"Uns fehlen 17.000 Euro": Interview mit Artik-Geschäftsführer Konstantin Rethmann

Manuel Lorenz

Das Artik feiert sein zweijähriges Bestehen mit einem fünftägigen Festival! Doch zwei Wolken trüben die Heiterkeit: Erstens braucht die Jugendkulturplattform dringend Geld, zweitens muss sie 2016 umziehen. Ein Interview mit Geschäftsführer Konstantin Rethmann:



Konstantin, welcher Tag im Artik war für dich in den letzten zwei Jahren der schönste?

Die beiden Tage mit den Charity Dance Battles letztes und dieses Jahr. Die wurden von ein paar Freiburger Hiphoppern, Breakdancern, Popping- und Locking-Leuten organisiert und hatten einen wahnsinnig schönen Style, Spirit und Reichweite. Da hattest du das Gefühl, dass sie von sonst woher kommen, mit weltbekannten Leuten, und die rissen hier den ganzen Tag lang eine super geile Show ab. Das war Jugendkultur in Reinform, wie ich sie selten gesehen habe. Zucker. Insgesamt kamen 150 Tänzer plus Zuschauer. Wenn du siehst, wie der Andrang auf der Treppe steht, du noch nicht am Einlass bist, du noch die letzten Minuten Vorbereitung machst, die Mucke angeht, die Leute dastehen, gebannt sind und mitgenommen werden – das ist schon etwas ganz Besonderes.

Worauf blickst du nicht so gerne zurück?

Das hat gar nicht so viel mit dem Tagesgeschäft zu tun. Aber: Wir haben in den letzten zwei Jahren zwei Menschen verloren. Das waren Tiefpunkte, mit denen du erst mal nicht umgehen kannst, bei denen du vor einer Wand stehst und nicht weiter weißt. In einem Fall haben wir ja sogar eine Trauerfeier im Artik abgehalten. Die Familie hatte Kontakt zu uns gesucht, und noch heute haben wir eine Beziehung zu ihr, schreiben uns E-Mails und tauschen uns aus. Und so traurig die beiden Todesfälle waren: Es war wunderschön mit anzusehen, mit was für einer Haltung damit umgegangen wurde. Das hat uns angespornt weiterzumachen. Wir sind nicht in jedem Moment die perfekte Gemeinschaft. Aber wenn’s Hart auf Hart kommt, wissen wir schon alle ganz genau, weswegen wir hier sind.

Im März habt ihr das Artik vorübergehend geschlossen und seid in Klausur gegangen. Was war noch mal der Grund dafür?

Im Frühjahr haben wir zum ersten Mal ein volles Betriebsjahr abgerechnet und dabei realisiert, dass über die Hälfte der 43.000 Euro, mit denen uns die Stadt Freiburg bezuschusst, für Nebenkosten draufgeht. Wir hatten ein Brett vorm Kopf und dachten uns: Wow, das war vielleicht ein kleines bisschen zuviel, was wir in den letzten Jahren gemacht haben. Vielleicht müssen wir klarer Prioritäten setzen. Wir brauchten diesen Monat Pause, um nicht dem Tagesgeschäft hinterherzuhecheln und unseren Projekten nicht mehr gerecht zu werden. Wir saßen fast jeden Tag zusammen und haben darüber nachgedacht, wie wir das Artik neu aufstellen wollen. Der März hat uns die nötige Ruhe gebracht. Den Probebetrieb beenden wir jetzt mit unserem Festival.

Und? Wie wollt ihr das Artik neu aufstellen?

Vielleicht können wir nicht mehr ganz so laut sein wie in der Vergangenheit. Vielleicht können wir nicht mehr ganz so viele Veranstaltungen machen – aber wenn, dann richtig. Wir bekommen sehr viele Veranstaltungsanfragen für Freitage und Samstage, und da werden wir besser auswählen müssen, was davon möglich ist und was nicht. Vielleicht werden wir also nicht mehr an jedem Wochenende mit zwei Tagen am Start sein. Auch dürfen wir den finanziellen Aspekt bei den Veranstaltungen nicht vernachlässigen. Stärker konzentrieren wollen wir uns auf Gruppen wie den Chaos Computer Club Freiburg oder Blackwood Films. Und auf Projekte, die fortlaufend hier unten stattfinden und die halt nicht bekannt sind – ein Tanzprojekt zum Beispiel, das auf eine Aufführung hinprobt und mehrmals die Woche da ist.

Warum habt ihr eigentlich erst jetzt gemerkt, dass euch der Städtische Zuschuss nicht reicht?

Erstens war 2012 kein volles Betriebsjahr, zweitens stand uns 2012 und 2013 de facto mehr Geld zur Verfügung – wegen des Doppelhaushalts 2011. 2013 haben wir einen Sonderzuschuss bekommen. Dieses Jahr müssen wir zum ersten Mal mit dem reinen Zuschuss von 43.000 Euro auskommen – und sehen schon jetzt, es klappt nicht.

