Urban Art im Kunstverein Freiburg

Manuel Lorenz

Ab Freitagabend findet im Kunstverein Freiburg eine Urban-Art-Ausstellung statt. Wie geht das zusammen? Karoline Käding, seit 2008 Direktorin des Kunstvereins, hat uns das erklärt.




Der Kunstverein stellt normalerweise zeitgenössische Kunst aus. Warum jetzt plötzlich Urban Art?

Seit ich in Freiburg bin, ist mir aufgefallen, dass hier total viel los ist: Hiphop-Gruppen und diese ganzen Graffitis an der Dreisam entlang. Ich habe den Eindruck, dass es hier eine ganz lebendige urbane Kultur gibt. Für eine so kleine Stadt wie Freiburg ist das positiv. Wir haben dann im Vorstand des Kunstvereins besprochen, dass wir diese Szene auch einmal abbilden sollten, und Dirk Görtler, Dozent an der Freien Hochschule für Gestaltung, hat dann den Freiburger Street Artist Tom Brane angesprochen. Tom Brane kuratiert die Ausstellung jetzt auch, was sinnvoll ist, da ich mich in dieser Szene überhaupt nicht auskenne.

Was reizt Sie an urbaner Kunst?

Solche gegenkulturelle Bewegungen, die dem Mainstream entgegenwirken, existieren ja schon seit den 1960er Jahren – und zwar in Literatur, Musik und Bildender Kunst. Interessant finde ich daran, dass diese Kunstformen ihre Kraft daraus beziehen, dass sie am Rand des Mainstreams entstehen. Dass sie sich des öffentlichen Raums bemächtigen und etwas machen, was kurzlebig und kostenlos ist: ein Ausdruck gegen die etablierte Kunstszene. Und plötzlich wollen diese Künstler gerne in Institutionen ausstellen. Das ist ambivalent und wird von der Szene auch so gesehen. Manche Künstler wollen ja noch nicht mal, dass man sie erkennt.

Urban Art ist meistens illegal. Nimmt eine bürgerliche Institution wie der Kunstverein daran keinen Anstoß?

Ich komme da noch viel mehr von außen. Mich interessiert bei dieser Kunst mehr die Form und der Malgrund. Und die Frage, was mit ihr passiert, wenn sie in einen Schutzraum für Kunst, in ein traditionelles Ausstellungshaus kommt. Und andersherum: was für eine Wirkung das auf das Ausstellungshaus hat.

Wahrscheinlich werden aber viele Mitglieder des Kunstvereins zu mir kommen und sagen: Die respektieren unsere Hausfassaden nicht und verschandeln sie. Und du zeigst die jetzt hier drinnen.

Ich persönlich glaube, man muss heute so offen sein. Vielleicht haben jene Künstler uns ja ganz viel zu sagen. Deshalb findet am Sonntag ja auch ein Diskussionsabend mit Vortrag statt.

Verliert Urban Art abseits der Straße nicht ihrer Kraft?

Das ist das Experiment. Eigentlich muss jene Kunst um ihre Existenz kämpfen. Jetzt wird sie vom Ausstellungsraum assimiliert. Ich bin gespannt, ob sie sich dadurch in eine bestimmte Richtung entwickelt. Und wenn ja: in welche?

Die normale zeitgenössische Kunst, die wir hier zeigen, entwickelt sich aus dem Modernismus heraus. Der Urban Art ist das ganz egal. Die macht ihre eigene Sache. Und wird dadurch in manchen Fällen wieder klassischer. Jemand, der sonst nachts illegal sprüht, entscheidet sich, in ein Atelier zu gehen und in einem diskreten, abgeschlossenen Raum zu arbeiten. Was macht das mit seiner Arbeit? Diese Frage finde ich interessant.



Gab es so was schon mal?

Im 19. Jahrhundert gab es in Frankreich ja mal den Salon des Refusés. Da haben sich Künstler zusammengetan und gesagt: Wir zeigen unsere Kunst hier, weil die Akademie uns nicht zeigen will. Das war aber Avantgarde. Bei der Urban Art will sich aber keine Avantgarde abgrenzen, sondern hier passiert etwas anderes. Vielleicht hängt das mit dem Neoliberalismus zusammen, in dem wir stecken, und in dem man nur ganz schwer eine Gegenkultur etablieren kann.

Urban Art bezieht sich nicht so sehr auf den Modernismus, sondern eher auf die Popkultur: Grafikdesign, Music-Design, Comics, Illustration. Und die Pop Art ist eine der wichtigsten Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts gewesen, die sich von der Bildenden Kunst abgegrenzt hat. Urban Art ist mit den alten Gegenbewegungen allerdings nicht zu vergleichen.

Ist Urban Art die Pop Art von Morgen?

Da ist alles drinnen. Solche fremdartigen Elemente wurden natürlich immer wieder mal in unseren Ausstellungsräumen gezeigt. Paradebeispiel: Keith Haring oder Jean-Michel Basquiat, der letztes Jahr eine große Retrospektive in der Fondation Beyeler in Basel hatte. Ich kann mir vorstellen, dass es sich mit Urban Art genauso verhält, wie mit Kunst im Allgemeinen: Es setzt sich das durch, was inhaltlich etwas zu sagen hat und technisch sehr gut ist.

Wie wird das Publikum aussehen?

Das weiß ich noch nicht. So eine Ausstellung hatten wir im Kunstverein ja noch nicht, seitdem ich hier bin. Unsere Mitglieder sind eher so 60 aufwärts. Und ich weiß nicht, ob die jüngere Generation den Weg zu uns findet.

Wichtiger als das Publikum ist für mich aber ohnehin die Frage: Können wir von der Urban Art etwas lernen? Und wenn ja: was? Und: Was passiert mit dem Publikum, das sich mit dieser Kunst normalerweise im öffentlichen städtischen Raum auseinandersetzt, wenn sie diese plötzlich im Ausstellungsraum sieht? Vielleicht denkt es ja: Hier drinnen sieht die Kunst anders aus!

Mehr dazu:

Was: Urban Art - The New Contemporary Art
Wann: Vernissage: Freitag, 16. September 2011, 19 Uhr; ab 22 Uhr Eröffnungsparty in der Jackson Pollock Bar. Die Ausstellung geht bis zum 30. September 2011
Wo: Kunstverein Freiburg, Dreisamstraße 21