Unterwegs mit dem Tramperpräsidenten

Christoph Ries

Markus Bergmann aus Freiburg trampte als Präsident des Deutschen Trampervereins Abgefahren nach St. Petersburg und wieder zurück. Im fudder-Interview erklärt der 23-jährige Diplomingenieur für Energie- und Umwelttechnik, warum er auf der Autobahn oft erschrickt und Geschäftsleute die besseren Beifahrer sind.



Markus, was war deine längste Reise als Beifahrer?

Einmal bin ich nach Russland getrampt. Erst über Polen nach St. Petersburg, dann einmal um die Baltische See nach Finnland, Schweden und zurück. Das waren so um die 70 Autos. Ich habe aufgepasst, dass ich nicht so viel Gepäck mitnehme. Ich wollte nomadenhaft reisen und nicht als Tourist auffallen. Damit kommt man besser mit den Leuten in Kontakt. Ein kleiner Rucksack, ein Schlafsack, das war’s. Keine Isomatte, es war ja eh Sommer.

Wie lange hast du gebraucht?

Zwei Monate. Ohne Ziel, einfach los. In Deutschland ging alles ziemlich schnell, in Polen und Finnland musste ich lange warten. Da stand ich manchmal zusammen mit zig anderen Trampern an der selben Stelle. Sonst ging alles relativ fix.

Was sind das für Leute, bei denen du einsteigst?

Krasse Typen. In Finnland dachte ich, der Weihnachtsmann steht vor mir. Der Typ hatte einen langen weißen Bart, einen Kugelbauch und hat die ganze Fahrt Weihnachtslieder gesungen. Er hat mich auf seine Schwitzhütte mitgenommen und wir haben zusammen Sauna gemacht.

Hast du keine Angst?

Das kommt schon mal vor. Ganz oben im Baltikum bin ich bei zwei Typen eingestiegen, die beide betrunken waren. Da war ich schnell wieder draußen. Solche Situationen passieren ab und zu und überall auf der Welt. Das ist auch nichts anderes als der normale Alltag in der Stadt. Du triffst immer auf Situationen, in denen du dich bewähren musst.



Worüber reden fremde Menschen auf der Autobahn?

Man redet sehr viel über Jobs. Ich hatte überhaupt keine Vorstellung, wie viel unterschiedliche Jobs es gibt. Ab und zu führt man auch philosophische Gespräche, meistens mit Geschäftsleuten, oder man redet über den Ost-West-Konflikt. Was eben gerade so anliegt: Wenn Windmühlen am Straßenrand stehen, redet man über regenerative Energien. Ich bin sehr darauf bedacht, mit dem Menschen zu harmonieren, mit dem ich trampe.

Worauf schaust du, bevor du in ein Auto steigst?

Ich steige nie einfach so ein. Der erste Eindruck ist wichtig, aber man sollte die Leute nie nach ihrem Aussehen beurteilen. Manchmal bin ich sehr überrascht, wie anders die Menschen sind. Zum Beispiel hätte ich nie gedacht, dass mich Geschäftsmänner mitnehmen. Aber das sind genau die Leute, die früher selbst getrampt sind. Wenn es schnell gehen muss, bevorzuge ich Audi und Mercedes. Ansonsten reicht mir eine VW-Bus-Klitsche.

Wo ist Trampen einfach, wo schwierig?

In Italien und der Schweiz sind wir nicht gern gesehen. Da wird man an Tankstellen relativ oft weggescheucht. In den alten Ostblockstaaten, Polen und Rumänien, trampen alle Bevölkerungsschichten, nicht nur die Studenten. Die Oma mit ihrem Einkaufsbeutel will auch nach Hause und das Mädchen zur Disko. Ich persönlich möchte noch ans Mittelmeer trampen.

Bildergalerie: "Trampen mit Markus Bergmann"

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Was sind die besten Trampspots in Freiburg?

Am besten geht der Autobahnzubringer auf der Kronenbrücke. Wenn man Richtung Karlsruhe will, ist auch die Tankstelle an der Autobahn ganz gut. Der Walfisch an der Ganter-Brauerei funktioniert in Richtung Schwarzwald.

Wie geht’s dann weiter?

Ich bastele mir ein großes Pappschild und schreibe die Anfangsbuchstaben des Ortes drauf, den ich als nächstes anpeile. Das ist das Wichtigste: Wenn ich nach Zwickau will, schreibe ich Karlsruhe drauf, weil Zwickau hier keiner kennt. Ich will immer so schnell wie möglich auf die Autobahn. Von da an hüpfe ich von Tankstelle zu Tankstelle. Das ist schneller, besser, sicherer und macht mehr Spaß.

Warum trampst du?

Weil es billig ist. Sonst könnte ich es mir nicht leisten, andere Länder zu sehen. Ich sehe da auch einen idealistischen Punkt: Wir bekommen in Deutschland mehr und mehr ein CO²-Problem. Man erschrickt, wenn man im Stau aus dem Fenster schaut und sieht, wie viele Autos allein besetzt fahren. Das ist doch Wahnsinn, wie viele ungenutzte Ressourcen wir auf diesem Planeten haben! Der wichtigste Grund ist aber: Es steckt eine andere Reisekultur dahinter. Man lernt die Menschen besser kennen.

Trampen als Klimaschutzprogramm?

Das wird sicher immer wichtiger und interessanter. In anderen Ländern funktioniert es ja auch, dass man sich mehr teilt und so. In Rumänien und Polen ist das total üblich. Da hat Trampen nicht denn negativen Beigeschmack, von wegen illegal und funktioniert eh nicht. Das ist nur ne Einstellungssache der Bevölkerung.



Wie viele aktive Tramper gibt es in Deutschland?

Unser Verein „Abgefahren e.V.“ hat etwa 150 Mitglieder aus ganz Europa. In Freiburg vermute ich etwa 50 bis 100 aktive Tramper. Ich kann nur jedem empfehlen, sich im Sommer für ein paar Stunden an die Kronenbrücke zu setzen. Man wird erschrecken, wie viele Menschen kommen und gleich wieder gehen.

Was wollt ihr mit Abgefahren erreichen?

Wir fordern Trampstellen wie in den Niederlanden. Da gibt es offizielle Haltebuchten mit einem Daumen drauf, wo die Autos anhalten können. So was wäre super an der Kronenbrücke, weil es da für Autos super schwierig ist, anzuhalten.

Wozu hast du überhaupt ein Auto?

Ich wohne drin. Ein gelber Mercedes-LKW mit Ladefläche.

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