Urban Priol: Ich habe Tränen gelacht!

Lorenz Bockisch

Urban Priol, einer der großen Meister der deutschen Comedyszene, war gestern Abend beim ZMF im Spiegelzelt zu sehen. Natürlich ließ er es sich zu Beginn seines Programms "Täglich frisch" nicht nehmen, die Deutschlandfahne zu schwenken und "Reformvorschläge" für den internationalen Fußball (Sepp Blatter in ein Fass mit grüner Soße tunken) zu erteeilen. Damit begann eine zwei Stunden dauernde zwerchfellzerreißende Reise durch sämtliche Absonderlichkeiten des aktuellen Zeitgeschehens.



Und auch Franz Beckenbauer, dessen bayrisches Gestammel er hervorragend nachzumachen versteht ("steuerlich bin ich mit Freuden zu Gast in der Welt") bekam genauso sein Fett weg wie die politische Kaste.


Wenn Priol anfängt, "des Angela" zu parodieren, schafft er es, seine Mundwinkel noch tiefer zu ziehen als das Original. Sie trifft sich nicht mehr mit der außenpolitischen Crème de la Crème, sondern eher mit der Haut de la Milch: George W. Bush, der sie gerade besucht hat, um sich die deutschen Mauerpläne für die Grenze zu Mexiko abzuholen, solle grad der letzte Schwan treffen, der vogelgrippekrank vom Himmel fällt. Und dass diese Seuche gerade dann vorbei ist, wenn alle Zugvögel im Land sind, findet er zu Recht ein wenig fraglich.

Von Horst Köhler (der "Bundeshydrant"- steht rum, sagt nix und ist dankbar), Michael Glos (einem Land mit so einem Wirtschaftsminister kanns nicht wirklich schlecht gehen- oder es hat's schon hinter sich) und Josef Ackermann (Schweizer Edelparasit) kommt er über immer weiter reichende Umwege auf die deutsche Musikszene zu sprechen.

Dass es bei DSDS "Ausscheidungsrunden" gibt, ist sehr bezeichnend. Ebenso begeistert zieht er über Möchtegernmusiker wie Silbenmond und den christlich-depressiven Xavier Naidoo her: "Und wenn ein Lied meine Lippen verlässt...Lass es drin!"

Die meisten Lacher erntete der Franke mit den verwuschelten Haaren mit seinen herrlich widersinnigen Storys aus dem Alltag mit der deutschen Bürokratie: Ein Restaurantbesitzer könnte Eisenspäne aufs Fleisch hobeln, und das als Rostbraten verkaufen, wenn aber die Urinale nicht im richtigen Abstand eingebaut sind, wird die Küche geschlossen. Mit seinen Running Gags, die sich auf vorhergegangene Geschichten bezogen, brachte der ständig hin- und herrennende Comedian das jolende Publikum immer wieder zum Grölen. Nicht einmal beim Thema Katholizismus und seinem Homosexualitätsverbot für Priester kanne er eine Sch(m)erzgrenze. Die sieben Hügen Roms sind eben die Brokeback Mountains des Vatikan.

Seine Weisheiten in Sachen Beziehung, wenn sich die Schmetterlinge im Bauch wieder in Raupen zurückverwandeln und die Feng-Shui-Linien des Glücks und der Harmonie im Garten sich gerade auf dem Komposthaufen kreuzen, gehören zu den genialsten Wahrheiten, die ich seit langem gehört habe.

An diesem Abend wurden mehr Lachtränen vergossen als Schweißperlen flossen. Der Festivalleiter nahm ihm am Ende zum Glück noch das Versprechen ab, nächstes Jahr wieder zu kommen. Dann hoffentlich im großen Zelt, denn für Urban Priol gilt ein Hingehbefehl!.