Unter Kiebitzen: Trainingsbesuch beim SC Freiburg

David Weigend

Wie ist es, nach solch einer bitteren Niederlage wieder aufzustehen? Wir haben uns gestern das Training der Sportclub-Profis angeschaut. Eine kleine Reportage vom Spielfeldrand, in der auch einige Fans zu Wort kommen, die ihre Position zum SC in der Krise darstellen.



Elf Kiebitze haben sich an diesem wolkenlosen, aber sakrisch kalten Märzmittag am Übungsplatz zusammengefunden. Um 15 Uhr soll das Training beginnen, sichtbar ist das noch nicht. Eine halbe Stunde lang passiert gar nichts, außer, dass ein Angesteller des Sportclubs den Bereich hinterm Tor mit Absperrband begrenzt. Baustelle Tor, kein unpassendes Bild für die SC-Problematik dieser Tage.


Der Wind pfeift bitter aus Nordost und so ähnlich ist auch der Gesichtsausdruck von Damir Buric, der um 15.32 Uhr als Erster aus der Kabine trottet und Hütchen auf dem Platz verteilt. Es folgen der Kapitän sowie Ömer Toprak und Simon Pouplin. Freundlich begrüßt der Torwart die Fans. Nach und nach tröpfelt der Rest der Mannschaft ein, bis auf Papiss Cissé und Mo Idrissou. „Die sitzen in der Sauna und spielen Schach“, versucht sich ein Beobachter an einem Witz. Reisinger, Krmas und Namouchi gehen eine Runde joggen und traben vom Gelände, die anderen machen sich an der Außenlinie warm.



Zeit, ein wenig mit den Fans zu plaudern. Als erste war die 20-jährige Stefanie da (Foto). Sie ist Studentin und eine Anhängerin, wie sie sich jeder Verein wünschen würde: Treue Seele, Realistin, Kennerin des Kaders, aber kein Nerd. Dauerkarte auf Nord seit 2005. Stefanie sagt: „Ich komme öfters mal zum Training, wenn es mein Studienplan zulässt. Es interessiert mich, wie die Mannschaft trainiert und ob es den Spielern dann gelingt, das Trainierte im Spiel umzusetzen.“ Stefanie weiß, dass die Spieler sich drinnen oft gern an der Tischtennisplatte aufwärmen und sie hat schon mit fast jedem Profi gesprochen. „Ich schätze die persönliche Atmosphäre hier. Das ist nicht so abgeschottet wie bei etwa bei Bayern.“

Stefanie hofft, dass der Sportclub den Klassenerhalt schafft. Aber sie fügt hinzu: „Vielleicht wäre es doch besser für diese junge Mannschaft, in der Zweiten Liga oben mitzuspielen.“ Sie findet auch, dass sich das Gesicht der wahren Anhänger erst wieder in der 2. Bundesliga zeigen würde: „Man merkt erst, welche Fans wirklich hinterm Verein stehen, wenn es bei minus fünf Grad gegen Paderborn geht. Das sind dann zehn- bis zwölftausend, der harte Kern.“ Sie findet es nicht so toll, wenn Haupttribünenhocker frühzeitig aufstehen, nur, weil der Sportclub im Rückstand liege.



Mittlerweile ist der Kader bei der ersten Übung angelangt: 5 gegen 2. „Sowas hab’ ich doch schon in der D-Jugend vom Rot-Weiß Glottertal gemacht“, sagt ein Kiebitz an der Stange. Eigentlich ist er hierher gekommen, um dem „Stolperguschtl“ Cissé die Meinung zu geigen. Aber der ist ja gar nicht hier. Der Kiebitz hat sich mächtig aufgeregt am Samstag. Er fand Dutts Auswechslungen fragwürdig und die Fehlpassquoten katastrophal. Gleichwohl, so der Glottertäler, würde ein Trainerwechsel nichts bringen: „Die Mannschaft bleibt doch die gleiche.“ Die trainiert gerade etwas in der Art "Alle gegen alle mit wenig Ballkontakt." Und ohne Tore.

