Uni-Protest: Worunter leiden Freiburger Studenten?

Minh Duc Nguyen, Nadine Paulus & David Weigend

Die Slogans auf den Demoplakaten der Bildungsstreikenden sind mitunter genauso abstrakt wie die Formulierungen auf den Plenums-Ausschuss-Papieren im Audimax. Wir wollten von drei Studenten wissen: wo drückt Euch der Uni-Schuh?





"Ohne Arbeiten könnte ich mir Studieren nicht leisten"

Jonathan, 24, studiert im siebten Semester Physik und Mathematik auf Diplom

"Ich gehe auch in den Ferien arbeiten, um mein Studium zu finanzieren. Zwar bekomme ich ein wenig Geld von meinen Eltern, das war jedoch eine zähe Angelegenheit, da sie verstritten sind. Ich habe anderthalb Jahre lang mit meinem Anwalt dafür gekämpft, dass meine Eltern ihre Einkommen offenlegen. Bis heute verweigert mir das BAföG-Amt jede Zahlung wegen der fehlenden Einkommensoffenlegung.
 
Die momentane Situation finde ich unerträglich. Meiner Meinung nach muss Bildung frei sein für alle Menschen. Schließlich möchte ich mehrere Aspekte während des Studiums erforschen und nicht nur Stoff für den späteren Beruf auswendig lernen. Wegen des Bildungskredits: ich habe mich dagegen entschieden, da ich nicht davon ausgehen kann, dass ich nach dem Studium automatisch einen Job finden werde.

Studiengebühren sind unsozial, deswegen bin ich dagegen. Denn dadurch werden überwiegend Leute aus sozial schwachem Milieu benachteiligt. Viele junge Menschen können sich ein Studium aufgrund der Studiengebühren nicht leisten. Und wenn, dann müssen sie nebenher arbeiten gehen, so dass sie am Ende zwei oder drei Semester nachsitzen müssen, um ihren Abschluss zu machen.

Auch die Regelung für die Befreiung von Studiengebühren finde ich unfair: Zwar werden Mütter von Studiengebühren befreit, jedoch nur, wenn das Kind acht Jahre alt ist oder jünger. Sobald es älter ist, müssen diese Mütter bezahlen."



"Ich werde zu oberflächlichem Lernen gezwungen"

Niklas, 22, studiert Politik- und Islamwissenschaften im dritten Semester

"Am vergangenen Semesterende hatte ich in einer Woche fünf Prüfungen. Sprachklausuren in Spanisch und Arabisch, eine Klausur zur Vorlesung über Politische Theorie, eine Klausur zur vergleichenden Regierungslehre und eine Klausur über die politischen Systeme der arabischen Welt.

Am Montag waren zwei, eine um 8 Uhr und eine um 12 Uhr. Am Dienstag kam die nächste Prüfung, am Freitag nochmal zwei. Ich wusste gar nicht mehr, wo ich anfangen und aufhören sollte mit lernen. Ich saß einen Monat lang non stop am Schreibtisch. Alle Noten fließen zum Schluss in meine Bachelornote ein. Diese Note wiederum ist für mich sehr wichtig, um die Chance für einen Masterplatz zu kriegen. Die Masterplätze sind in meinem Fach besonders rar gesät.  Im Normalfall habe ich danach noch drei Wochen Zeit, um eine oder zwei Hausarbeiten zu schreiben. Dass ich die qualitativ nicht mehr so gut schreiben kann, wie es mir möglich wäre, liegt auf der Hand. Mir fehlt einfach die Zeit für eine adäquate Recherche. Und von Freizeit spreche ich gar nicht erst.

Die Ballung der Prüfungen am Semesterende im Bachelor haben System. Ich frage mich, warum dieses System sein muss. Und ich wehre mich jetzt dagegen. Das ist doch ein organisatorisches Problem, das sich entzerren lässt. Auch die Frist für die Hausarbeiten müsste man doch ein wenig nach hinten verlegen können. Du wirst zu oberflächlichem Lernen gezwungen. Es wird dir nicht mehr die Zeit zugestanden, irgendwo in die Tiefe zu gehen. Zum Glück habe ich bislang alle Prüfungen bestanden."



"Es geht nur noch ums Punktesammeln"

Daniel (21), studiert im 3. Semester Kunstgeschichte

„Mein Hauptproblem mit dem Bachelorstudium ist, dass die Prüfungsordnung und der Studienverlaufsplan zu starr geregelt sind. In jedem Semester wird mir genau vorgeschrieben, welche Veranstaltungen ich belegen muss. Wenn man von der Prüfungsordnung irgendwie abweichen möchte, wird es schwierig. Ich begann damit, Germanistik zu studieren, wechselte dann aber auf Kunstgeschichte. Dadurch muss ich jetzt noch eine Pflichtveranstaltung nachholen und darf nicht die Seminare machen, auf die ich eigentlich Lust hätte.

In der Pflichtveranstaltung muss ich noch nicht einmal etwas leisten, sondern sitze da nur meine Zeit ab, um die zwei vorgeschriebenen ECTS-Punkte zu bekommen. Generell geht es mir beim Bachelorstudium viel zu sehr ums bloße Punktesammeln.

Außerdem stören mich die kurzen Fristen. Für die Anmeldung zur Prüfung beträgt die Frist zum Beispiel nur vier Tage. Wer diesen Termin verpasst, kann sich unter Umständen das Seminar nicht mehr anrechnen lassen. Auch für die Abgabe von Hausarbeiten sind die Fristen knapp bemessen. Im letzten Semester war es zum Beispiel so, dass die Lehramtsstudenten, die die gleichen Veranstaltungen besucht haben wie ich, bis Ende September Zeit hatten, um ihre Hausarbeit abzugeben. Wir Bachelor-Studenten mussten schon drei Wochen nach Semesterende damit fertig sein. Die Dozenten hätten uns gerne mehr Zeit gegeben, aber die Prüfungskommission erlaubt das nicht.

Wenn ich den Arbeitsaufwand für meine Pflichtveranstaltungen zusammenrechne, komme ich auf etwa 40 Stunden pro Woche. Da bleibt nicht mehr viel Zeit, um noch andere Sachen zu machen. Selbstbestimmtes Studieren geht verloren, alles wird nur von oben vorgegeben. Im ersten Semester, wenn man sich noch orientieren muss, ist das vielleicht noch ganz praktisch. Aber eigentlich sollte Studieren doch frei sein und nicht so unflexibel und bürokratisch.“

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