Elfter Prozesstag

Wie lief der Angriff auf Maria L. ab? Sachverständiger widerspricht Geständnis von Hussein K.

Joachim Röderer

Wie hat der Angeklagte Hussein K. sein Opfer Maria L. an der Dreisam angegriffen? Sachverständige versuchten, diese Frage am elften Prozesstag zu klären. Eins steht fest: Ein Urteil wird frühestens im März 2018 gefällt.

Erneute Verlängerung des Prozesses

12.40 Uhr Mit seiner Aussage endet der elfte Verhandlungstag. Die Verhandlung wird am kommenden Dienstag fortgesetzt. Richterin Kathrin Schenk hat nun noch die Termine von neun zusätzlichen Sitzungstagen bekanntgegeben. Das Urteil könnte demnach am 12.März 2018 fallen – also mehr als drei Monate später als ursprünglich vorgesehen.

Wie liefen die Ermittlungen am Tatort ab?

12.30 Uhr Nun kommt der kriminaltechnische Hauptsachbearbeiter in den Zeugenstand. Der 42 Jahre alte Kriminaloberkommissar hat am Morgen nach der Tat die Spuren am Tatort gesichert. Dabei wurden die Verletzungen am Opfer dokumentiert - unter anderem Hämatome und Bisswunden. Im Bereich des Tatorts wurden Gegenstände eingesammelt, bei denen die Ermittler einen Zusammenhang mit der Tat vermuteten. Und auch der Bewuchs der Brombeerhecke, durch die eine Schneise ging, war abgeschnitten und in Säcke verpackt worden, schildert der Zeuge. Er erläutert am Richtertisch anhand von Übersichts- und Detailfotos die Situation am Tatort. Die Ermittler erweiterten schließlich den Bereich, der abgesucht wurde, bis zur Schwarzwaldstraße zur Ebneter Nepomukbrücke. Dort fanden sie dann das dort abgestellte violette Damenrad, das der Angeklagte in der Nacht benutzt hatte.

Ablauf des Angriffs auf Maria

12.15 Uhr Noch einmal zusammengefasst schildert der Gutachter den aus seiner Sicht wahrscheinlichen Ablauf des Angriffs so: Hussein K. trat wohl von der Dreisam her auf den Uferradweg und Maria L. in den Weg. Die 19-Jährige hat offenbar noch versucht, ihm auszuweichen; deswegen kam es zum Kontakt wohl erst auf dem rechten Grasstreifen neben dem Radweg; K. griff ihr in den Lenker. Bedingt durch die Geschwindigkeit des Rades wurde Maria L. mit dem Rad gegen den Zaun gedrückt.

Eine Kernfrage: Wie lief der Angriff auf Maria ab?

11 Uhr Ein weiterer wichtiger Punkt: Beim Fahrrad von Maria L. war bei gerader Lenkerstellung das Vorderrad um 55 Grad nach links verschoben, also gegen den Uhrzeigersinn. Das muss, so die Feststellung des Gutachters, beim Angriff durch den Täter passiert sein.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie es zu dieser Beschädigung am Rad gekommen ist. Auf jeden Fall hat es dafür eine größere Krafteinwirkung gebraucht; auch das haben Versuche ergeben. Löhle nutzte zunächst das Original-Fahrrad von Maria L. und später für weitere Experimente ein Rad des baugleichen Typs: "Das haben wir dabei vollständig demoliert", berichtet er. Löhle erläutert seine Thesen den Verfahrensbeteiligten vorne am Richtertisch anhand von Fotos. Zunächst sind nicht alle Details davon im Zuhörerraum mitzubekommen. Der Angeklagte bleibt mit dem Dolmetscher an seinem Platz sitzen.

Für die Lenkerverformung gibt es verschiedene Möglichkeiten. Sachverständiger Löhle hat, wie er sagt, alle diese Möglichkeiten auch hier mit Versuchen durchexerziert. Für ihn die wahrscheinlichste Variante: Der Angreifer stellt sich in den Weg und greift Maria L. in den Lenker. Sie versucht noch auszuweichen, er macht die Bewegung mit, Durch die vorhandene Eigengeschwindigkeit plus die plötzliche Fixierung des Lenkers verdreht sich dieser um eben jene 55 Grad.

Diese Variante würde bedeuten: Hussein K. müsste auf oder unmittelbar neben dem Radweg gestanden haben - und hätte somit - Stichwort Vollmondnacht und eingeschaltete Straßenbeleuchtung - wohl erkennen können, dass sich eine Frau nähert.

Diese Frage könnte mitentscheidend für die Frage sein, ob die Tat rechtlich als Mord zu bewerten ist, oder nicht. Hussein K . hatte nämlich am zweiten Prozesstag ausgesagt, dass er am Boden gesessen sei und dann gegen das Rad getreten habe - eben ohne zu sehen, wer dieses fährt. Bei dieser Variante hätten sich aber im Normalfall bei Maria L. entsprechende Verletzungen finden müssen und entsprechende Schäden am Rad, sagt Gutachter Löhle. Ganz auszuschließen sei dies nicht, aber sehr unwahrscheinlich: "Ich brauche in der Summe viele Zufälle, um erklären zu können, dass sowohl das Fahrrad als auch die stürzende Person nichts haben", erklärt Löhle.

