Unter den Wolken: Besuch am Freiburger Flugplatz

David Weigend

Der Freiburger Flugplatz ist so öffentlich wie eine Autobahn: jeder darf ihn benutzen. Sofern man landen will, muss man das fünf Minuten vorher Bernhard Schnekenburger mitteilen, über Funk. Der 53-Jährige ist Flugleiter im Tower. Und der wahrscheinlich schärfste Beobachter des Freiburger Luftraums.



Bernhard Schnekenburger stammt aus Oberschwaben, studierte in Freiburg Philosophie und soziale Anthropologie. Aufs Fliegen fuhr er schon immer ab. Seit 17 Jahren ist er auf dem Flugplatz aktiv, als Sportpilot mit Privatpilotenlizenz, als Fluglehrer und eben als Flugleiter.


Sein Arbeitstag beginnt um 7.30 Uhr. Schnekenburger fährt die Piste ab, kontrolliert, ob sie frei ist. „Die Krähen verteilen dort gern Nussschalen, manchmal sogar Golfbälle und ganze McDonalds-Tüten“, sagt er. Nach weiteren Sicherheitschecks steigt er die Wendeltreppe zum Tower hoch. Während der Kaffee kocht, nimmt er die ersten Anrufe und Funksprüche entgegen. Leute, die demnächst landen wollen; Schweizer Piloten, die zollpflichtige Waren dabei haben und die Zollbeamten einbestellen. „110 Starts und 110 Landungen finden hier an Spitzentagen statt“, so Schnekenburger.

Es sind vielfältige Gründe, die Piloten in Freiburg verkehren lassen: Flugschüler, Geschäftsleute, Patienten der Uniklinik, viele von ihnen aus Osteuropa; belgische Familien, die für einen Wochenendtrip nach Freiburg mal eben aus Brüssel eingeflogen kommen; die Mannschaft von Hansa Rostock landete hier vor einigen Jahren, zum Auswärtsspiel beim Sportclub. Musiker, die in der Rothausarena auftreten; das Peugeotwerk in Mulhouse lässt bestimmte Teile einfliegen, wenn es eilig ist.



Auch Politiker benutzen den Flugplatz. „Sonntag vor einer Woche war Ministerpräsident Mappus in Freiburg. Anschließend hatte er einen wichtigen Termin in Berlin. Dorthin flog er von hier aus in einer Turboprop-Maschine. Flugzeit knapp zwei Stunden. Ein kleiner Jet wäre in einer Stunde dagewesen. Das sieht nach einem relativ sparsamen Vorgehen von Herrn Mappus aus“, sagt Schnekenburger. Der drahtige Mann schreitet mit schnellen Schritten über die Grasbahn. Seine Kleidung stammt von diversen Outdoor-Ausstattern. Am Gürtel trägt er eine Signalpistole. Blitzschnell hebt er seine Kamera, als er einen der wenigen Falken erblickt, die sich hier gern tummeln.

Nach wenigen Minuten betritt er die Piste. Die Start- und Landebahn des Flughafens, 1400 Meter lang, ist Freiburgs einzige mautpflichtige Straße. Die Piloten der leichteren Maschinen bis 450 Kilo zahlen fünf Euro Gebühr, Piloten kleinerer Jets müssen bis über 100 Euro für die Benutzung der Piste berappen.



Am Kopf der Bahn arbeiten Straßenarbeiter, die gerade dabei sind, die Piste um 158 Meter zu verlängern. Der Grund dafür ist eine etwas schwer verständliche EU-Verordnung. Deswegen müssen im Mooswald auch jene Bäume gefällt werden, die zu hoch sind. Die Förster ersetzen sie durch niedrigeren Bewuchs. Und das, was der Mann in Orange gerade auf die Piste spritzt (Foto oben), wird kein Zebrastreifen für Feldhasen, sondern die neue Landeschwelle. Übermorgen kann wieder normal geflogen werden.



An der 16 (die Blickrichtung vom Mooswald zur Innenstadt beträgt ungefähr 160 Grad) erklärt Schnekenburger seine Pflichten. Er muss darauf achten, dass die Piloten weder zu hoch, noch zu tief fliegen. Durchschnittlich 30 Landungen sieht er pro Tag. „Da hat man seine Referenzpunkte und kann relativ sicher sagen, wie hoch ein Flugzeug fliegt.“ Wenn ein Pilot sich nicht an die Regeln hält, kann das teuer werden.

Schnekenburger arbeitet mit Funkpeilgerät und Luftdruckmesser, checkt Windrichtung und Windstärke. Er gibt die entsprechenden Informationen vom Tower aus an den Piloten weiter, so dass dieser entscheiden kann, ob er landen will. Allerdings muss mindestens 1,5 Kilometer Sichtweite herrschen.

Der Flugleiter selbst fliegt viersitzige Sportflugzeuge in Cessnagröße. Sein weitester Flug führte ihn zur Nordsee. „Vereinskameraden flogen von hier aus auch schon bis nach Helsinki oder ans Nordkapp“, sagt er. Schnekenburgers Sportflugzeug, das er sich mit anderen teilt, fliegt 180 km/h Spitze. Da er über den Wolken jedoch weder Staus noch Kurven hat, braucht er nur dreieinhalb Stunden bis zur Nordseeküste. Hin und wieder chartern auch Geschäftsleute eine Maschine, wenn es schnell gehen muss, etwa für Hin- und Rückflug nach Hamburg. „Das kostet für acht Leute etwa 5800 Euro.“



Zurück im Tower. Schnekenburgers Funkgerät knattert. Es meldet sich der Pilot des Rettungshubschraubers Christoph 45, der aus Friedrichshafen angeflogen kommt. „Christoph 45, jawohl, verstanden. Ich mache das Tor auf, damit der Krankenwagen reinfahren kann, Code QNH1019“, sagt Schnekenburger. Beim Code handelt es sich um den aktuellen Luftdruck, damit der Pilot den Höhenmesser richtig einstellen kann. Tatsächlich schwebt zwei Minuten später der Hubschrauber ein. Ein Patient wird in einen Krankenwagen umgeladen und zur Uniklinik gefahren.

Kurz vor Feierabend bekommt Herr Schnekenburger noch einen seltsamen Funkspruch. Es meldet sich ein Lufthansapilot, der in 10.000 Metern den Schwarzwald überfliegt. "Schönen Gruß an die Freiburger Flugschule, ich habe da gelernt." Schnekenburger schmunzelt und leitet den Gruß aus der Maschine weiter. "Die Flugschule Freiburg gehört in der Berufspiloten-Ausbildung zu den acht größten ihrer Art in Deutschland", sagt Schnekenburger und deutet hinüber zum benachbarten Gebäude. Dann verlassen wir den Mann mit der schönsten Aussicht am Arbeitsplatz - zumindest freiburgweit.

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