Unterwegs mit der Bergwacht: Wie eine Freiburger Medizinstudentin Menschenleben rettet

Leah Biebert

Lisa ist seit 16 Jahren ehrenamtliches Mitglied bei der Freiburger Bergwacht. Dabei kommt es gelegentlich auch zu Totenbergungen. fudder hat Lisa bei einem Einsatz begleitet und erfahren, wie die Bergwacht arbeitet.

Eine Frau liegt auf dem Rücken, festgeschnürt und bewegungsunfähig, in einen roten Sack gesteckt auf einer Trage. Nur noch der Kopf guckt heraus. Zu ihren Seiten ragen scharfkantige Felsen empor. Am Fußende der Trage geht Lisa, der Strahl ihrer Stirnlampe erhellt die Dunkelheit.


Zielsicher führt sie die kleine Gruppe zu dem Auto, das am Ende des Weges geparkt ist, weiß, mit Blaulicht auf dem Dach. Auf der Motorhaube prangt ein grünes Kreuz mit einem roten Kreis in der Mitte: die Bergwacht. Hier übergeben sie die Patientin dem Notarzt und ihr Einsatz endet.

Psychologische Beratung für die Mitglieder

"Meinen ersten Kopfschuss hatte ich mit 14", erzählt Lisa. Sie formt die Finger wie eine Pistole und zeigt auf ihren Kopf. Selbstmord auf dem Rosskopf, die Bergwacht hatte den als vermisst gemeldeten Mann schließlich gefunden.

Aufgrund der psychischen Belastung dürfen Jugendliche die Anwärterschaft mittlerweile erst mit 16 Jahren antreten, bei Totenbergungen können die Mitglieder außerdem psychologische Beratung in Anspruch nehmen. Bei Lisa habe das Erlebnis aber keine bleibenden Spuren hinterlassen, sagt sie. "Man darf die Sachen einfach nicht zu nah an sich ranlassen."

Etwa 200 Einsätze hat die Bergwacht im Jahr

Zu etwa 200 Einsätzen wird die Bergwacht Schwarzwald-Freiburg jährlich gerufen. Verunfallte Wanderer, Gleitschirmflieger oder verunglückte Skifahrer werden von den insgesamt 1.500 Mitgliedern regelmäßig geborgen und notfallversorgt. Die Bergwacht kommt an Orten zum Einsatz, wo der normale Rettungsdienst aufgrund des unwegsamen Geländes nicht hinkommt. Wenn sie benötigt wird, werden die Mitglieder über einen Piepser informiert, den sie immer bei sich tragen.

Der Einsatz mit der verletzten Frau auf der Trage war allerdings nur eine Übung. Solche Übungen führt die Bergwacht immer wieder durch, um im Ernstfall sicher agieren zu können. Dabei orientieren sie sich auch an echten Einsätzen: Anfang Mai waren nachts zwei Männer vom Kybfelsen in die Tiefe gestürzt und mit Rippen- und Kiefernbrüchen geborgen worden. Der Einsatz wird besprochen, nachgestellt und aufgearbeitet.

Dienst auf der Bergrettungswache am Seebuck

An Wochenenden und Feiertagen haben die Mitglieder Dienst auf der Bergrettungswache am Seebuck. Die braune Hütte befindet sich unterhalb des Feldbergturms. Zwischen den dunklen Tannen der umliegenden Berge leuchten die hellgrünen Blätter von Laubbäumen. Lisa sitzt auf den Steinstufen vor der Hütte, der leichte Wind verweht ihre dunkelblonden Haare, sie hält das Gesicht in die Sonne. Am Abend werden ihre Wangen gerötet sein.

Die 30-jährige Medizinstudentin war schon bei der Jugendbergwacht dabei, ihre Anwärterschaft begann sie mit 14 Jahren, die Dienstprüfung legte sie mit 16 ab. Mittlerweile sind auch Mutter und Bruder dabei. "Es ist ein schönes Hobby mit viel Verantwortung", erklärt Lisa, die ihre Freizeit wie viele der Kollegen gerne in der Natur verbringt, etwa beim Rad- oder Skifahren.

Teamzusammenhalt ist wichtig

Lisa trägt ein Haargummi ums Handgelenk; sollten sie und ihre Kollegen zu einem Einsatz gerufen werden, kann sie die störenden Haare schnell zusammenbinden. Gerade hat sie die Fahne der Bergwacht aufgehängt. Sie zeigt an, dass die Hütte besetzt ist, und schlackert im Wind. Über dem Boden flimmert die heiße Luft.

Es ist eine junge Truppe, die heute Dienst hat. Die jungen Männer liegen vor der Hütte auf der Wiese, trinken Kaffee und plaudern über frühere Einsätze, den Urlaub, Sport. Es ist wichtig, dass sich die Kollegen gut verstehen, nur im Team können die Einsätze vernünftig bewältigt werden.

Die Bergwächter arbeiten ehrenamtlich

Die Arbeit bei der Bergwacht leisten sie ehrenamtlich. Lisa steht am Geländer vor dem Bismarckdenkmal am Seebuck, fährt mit dem Finger die entfernten Bergketten nach, beschreibt die Lage der Städte und nennt die Namen der Bergspitzen. Die Luft ist erfüllt vom Stimmengewirr der Touristen. Dieser Diensttag wird jedoch ohne einen einzigen Einsatz beendet werden; die Sommereinsätze machen nur etwa 20 Prozent der Gesamtanzahl aus.

Die Kollegen setzen die Naturschutzstreife über den kahlen Wipfel des Feldbergs fort. Auch dafür sind sie verantwortlich. Kollege Leo hat sich derweil im Matratzenlager der Bergrettungswache schlafen gelegt. "Im Winter gefällt mir das hier besser", sagt er noch. Und Lisa ergänzt: "Da ist mehr Action."