Nach dem Stoppen des Fahrrads könnte Maria L. mit dem Angreifer am Lenker nach rechts gegen den Maschendrahtzaun gekommen sein - dieser könnte dann den Lenker "fixiert" und die Radstellung verändert haben. Für Löhne ist das die wahrscheinlichste Variante: "Da passt einfach alles."

Gutachter sagt über die Fahrräder und den Angriff auf dem Radweg aus

10.15 Uhr Der bekannte Freiburger Gutachter Ulrich Löhle, gelernter Physiker, hat das Fahrrad von Maria L. untersucht – und ebenso das Fahrrad, das der Angeklagte kurz vor der Tat an einem Haus nahe der Straßenbahnendhaltestelle Lassbergstraße mitgenommen hatte. Löhle sagt, das Damenfahrrad von Maria L. sei in einem verkehrssicheren Zustand gewesen, auch das Licht habe funktioniert.

An der Kettenstellung konnte er die Übersetzung ablesen, mit der die 19-jährige Medizinstudentin gefahren ist. Beim Normalmaß von 60 Pedalumdrehungen pro Minute muss Maria L.s Geschwindigkeit rund 15 Stundenkilometer betragen haben. Die Polizei fand ihr Fahrrad am nächsten Tag im Gebüsch am Dreisamufer. Ein in der Nacht vorbeikommender Zeuge hat das Rad jedoch an einer anderen Stelle oben auf dem Radweg liegen sehen - nahe einer Straßenlaterne, die in der Tatnacht eingeschaltet war. Außerdem herrschte in der Nacht des 16. Oktober ein sogenannter "Supervollmond". Das bedeutet: Erde und Mond waren sich näher als normal, das Mondlicht also auch heller als üblich.

Gutachter Löhle hat an den Feiertagen in der vergangenen Woche, am 31.Oktober und am 1. November, am Dreisamuferweg Versuche vorgenommen. Es war dabei - wie in der Tatnacht - sternenklar. Und auch vergangene Woche gab es eine besondere Erde-Mond-Konstellation, ähnlich dem "Supervollmond".

Löhles Beobachtungen: Fast eine Minute lang habe man von der Position des Täters aus sehen können, dass jemand komme. Die Einschätzung, ob es sich um einen Mann oder um einen Frau handle, sei etwa zwölf Meter vor der Stelle möglich, an der das Rad in der Nacht lag. Das heißt: "Bei entsprechender Haartracht hat man zweieinhalb bis drei Sekunden lang sehen können, wer da kommt." Maria L. hatte besonders lange Haare und diese - so berichten es Bekannte - auch immer offen getragen.

Hussein K. wiederum hatte zu Prozessbeginn ausgesagt, dass er bei seiner Attacke nicht gesehen habe, ob es sich bei seinem Opfer um eine Frau oder um einen Mann handle.

Noch eine Aussage machte Gutachter Löhle aufgrund seiner Versuche am Tatort: Maria L. hat wohl nicht erkennen können, dass da jemand am Rand des Radweges steht.

Kriminaltechniker sagt über den Fund des Zahns aus

9.30 Uhr Als erster Zeuge sagt ein 52 Jahre alter Kriminaltechniker aus. Er hat am 3. Dezember 2016 direkt nach der Festnahme des Angeklagten dessen Wohnung im Erdgeschoss eines Anwesens in Ebnet durchsucht. Vordringlich habe man nach Gegenständen gesucht, die dem Opfer Maria L. gehört haben könnten. Auch nach der möglichen Kleidung, die Hussein K. bei der Tat getragen haben könnte, suchten die Ermittler. Alle Kleider wurden mitgenommen, ebenso Schuhe, dazu Handys und Computer.

Das Zimmer sei "recht geordnet und sauber" gewesen, berichtet der Kriminaloberkommissar auf Nachfrage von Richterin Kathrin Schenk. Gleiches gelte für die Gemeinschaftsküche. Drogen fand die Kripo nicht, auch keine größere Mengen an Alkohol. In der obersten Schublade des Nachttischschränkchens entdeckten die Ermittler schließlich den Eckzahn: "Den habe ich dann separat verpackt", so der Kriminaltechniker. Der Zahn - das weiß man seit Dienstag - war dem Angeklagten im Februar 2016 von einem Zahnarzt gezogen worden.

Was wird heute passieren?

9 Uhr Der heutige Prozesstag wird kurz sein – verhandelt wird nur bis 13.30 Uhr. Neben dem Gutachter zum Thema Rad wird auch ein Kriminaltechniker in den Zeugenstand kommen und der Kripobeamte, der bei der Durchsuchung der Wohnung des Angeklagten mit dabei war. Dabei wurde auch der mittlerweile berühmte Eckzahn des Angeklagten gefunden.

Auf den Fluren des Gerichts ist natürlich immer noch der spektakuläre zehnte Verhandlungstag ein Gesprächsthema. Dabei ging es um die Altersfrage. Eine Analyse des Eckzahns hat ergeben, dass Hussein K. mit hoher Wahrscheinlichkeit um die 25 Jahre alt ist - und mit nahezu sicherer Wahrscheinlichkeit mindestens 22 Jahre zählt.

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