Studiengangcheck

Unsere Meinung: Medienkulturwissenschaft ist, was man daraus macht

Lea Gerstenberger & Philipp Reichenbach

Anfang Januar erschien auf fudder der Studiengangcheck Medienkulturwissenschaft. Einige Studierende des Fachs fanden sich in dem Text nicht wieder. Lea Gerstenberger und Philipp Reichenbach finden: Die Aussagen greifen zu kurz.

Eigentlich, so der Artikel, handele es sich nicht um einen "Wischi-Waschi-Studiengang", schließlich könne man "alles" analysieren, und die "geringe Wertschätzung von außen" sei deshalb unverdient. Leider erweckt der Beitrag aus unserer Sicht trotzdem genau jenen missverständlichen Eindruck, dass Studierende der Medienkulturwissenschaft vorrangig im Medienzentrum der UB chillen oder sich mit ihrem vermeintlich viel zeitaufwändigeren Nebenfach beschäftigen.


Die Ziele des Studiengangs, der Medien als kulturelle Phänomene in spezifischen Kontexten begreift und in ihrer Wechselwirkung mit der jeweiligen Gesellschaft untersucht, gehen aber über den gemütlichen Medienkonsum mit etwas Analyse deutlich hinaus.

Wer sich zur Kamerafrau ausbilden lassen möchte, ist falsch

Tatsächlich ist die erste Lektion, die man am Studienbeginn lernt, dass die Anwesenheitsstunden in der Uni nicht den wöchentlichen Arbeitsstunden entsprechen, die man in das Fach investiert. Wer sich die mitunter philosophisch angehauchten Texte, welche die theoretische Basis bilden, ernsthaft erarbeiten will, merkt das schnell. Tut man das hingegen nicht, bleibt es in der Tat beim oberflächlichen Filmeschauen.

Dabei ist es doch gerade der Reiz, sich den Medienphänomenen, die man aus der Populärkultur und dem Alltag kennt, auf wissenschaftliche Weise zu nähern und sich fundierte Gedanken darüber zu machen (im Rahmen einer Hausarbeit kann das tatsächlich auch "Germany’s next Topmodel" oder "The Walking Dead" sein). Das ist auch der Sinn der praktischen Kurse, die in den ersten Semestern angeboten werden. Wer sich zur Kamerafrau oder zum Mediengestalter ausbilden lassen möchte, ist deshalb falsch in dem Fach – es geht darum, durch die aktive Anwendung die analytischen Fähigkeiten zu schulen und die Theorie mit Praxis anzureichern.
"Die Medienkulturwissenschaft ist eine Art Best of der Geisteswissenschaften."

Was man anfangs als ein Mehr an Freizeit missverstehen kann, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als die Bringschuld, welche die Universität von der Schule unterscheidet. An dieser Stelle gleicht die Medienkulturwissenschaft den meisten anderen Geisteswissenschaften. Nur, dass die interdisziplinären Ansätze uns eine fachliche Breite erlauben, in die von Romanistik über Geschichte bis hin zur Kommunikationswissenschaft oder Gender Studies nahezu alles einbezogen werden kann, was die Uni jenseits der Naturwissenschaften zu bieten hat.

Die Medienkulturwissenschaft ist somit eine Art Best of der Geisteswissenschaften, wobei jede und jeder sein spezifisches Interessensgebiet finden und auch das Nebenfach gut einbringen kann – das sieht man nicht zuletzt daran, dass sich die Themen der Abschlussarbeiten von Buchgeschichte über Big Data bis hin zu Instagram-Trends erstrecken. Medien und Gesellschaft sind so eng miteinander verknüpft, dass sich in der Tat beinahe alles analysieren lässt. Bloß ist das durchaus mit (geistiger) Arbeit verbunden.

Völlig ungestraft dem Nerd-Dasein frönen

Das Studium der Medienkulturwissenschaft bietet dabei immer noch genügend Raum, um einen Nebenjob auszuüben und auch mal gepflegt einen Kaffee zu trinken (dabei entstehen oft die angeregtesten Gespräche). Durch den hohen Anteil an Eigenarbeit kann man sich einen Großteil der Zeit relativ frei einteilen – ein Vorteil, den man nutzen kann, aber auch eine Verpflichtung. Wegen der geringen Studierendenanzahl sind die Seminare nämlich so klein, dass es sofort auffällt, wenn man keine Ahnung vom Thema hat. Entgegen dem Wunsch nach immer verschulteren Studiengängen wäre hier also eine Lanze für die Eigenverantwortung zu brechen, ohne die es diese Freiheiten nicht gäbe.

Der beste Grund, Medienkulturwissenschaft zu studieren, ist für uns nicht, dass es "einfach cool" ist, mit dem teuren Kamera-Equipment aus dem Medienzentrum durch die Stadt zu marschieren. Für uns ist der Grund der, dass wir völlig ungestraft unserem Nerd-Dasein frönen können und dabei auch noch lernen, wissenschaftlich zu argumentieren und durch Theorien ein tieferes Verständnis für Medien zu gewinnen.

Ob man nach dem Kinobesuch versehentlich in eine Diskussion über Latours Akteur-Netzwerk-Theorie gerät oder sich an das gemeinsam ausgestandene Leid des Seminars über Avantgarde-Videokunst der Achtziger zurückerinnert – einmal gepackt, hört man nicht auf, Medienkulturwissenschaftler*in zu sein.
Lea Gerstenberger und Philipp Reichenbach studieren Medienkulturwissenschaft im Master.

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