegen einer Panikattacke kollabiert.

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