Urlaubsgrüße aus der Sprühdose: Beat in Istanbul

Manuel Lorenz

Die einen fahren in den Urlaub, um Tauchen zu gehen, die anderen, um Graffitis zu sprühen. Den Sommer über erzählen uns Freiburger Sprüher und Street Artists, an welchen Orten der Welt sie gerade gewesen sind und welche Spuren sie dort hinterlassen haben. Den Anfang macht Beat, der vor Kurzem in Istanbul war.



Früher bin ich in den Urlaub gefahren und habe dann geschaut, ob und wo ich sprühen kann. Mittlerweile spielt Graffiti in meinem Leben eine so große Rolle, dass ich im Urlaub auf jeden Fall sprühen gehe und dann erst schaue, was ich vor Ort noch so machen kann – Baden, Sightseeing, Kultur. Es gibt auch Sprüher, die fahren eine Woche weg und malen 20 Bilder. Das wär' mir dann doch zu viel.


Der Reiz daran, im Ausland sprühen zu gehen, liegt für mich in erster Linie darin, mich mit Sprühern aus anderen Kulturkreisen auszutauschen und mich auf andere Gegebenheiten einzulassen. Ich hab schon in vielen europäischen Städten gesprüht, unter anderem in Prag, Budapest, Amsterdam, Wien, Straßburg, Mailand und London. An Istanbul gefiel mir besonders, in einer Stadt zu sprühen, in der Ost und West so stark miteinander verschmelzen. Das war sehr spannend.

Istanbul ist mit seine 15 Millionen Einwohnern eine riesige Stadt, hat dafür aber eine verhältnismäßig kleine Szene – vielleicht 50 bis 100 Sprüher. Da hat jede mittelgroße Stadt in Deutschland mehr vorzuweisen. Das Ausgehviertel Beyoğlu ist ziemlich zugemalt, meistens von Sprühtouristen aus ganz Europa. Es ist beeindruckend, zu sehen: Ah, okay, X aus Hamburg oder Y aus Rom war auch schon da. Es ist unglaublich interessant, da auf Spurensuche zu gehen.



Ich bin gemeinsam mit dem Freiburger Sprüher Zoolo nach Istanbul geflogen. Ein Freund hatte mir die Telefonnummer eines Istanbuler Sprühers gegeben. Den hab ich dann angerufen. „Hallo, hier bin ich, ich hätte Lust vorbeizukommen, wie sieht’s aus?“ So läuft das meistens. Soziale Netzwerke wie Facebook spielen da für mich noch keine so große Rolle. Eher Kontakte, die man über die Jahre gesammelt hat. Die Sprühdosen haben wir dann vor Ort gekauft, die bekommt man ja nicht ins Flugzeug. In Istanbul gibt es genau einen Dosenladen: den ‚Donutstore’. Den betreibt ein Türke, der lange in Frankreich gelebt hat. Der Laden ist extrem stylisch; Sprühdosen kosten dort geringfügig mehr als hier.

In Istanbul gibt es echt harte Gegenden. Die sind total abgerockt: Wände, Fassaden, Bauzäune, die super scheiße aussehen. Wenn dort ein Haus runtergewohnt ist, wird nebenan halt ein neues hingestellt, statt das alte zu sanieren. Die Fassaden werden dort kaum bis gar nicht gereinigt. Dadurch wird das Stadtbild wahnsinnig heterogen. In so eine Gegend sind wir dann gefahren, tagsüber, und haben zwei Bilder gemalt, an Wänden, die niemanden interessieren. Mittlerweile lege ich auch großen Wert auf die Umgebung meiner Bilder. Deshalb haben wir nach dem ersten Bild, noch ein ‚schnelles’ zweites mit gemalt, wo ein Minarett im Hintergrund zu sehen ist. Die Passanten, die vorbeikamen, sind stehen geblieben, haben zugeschaut, haben Fragen gestellt. Graffiti steckt in der Türkei noch in den Kinderschuhen. Da reagieren die Leute noch ganz anders drauf. Dort hat man andere Probleme als hier. 

Meine nächsten Reiseziele: im Herbst erst mal Barcelona; danach weiß ich noch nicht so genau. Aber auf meiner Liste stehen Lissabon und Tel Aviv ganz weit oben.

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[Fotos: Beat / Aufgeschrieben von Manuel Lorenz]