Unterwasserrugby: Abtauchen für den Sieg

Minh Duc Nguyen

Sie rüsten sich mit Schnorcheln, Kappen und Taucherbrillen, bandagieren ihre Hände und setzen Kopfschutz auf: bei den Freiburger Unterwasserrugby-Spielern geht's zünftig zu und mit langem Atem. Ein Trainingsbesuch im Haslacher Bad.



Endlich gibt der Schiedsrichter den Ball frei. Darauf haben alle gewartet. Zwölf Spieler, zwölf Köpfe, die aus dem Wasser ragen. Wie ausgehungerte Piranhas stürzen sie sich nun auf den am Beckenboden liegenden Ball. Drei Meter, drei Meter fünfzig tief, kurz vor einem Zusammenprall unter Wasser krallt ihn sich einer der Spieler. Ein Bruchteil einer Sekunde vergeht, schon strecken sich dutzende Hände nach dem Spieler aus, von allen Seiten. Tumult.


Als wäre das nicht schon schwierig genug, kommen die Gegner auch noch von oben. Und von unten. „Das ist das Besondere am Unterwasserrugby“, sagt Ralf. Es gebe keine vergleichbare Sportart, die diese Dreidimensionalität habe. Ralf Dietrich, 46, ist seit sechs Jahren dabei. Er gehört zu den erfahrenen Spielern des 1.Tauchclubs Freiburg e.V.



Erfahrung, das heißt hier: die Übersicht behalten. Denn während des Spiels herrscht im Wasser reges Durcheinander – das erschwert die Sicht enorm. Zumal jeder Spieler eine Taucherbrille tragen muss, die nur beschränkte Sicht zulässt. „Übersicht spielt im Unterwasserrugby eine bedeutende Rolle“, betont Ralf. Er ist, wie die meisten Spieler des Tauchclubs, der im vergangenen Jahr den Aufstieg in die erste Bundesliga Süd geschafft hat, groß, kräftigt gebaut und hat einen mächtigen Brustkorb. Den braucht er auch für diesen Sport. Durchschnittlich bleibt er für einen Spielzug 20 Sekunden unter Wasser.

„Du kannst noch so schnell und kräftig sein, aber wenn du unten keine Luft mehr hast, musst du auftauchen“, sagt Ralf. Das heißt aber nicht, dass andere Eigenschaften keine Rolle spielen. Im Gegenteil. Hierbei erzählt Ralf die kurze Geschichte von einem seiner Mitspieler, der seit seiner Kindheit Judo macht. „Er ist so reaktionsschnell, da kommen die Gegner gar nicht hinterher.“

Haslach am Abend. Die Eingangstür des Haslacher Bad ist bereits geschlossen. Nur noch angemeldete Mitglieder dürfen die Schwimmhalle betreten. Drinnen im Tauchbecken hat um 20 Uhr das einstündige Training der Unterwasserrugby-Mannschaft begonnen.



Nachdem eines der beiden Teams den Ball in einem Gewusel aus Körperteilen und schäumenden Luftblasen für sich entschieden hat, darf es nun angreifen. Man beobachtet im beleuchteten Becken das Glitzern der bunten, reflektierenden Flossen. Der Angriff ähnelt einer Kriegsformation: Die Spieler sind mit Masken, Schnorcheln, Wasserballkappen und Schwimmflossen ausgerüstet wie Unterwassersoldaten. Nur bunter. Die Schlacht im Wasser ist geprägt vom ständigen Ab- und Untertauchen.

Ziel des Spiels ist es, Tore zu erzielen. Das heißt, den knapp drei Kilo schweren Ball in den Korb des Gegners zu legen. In einem viereckigen Tauchbecken von der Größe eines halben Basketballfeldes mit zwölf Spielern ist das wahrlich keine leichte Aufgabe – zumal die beiden Stahlkörbe auf dem Beckenboden aufgestellt sind. Dementsprechend ist das Getümmel dort unten.



Am Beckenrand hingegen herrscht Ruhe. Hier ist die Luft schwül und stickig. Einer, der unfreiwillig auf der Bank sitzt und immer wieder auf seine Hände schaut, ist Caspar. Er hat sich an der Hand verletzt. Seine Finger sind mit einem Tapeverband versehen: der Zeigerfinger mit dem Mittelfinger, der Ringfinger mit dem kleinen Finger, der Daumen ist am Gelenk festgeklebt. „Es ist gar nicht so einfach, den schweren Ball anzunehmen“, sagt der 31-Jährige. Nicht selten verletzte man sich dabei an den Fingern.

Das alles sei aber im Vergleich zu anderen Sportarten harmlos. „Durch den Widerstand des Wassers haben wir kaum schwere Verletzungen“, sagt Caspar. Ein Freund hat ihn vor Jahren zum Unterwasserrugby mitgenommen. Seitdem trainiert Caspar zusammen mit knapp 30 anderen Spielern zwei Mal pro Woche, montags und freitags. Dass er und alle anderen für ihre Leistung nicht bezahlt werden, auch in der ersten Bundesliga nicht, stört ihn wenig. Und dass Unterwasserrugby keine große Bekanntheit in der Bevölkerung genießt, dafür hat der 31-Jährige eine Erklärung: „Das, was wir machen, ist nicht gerade zuschauerfreundlich."



Stimmt. Denn kaum zwei Meter von ihm entfernt läuft das Spiel weiter. Außer dem Plätschern des Wassers und einigen Zwischenrufen auftauchender Spieler bekommt man vom Geschehen nichts mit . Auf dem Fünfmeterturm, der über dem Tauchbecken steht, ist die Sicht schon ein wenig besser. Nur leider ist der Turm keine Tribüne.

Nach mehr als einer Stunde ist das Training vorbei. Ralf wirkt ein wenig erschöpft, 60 Minuten volle Power
hinterlassen ihre Spuren. „Heute sind nicht so viele da“, sagt er. Es komme schon mal vor, dass zwei Spieler extra aus Basel zum Training nach Haslach kommen. „Wir suchen ständig Nachwuchsspieler“, sagt Ralf. Es reiche aus, wenn sie schwimmen und ein wenig tauchen könnten. Auch das Alter spiele keine wichtige Rolle. „Im Prinzip kannst du das auch noch mit 60 machen."

Spielprinzip

Beim Unterwasserrugby geht es wie beim Basketball darum, den Ball im gegnerischen Korb unterzubringen. Der Unterschied liegt in der Dreidimensionalität. Anders als beim Basketball ist der Korb in drei bis fünf Metern Tiefe aufgestellt. Der Ball hat die Größe eines Handballs und ist mit einer Salzwasserlösung gefüllt. Durch die höhere Dichte sinkt der Ball und kann somit unter Wasser benutzt werden.

Jede Mannschaft stellt sechs Spieler auf, die zwei Mal 15 Minuten lang spielen. Die einzige Kommunikationsmöglichkeit unter Wasser ist das Klopfen mit der Faust gegen die Handfläche. Die häufigste Unsportlichkeit (Foul) ist das Abziehen der gegnerischen Maske (Taucherbrille).

Mehr dazu:

  • fudder-Artikel: http://fudder.de titel="">Ungewöhnliche Sportarten in Freiburg