Und dann ist da noch das Jahr 2016. Da wird die neue Straßenbahn gebaut, da müsst ihr aus der Unterführung raus.

Ja. Das wussten wir von Anfang an.

Und trotzdem seid ihr damit irgendwie unzufrieden.

Wir würden uns wünschen, dass man aktiver auf uns zukommt und uns sagt: Wir möchten uns mit euch hinsetzen, euch erklären, warum ihr hier raus müsst und gemeinsam mit euch überlegen, ob’s vielleicht doch eine Möglichkeit gibt, etwas zu erhalten oder anders zu gestalten. So haben wir immer ein bisschen das Gefühl, dass man uns am langen Arm verhungern lässt.

Das klingt nach einem Vorwurf.

Nee, kein Vorwurf. Das einzige, was wir sagen wollen, ist: Hey, unterm Siegesdenkmal ist jahrzehntelang Jugendkultur geschrieben worden, hier ist soviel Engagement von Jugendlichen reingeflossen, und wir haben keine Lärmproblematik. Wo finden wir solche Räume im beengten Freiburg wieder? Lasst sie uns doch gemeinsam angucken, um zu überlegen, ob irgendwas möglich ist – oder eben absolut nicht. Wir finden es schade, dass sie bei der Suche nach einem neuen Standort von vornherein ausgelassen werden.

Steht und fällt das Artik denn mit dem Siegesdenkmal?

Nein. Wir haben den Willen, über 2016 hinaus weiterzumachen. Warum sollte das Artik an diesen Ort gebunden sein? Vor 2016 haben wir aber ein finanzielles Problem, mit dem wir umgehen müssen.

Wie viel Geld fehlt euch denn konkret?

Uns fehlen circa 17.000 Euro. Wir haben allerdings noch kein Minus auf dem Konto. Wenn wir aber auf dem Level so weiter machen, wie in den vergangenen zwei Jahren, kommen wir gegen Mitte des Jahres in die roten Zahlen.

Wie wollt ihr die 17.000 Euro herbekommen?

Wir haben zum Beispiel gerade eine 30.000 Euro schwere Werbekampagne gewonnen. Seit dem 31. März hängen in der ganzen Stadt Plakate von uns, auf denen steht „Helft mit, rettet das Artik!“. Darauf rufen wir auch zum Spenden auf. 1090 Euro haben wir so schon reinbekommen, und die Plakate hängen noch bis Mitte Mai.

Und die restlichen 16.000?

Darüber finden gerade wahnsinnig viele Gespräche statt. Wir bieten unsere Räume für die Nutzer ja umsonst an – aus Überzeugung. Wir haben nicht vor, unserem – zum Beispiel – Tanzprojekt zu sagen: Ihr müsst uns jetzt so und so viel zahlen. Es ist aber auch klar, dass wir alle näher zusammenrücken und uns fragen müssen, wie wir’s denn dann ran kriegen. Vielleicht ja im Bereich Fördermitgliedschaften. Oder mit Charity-Partys. Am Samstag hatten wir 15 DJs da, die unendgeldlich aufgelegt haben. Da sind wahrscheinlich auch noch mal 1500 Euro hängengeblieben. Früher waren wir immer für andere da und haben für andere Charity gemacht – zum Beispiel für die Philippinen. Jetzt müssen wir’s halt mal für uns selbst machen. Bei all der Hilfe für die anderen haben wir uns selbst nämlich ganz vergessen.

Zur Person

Konstantin Rethmann, 30, geboren in Osnabrück, lebt seit über zehn Jahren mit Unterbrechungen in Freiburg. Er ist Diplom-Pädagoge; seit Ende letzten Jahres ist er Geschäftsführer der Jugendkulturplattform Artik. Sein persönliches Motto: You try - you fail - no matter - try again - and fail better! In seiner Freizeit hört er für sein Leben gerne gute Musik: zum Beispiel Hiphop aus der New Yorker Ecke und den Jahren 1995 bis 1999. Eine Art Lieblingsfilm: "La Haine" von Mathieu Kassovitz.

Das Festival

Mittwoch, 30. April 2014
U-18-Party We Are Young

Donnerstag, 1. Mai 2014
Tag der Offenen Unterführung

Freitag, 2. Mai 2014
Contests (zum Beispiel Poker, Graffiti, Poetry-Slam, Minigolf)
Ausstellung mit Skateboard-Kunst von Woodbird

Samstag, 3. Mai 2014
Frollein-Flohmarkt
Konzert von Nogood Sisters
Abriss-oder-Neugeburt-Party

Sonntag, 4. Mai 2014
Filme und Open-Jam

Das vollständige Programm:
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[Foto: Manuel Lorenz]