Auch Daniel Kind, Vorsitzender des Fanclubs Eurofighters Südbaden, beobachtet den One Touch-Kick. Wenn man den 30-Jährigen fragt, was er als Trainer in der derzeitigen Krisensituation tun würde, schnauft er so besorgt durch, als hätte man ihm gesagt, er müsse mit den Alten Herren von Waltershofen, mit denen er manchmal spaßeshalber trainiert, mindestens einen Punkt in der Allianzarena holen. „Hm, das ist schwer. Neuer Stürmer? Würde ja auch nichts bringen. Höchstens noch jemanden für die Abwehr, da schauts ziemlich duster aus. Ich glaube ja schon, dass die Mannschaft das Potenzial für die erste Liga hat, aber sie ist nicht in der Lage, es abzurufen.“

Manche seiner Fanclub-Kollegen finden, der Kader sei zu schlecht für die erste und zu gut für die zweite Liga. Doofes Zwischending.



Bei der Diskussion am Trainingsplatz kommt man bald auch von der Mannschafts- auf die Fanfrage zu sprechen: Einerseits ist genau jetzt der Zeitpunkt gekommen, an dem die Mannschaft den Support am dringendsten braucht, der Punkt auch, an dem die Anhänger Charakter zeigen und demonstrieren können, dass sie keine Erfolgsfans sind und auch hinter der Mannschaft stehen, wenn es mal schlecht läuft. Andererseits: soll man es als Fan hinnehmen, wenn die Mannschaft wie etwa gegen Berlin oder Hamburg eine Vorstellung zeigt, die jeglichen Kampfgeist vermissen lässt?

Daniel, Vorstand für derzeit 45 aktive Eurofighter, sagt: „Am Samstag gab es schon vereinzelte ,Wir ham’ die Schnauze voll!’-Sprechchöre auf Nord. Ich heiße das zwar nicht gut, aber ich finde es verständlich.“ Dann stellt er die rhetorische Frage: „Findest du es schön, wenn du Samstagmittag aus der Straßenbahn steigst und schon weißt, dass du wieder auf den Sack kriegst?“

Resultiert aus diesem Einwand vielleicht auch die Feststellung, dass es, abgesehen vom schwarzen Block Nord-Mitte, sowieso etwas ruhig geworden ist auf der Dreisamseite des Stadions? Daniel winkt ab. „Seit wir wieder aufgestiegen sind, sind viele Fußball-Touristen da; also Leute, die sich vom Fußball lang ferngehalten haben, jetzt auf Nord stehen und sich total raushalten. Das ist schade. Aber man braucht sich auch nicht wundern, wenn dann keine gescheite Stimmung entsteht.“

 



Zurück zur Stimmung auf dem Platz. Trainingsspiel. Man beobachtet, wie sich Abdessadki, Flum und Williams in die Zweikämpfe wühlen. Die Einstellung gefällt. „Du-Ri!“, „Calli!“, Leo!“ brüllen die Spieler über den Platz. Schuster schreit ein wütendes „Nein!“, als er einen Kopfball nicht im Tor unterbringt, sondern in Pouplins Händen. „Tausend Mal probiert, tausend mal ist nichts passiert“, murmelt ein Kiebitz. Dann wieder segelt ein Ball weit übers Tor und landet irgendwo hinten, wo Schuster seinen Jeep zu parkieren pflegt.



All das schaut sich Trainer Robin Dutt ruhig von der Seitenlinie an. Er hat die Kapuze seiner Daunenjacke tief ins Gesicht gezogen und erinnert ein wenig an den Imperator aus „Star Wars“. „Wer ist denn das?“, fragt der Glottertäler und zeigt auf einen unbekannten Spieler auf dem Feld. Stefanie nennt einen Namen aus der Zweiten, den man noch nie gehört hat – sie ist sich auch nicht ganz sicher.

Inzwischen sind Reisinger und Krmas vom Joggen zurückgekehrt. Andi, der extra eine Zugstunde lang aus Lörrach zum Betrachten dieser Trainingseinheit angereist ist, bittet Reisinger um ein gemeinsames Foto. Ein Kollege besorgt das mit der Handykamera. Hinterher glaubt Andi, das Foto sei nicht gespeichert worden, aber er meint, das sei nicht schlimm, mit „dem Stefan“ habe er schon einige gemacht. Andi liebt den Sportclub bedingungslos und es scheint dem Lörracher nicht so wichtig zu sein, auf welchem Rang sein Verein gerade steht. Den Trainer ordnet er heute als verhältnismäßig aktiv ein: „Letzten Montag hat er gar nichts gesagt, stand einfach nur daneben.“



Um 16.45 Uhr ruft Dutt „Schluß!“, der Trainingskick endet 0:0. Das Absperrband hinter der Torbaustelle war überflüssig. Kein Ball landete vor oder in dieser Zone.

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